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Galeria Karstadt Kaufhof vor dem Aus?

Kaufinteressenten prüfen Zukunft des traditionsreichen Warenhauses. Umsatzrückgang und Insolvenz bedrohen über 140-jährige Geschichte.

Die geschlossene Galeria-Kaufhof Filiale im hessischen Hanau.
Foto: Boris Roessler/dpa

Kleidung, Schuhe, Taschen, Uhren – bei Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) gibt es jetzt Rabatte. In den Geschäften, in Prospekten und online wirbt die insolvente Warenhauskette für ihre Frühlingsangebote – genauso wie es die meisten anderen Einzelhändler auch tun. Es scheint, als ob nichts passiert wäre. Doch die Zeit läuft ab. In etwas mehr als zwei Wochen wird zumindest die Tendenz klar sein – nämlich, ob Galeria eine Zukunft hat oder ob die Unternehmensgeschichte mehr als 140 Jahre nach der Gründung möglicherweise endet.

Die Frist für die Abgabe verbindlicher Angebote für das Unternehmen endet am 22. März. Kurz zuvor wurden Zahlen veröffentlicht, die potenzielle Käufer interessieren dürften. Laut dem Statistischen Bundesamt ist der Umsatz von Kaufhäusern in Deutschland seit 2003 inflationsbereinigt um 35 Prozent gesunken. Die Frage, ob es im Jahr 2024 überhaupt noch Kaufhäuser braucht, ist nicht neu, aber entscheidend für Kaufinteressenten.

Aus Sicht von Johannes Berentzen, dem Geschäftsführer der Handelsberatung BBE, steckt nicht das Kaufhaus insgesamt in der Krise. «Das Geschäftsmodell ist nicht grundsätzlich aus der Zeit gefallen, sondern die Art und Weise, wie Galeria es betreibt. Kleinere inhabergeführte Warenhäuser wie Kaufring aus München oder das älteste Kaufhaus Deutschlands, Rid aus Weilheim, sind – auch in den letzten Jahren – durchaus erfolgreich.»

«Trend geht von der Bedarfsdeckung zur Bedarfsweckung»

Stefan Denkhaus, der vorläufige Insolvenzverwalter von Galeria, hat kürzlich von mehreren Kaufinteressenten berichtet. Bei den Gesprächen mit potenziellen Investoren liegen viele Zahlen auf dem Tisch. Welche Standorte sind wirtschaftlich? Wie viele müssen mindestens erhalten bleiben? Wie stark kann die Miete reduziert werden? Auch Faktoren wie die Kaufkraft der Stadt und Region, in der eine Filiale liegt, spielen eine Rolle. Am Ende gilt es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Ein neuer Besitzer wird kaum eine andere Wahl haben: Er oder sie muss das Konzept ändern, Galeria zumindest teilweise neu erfinden und auf moderne Bedürfnisse ausrichten – zum Beispiel mit mehr Unterhaltungs- und Erlebnis-Elementen. «Insgesamt geht der Trend im stationären Nonfood-Handel von der Bedarfsdeckung zur Bedarfsweckung. Wer sich nicht in diese Richtung entwickelt, wird langfristig aus dem Markt ausscheiden. Die Bedarfsdeckung funktioniert selbst kurzfristig aus Konsumentensicht deutlich schneller online», sagt Berentzen.

Der stationäre Einzelhandel erlebt wegen vielfältiger Krisen und Konsumflaute schwierige Zeiten. Nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland (HDE) mussten seit 2019 deutschlandweit etwa 46 000 Geschäfte schließen. «Das ist eine dramatische Entwicklung, die Spuren in unseren Innenstädten hinterlässt», sagt Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre sieht es für die Branche jedoch zumindest etwas besser aus als bei Galeria. Seit 2003 verzeichnet der Einzelhandel insgesamt ein Umsatz-Plus von 11 Prozent, der Versand- und Onlinehandel legte sogar um 170 Prozent zu.

Früher 15 Prozent Marktanteil – heute 1,2 Prozent

Anders als in anderen Branchen kann der Abwärtstrend bei Galeria nicht allein durch kurzfristige Phänomene wie hohe Inflation und gestiegene Preise erklärt werden. Die Krise ist tiefer. Das Unternehmen befindet sich bereits zum dritten Mal innerhalb von dreieinhalb Jahren in der Insolvenz. Die Anzahl der Filialen hat sich seit 2019 halbiert. Der einstige Warenhaus-Riese hat nur noch weniger als 90 Standorte. Der Umsatz ist laut dem Handelsforschungsinstitut EHI allein zwischen 2019 und 2022 von 4,5 auf 1,9 Milliarden Euro gesunken.

Das Warenhaus ist im Jahr 2024 längst nur noch Nischen-Erscheinung. Der Marktanteil, der in den 60ern bei 15 Prozent lag, ist auf mickrige 1,2 Prozent geschrumpft. Kult allein wird künftig nicht mehr reichen. «Die deutsche Romantik, à la «Galeria ist die deutsche Instanz, zu der man schon mit der Großmutter ging», spielt jetzt vor der Schließung bei den Menschen gedanklich eine größere Rolle als es zuvor bei der tatsächlichen Wahl der eigenen Einkaufsstätte spielte», sagt die Handelsexpertin Theresa Schleicher.

Und wenn sich kein Käufer findet?

Galeria-Chef Olivier van den Bossche hat die Latte für Käufer zuletzt hoch gelegt: Er will das Unternehmen als Ganzes erhalten und eine Mehrheit der gut 90 Filialen fortführen. Gespräche mit Investoren, die nur eine kleinere Zahl von Standorten übernehmen wollen, wurden hintangestellt. Experten halten das für wenig aussichtsreich. Und wenn sich kein Käufer findet? Schleicher kann sich vorstellen, dass ein Aus von Galeria für die Innenstädte sogar eine positive und belebende Wirkung haben kann. «Es entstehen neue Hotels, Cafés, einzelne Händler im Erdgeschoss statt eines großen Tempels. Manche trauen sich aber auch daran: Kulturstätten oder hybride, also digital vernetzte Plattformen. Das schafft eine neue qualitative Vielfalt in den Innenstädten. Und darum geht es letztendlich», sagt Schleicher.

Die Handelsexpertin sieht sogar günstige Voraussetzungen dafür, dass sich der Trend wieder zurück, zugunsten des stationären Einzelhandels verlagert. Menschen kauften im Vergleich zu den Jahren zuvor wieder bevorzugt dort ein, das habe positive Effekte. «Dadurch geben sich die einzelnen Läden wieder mehr Mühe, auf eine besondere Atmosphäre, ein schönes Design, auf Gastronomie und auf Beratung zu setzen. Das führt auch zu mehr Kaufkraft in der Stadt, die auch andere Unternehmen ermutigen kann, wieder auf eine Fläche in der Innenstadt zu setzen».

dpa