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Deutschland: Wohnungsbau vor tiefgreifender Krise

Baugenehmigungen auf historischem Tiefstand, Mieten steigen, Bauherren leiden unter gestiegenen Zinsen und Baupreisen.

2023 Jahr wurden in neu zu errichtenden Wohngebäuden insgesamt 214.100 Wohnungen genehmigt - rund 30 Prozent weniger als im Vorjahr.
Foto: Sven Hoppe/dpa

Düstere Aussichten für den Wohnungsbau in Deutschland trotz starker Nachfrage in vielen Regionen: Nach einem Einbruch der Baugenehmigungen 2023 auf den niedrigsten Stand seit mehr als zehn Jahren droht sich die ohnehin angespannte Lage noch zu verschärfen. «Die fehlenden Baugenehmigungen werden zu fehlenden Wohnungen in den kommenden Jahren führen und den Markt noch weiter aufheizen», warnte der Zentralverband Deutsches Baugewerbe.

Laut vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes sanken die Genehmigungen der Baubehörden im letzten Jahr um 26,6 Prozent auf 260.100 Wohnungen. Zuletzt war die Zahl im Jahr 2012 mit damals 241.100 Einheiten niedriger. Das von der Bundesregierung ursprünglich ausgegebene Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr liegt in weiter Ferne.

Genaue Zahlen Ende Mai

Die Baugenehmigungen geben keine Auskunft darüber, wie viele Wohnungen im letzten Jahr tatsächlich gebaut wurden – voraussichtlich Ende Mai werden vom Statistischen Bundesamt Zahlen dazu veröffentlicht. Die Bewilligungen sind jedoch ein wichtiger Indikator für die zukünftige Bautätigkeit.

Nach Angaben des Ifo-Instituts wurden im letzten Jahr schätzungsweise 270.000 Wohnungen fertiggestellt. Für das aktuelle Jahr erwartet das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut nur 225.000 Fertigstellungen. Gleichzeitig herrscht in vielen Städten weiterhin ein großer Wohnungsmangel, was zu einem starken Anstieg der Mieten geführt hat.

Privaten Bauherren wie Unternehmen machen vor allem gestiegene Zinsen für Immobilienkredite und höheren Baupreise zu schaffen.  Besonders im Wohnungsbau werden deswegen viele Vorhaben verschoben oder abgesagt. Das Ifo-Geschäftsklima im Wohnungsbau fiel im Januar auf den niedrigsten jemals gemessenen Wert. «Der Ausblick auf die kommenden Monate ist düster», sagte Ifo-Umfrageleiter Klaus Wohlrabe jüngst. Neuaufträge blieben aus, zugleich würden weitere Projekte storniert, mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen klage über Auftragsmangel. 

Verband: Bundesregierung muss bei Wohnungsbau Gas geben

Die Branche kritisiert zudem teils unzureichende Förderangebote und hohe staatliche Abgaben. Gemeint sind staatlich bedingte Kosten beim Bau von Wohnungen, etwa die Grunderwerbsteuer, Umsatzsteuer, technische Baubestimmungen oder energetische Anforderungen. «Bauen ist heute faktisch unmöglich», sagte der Präsident des Zentralen Immobilien-Ausschusses, Andreas Mattner jüngst. 

Der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen forderte, die Bundesregierung müsse beim Wohnungsbau endlich Gas geben. «Wir befinden uns in einer tiefen Wohnungsbaukrise. Die bislang von der Regierung eingeleiteten Maßnahmen wirken offenkundig zu langsam und sind zu wenig», sagte Verbands-Präsident Axel Gedaschko. «Wir brauchen ein groß angelegtes Zinsförderprogramm für bezahlbaren Wohnungsbau – und zwar jetzt.» 

Das Baugewerbe mahnte eine schnelle Verabschiedung des Wachstumschancengesetzes an. «Die Bauunternehmerinnen und -unternehmer kämpfen mit ihren Beschäftigten um die Existenz und haben kein Verständnis für politische Spielchen», sagte Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Deutsches Baugewerbe. Die Union knüpft ihre Zustimmung im Bundesrat zum ausgehandelten Kompromiss des Vermittlungsausschusses daran, dass die Regierungsseite die geplanten Kürzungen der Agrardiesel-Subventionierung zurücknimmt.

Genehmigungen für Ein- und Zweifamilienhäuser gesunken

Die Zahlen der Statistiker enthalten sowohl die Baugenehmigungen für Wohnungen in neuen Gebäuden als auch Umbauten. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 214.100 Wohnungen in neu zu errichtenden Wohngebäuden bewilligt. Dies entsprach einem Rückgang von 29,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insbesondere die Anzahl der Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser (minus 39,1 Prozent auf 47.600) und Zweifamilienhäuser (minus 48,3 Prozent auf 14.300 Wohnungen) sank deutlich. Diese Gebäudekategorien werden in der Regel von Privatpersonen errichtet. Etwa zwei Drittel der Neubauwohnungen in Deutschland werden in Mehrfamilienhäusern gebaut, die hauptsächlich von Unternehmen errichtet werden. Hier sank die Anzahl der Bewilligungen um 25,1 Prozent auf 142.600 Wohnungen.

«Die Realität ist eine lähmende Kombination aus anhaltend hohen Baukosten und Zinsen bei gleichzeitig fehlender Förderung. So kann aktuell fast keiner mehr bauen, vor allem nicht bezahlbar für die Mittelschicht», beschrieb Gedaschko die aktuelle Lage. 

dpa