Die Babyboomer-Generation steht vor einem umfassenden Generationenkonflikt, der durch Rentenfragen und Klimaschutz geprägt ist. Während sie für ihre Verdienste kritisiert werden, stellt sich die Frage, welches Erbe sie den Jüngeren hinterlassen.
Babyboomer, Rente und Klima: ein Generationenkonflikt eskaliert

Krisenerfahren und optimistisch: Die Babyboomer-Generation hat zahlreiche Herausforderungen gemeistert und gelernt, Krisen als Chancen zu begreifen.
Aktuell sind die Babyboomer, die zwischen 1954 und 1965 oder sogar bis 1969 geboren wurden, noch in vielen Schlüsselpositionen in Unternehmen, Medien, Wissenschafts- und Kulturinstitutionen sowie in der Politik aktiv. In den kommenden Jahren wird jedoch ein erheblicher Teil dieser Generation, bis zu 20 Millionen Menschen bis zum Jahr 2036, aus dem Arbeitsleben ausscheiden, was fast ein Drittel der derzeit Beschäftigten ausmacht.
Konflikte zwischen den Generationen
Anstatt von den Jüngeren für ihre Verdienste gewürdigt zu werden, sehen sich viele Boomer mit dem abwertenden Ausdruck „Okay, Boomer“ konfrontiert. Die jüngeren Generationen stellen in Frage, wie sie die Rentenansprüche der Boomer erfüllen sollen, und sorgen sich um ihre eigene Altersvorsorge. Zudem werfen sie den Boomer vor, ignorant und spießig zu sein, sich nur um ihre Karriere gekümmert zu haben, den Klimawandel ignoriert zu haben und kommenden Generationen ein „Trümmerfeld“ hinterlassen zu haben. Ist diese Kritik gerechtfertigt?
Der Ursprung des Begriffs „Okay, Boomer“
„Der Begriff wurde 2019 zum Internetphänomen“, erklärt Angelika Melcher, Co-Autorin des Buches „Boomer gegen Zoomer“, das sich mit dem aktuellen Generationenkonflikt auseinandersetzt. In diesem Jahr fanden die Fridays for Future-Demonstrationen statt, bei denen junge Menschen für mehr Klimaschutz eintraten. Sie sahen ihre Zukunft durch die Klimakrise gefährdet – eine Zukunft, die die Boomer möglicherweise nicht mehr erleben werden. „Die Klimakrise wurde zur Generationenfrage“, so Melcher.
Leistungsträger oder Sündenbock
Der Klimaaktivist Pit Terjung weist darauf hin, dass seit 1972 wissenschaftliche Erkenntnisse des Club of Rome zur Klimakrise vorliegen, jedoch keine politischen Veränderungen erfolgt sind. Er sieht den Vorwurf an die Boomer, sie hätten viel verschlafen, als „durchaus gerechtfertigt“, da diese Generation ein Drittel der Emissionen verursacht.
Positive Aspekte der Boomer-Generation
Fleißig, krisenerprobt und optimistisch – es gibt auch positive Aspekte, die die Boomer-Generation prägen. Sie haben zahlreiche Krisen durchlebt, darunter die Ölkrise, die RAF und der Deutsche Herbst, Tschernobyl, die Angst vor der Atombombe sowie die Aids-Pandemie. Diese Erfahrungen haben sie gelehrt, mit Zufällen und Schicksalsschlägen umzugehen und Krisen als Chancen zu betrachten, wie der Soziologe Heinz Bude anmerkt.
„Nicht klagen, sich nicht beschweren“, hebt Bude als wichtige Eigenschaft der Boomer-Generation hervor.
Er selbst ist Jahrgang 1954 und sieht die Fähigkeit der Boomer, mit dem, was sie haben, richtig umzugehen, als eine Stärke an. Zudem haben sie gelernt, mit Konkurrenz umzugehen, was ihnen in verschiedenen Lebensbereichen zugutekommt.
Der historische Auftrag der Boomer
Thomas E. Schmidt, Jahrgang 1959, resümiert, dass die Boomer ihren historischen Auftrag erfüllt haben. Sie hätten die Bundesrepublik, die anfangs von „Altnazis“ geführt wurde, mit Leben gefüllt und in einem demokratischen Geist verwirklicht. Schmidt ist der Ansicht, dass die Boomer heute nicht mehr die Meinungshoheit besitzen, da viele Debatten von Jüngeren geprägt werden.
Das Potenzial der Boomer nach der Pensionierung
Die Boomer leben länger, sind körperlich und geistig fit und besser ausgebildet als frühere Generationen. Experten sind sich einig, dass sie auch nach der Pensionierung noch viel Potenzial haben. Die Arbeitspsychologin Jana Nikitin von der Universität Wien betont, dass viele Boomer bereit sind, nachfolgendem Generationen etwas zu geben, sei es durch die Betreuung von Enkelkindern oder durch Engagement in Schulen.
Ehrenamtliche Tätigkeiten
60 Prozent der Boomer könnten sich ein Ehrenamt nach dem Renteneintritt vorstellen, jedoch unter ihren eigenen Bedingungen. Die Demografie-Expertin Jana Lunz von der Körber-Stiftung hebt hervor, dass sie ihr Engagement mit eigenen Interessen verbinden und zeitlich flexibel sein möchten.
Für Kulturorganisationen könnten die Boomer ebenfalls eine wichtige Ressource darstellen, da ihr Interesse an Kunst und Kultur im Alter steigt. Sie sind nicht nur fit genug, um kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, sondern verfügen oft auch über die finanziellen Mittel dazu.
Wissenstransfer und KI
Ein zentrales Problem für Unternehmen ist der demografische Wandel und der damit verbundene Wissenstransfer. Maria Kretschmer vom Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik erklärt, dass mit der KI-Anwendung „Stark Buddy“ das Wissen erfahrener Fachkräfte bewahrt werden soll. Diese Technologie ermöglicht es, situatives Wissen aufzuzeichnen und in einer Datenbank zu speichern, die später über einen Chatassistenten abgerufen werden kann.
Brücken zwischen den Generationen bauen
Die Arbeitspsychologin Jana Nikitin plädiert für einen verstärkten Austausch zwischen den Generationen, um dem negativen Bild vom Alter und der Altersdiskriminierung entgegenzuwirken. „Intergenerationale Kontakte bauen Vorurteile ab, und zwar auf beiden Seiten“, betont sie. Allerdings zeigen Studien, dass viele Studierende kaum Kontakt zu älteren Menschen außerhalb ihrer Familien haben, was negative Altersstereotype verstärkt.
Es könnte sein, dass das Wissen und die Erfahrung der Boomer erst richtig gewürdigt werden, wenn sie die Unternehmen verlassen haben. Die Übergabe von Verantwortung in der Arbeitswelt könnte dazu führen, dass die Lebensleistung der Boomer-Generation endlich Anerkennung findet.
Quellen: deutschlandfunk
Bildquelle: Shutterstpck / Volodymyr TVERDOKHLIB








