Der Bierkonsum in Deutschland erreicht einen neuen Tiefstand, während die Brauereien mit steigenden Kosten und zurückhaltenden Verbrauchern zu kämpfen haben. Die Energiewende und der Preiskampf im Handel verschärfen die Situation zusätzlich.
Bierkonsum in Deutschland auf neuem Tiefstand, Brauereien in Alarmstimmung

Im letzten Jahr wurde in Deutschland weniger Bier getrunken als selbst im Jahr 2021, das von Corona geprägt war. Die Brauereien sind besorgt, da ihr Gesamtabsatz nach der kurzen Erholung im Jahr 2022 einen neuen Tiefstand erreicht hat. Laut dem Statistischen Bundesamt sank der Absatz um 4,5 Prozent auf 8,4 Milliarden Liter.
Immer weniger deutsche und internationale Kunden mögen das Traditionsgetränk. Neben den Trends gesunde Ernährung und alternde Gesellschaft machen sich die Branche große Sorgen aufgrund der stark steigenden Kosten und der zurückhaltenden Verbraucher, die seit dem russischen Angriff auf die Ukraine auftreten.
Sorgen um Energiewende
Dabei stehen die größten Probleme erst an: Die Produktion von Bier ist mit dem Erhitzen und Kühlen großer Mengen Flüssigkeit sehr energieintensiv. Der Präsident des Deutschen Brauer-Bundes, Christian Weber, warnte kürzlich in einem Interview vor den immensen Kosten: «Wenn wir in naher Zukunft unsere Brauereien elektrifizieren müssen, um Klimaneutralität zu erreichen, reden wir über Kosten in Milliardenhöhe.»
Auch die Reinigung von Flaschen brauche viel Energie. «Um eine Brauerei komplett von Gasbetrieb auf alternative Prozesse umzustellen, müsste man etwa 80 Prozent einer Brauerei neu bauen.»
Obwohl Weber auf die Innovationskraft seiner Mitgliedsunternehmen vertraut, ist die Branche durch die angestrebte Klimawende geschwächt. Seit 1993 ist der Bierabsatz in Deutschland um mehr als ein Viertel zurückgegangen. Im vergangenen Jahr wurden allein Braukapazitäten für mehr als 200 Millionen Liter aus dem Markt genommen. Die traditionsreiche Binding-Brauerei in Frankfurt am Main, die sich am Konzernsitz des Marktführers Radeberger befindet, wurde geschlossen. In Hessens größter Stadt gibt es daher nur noch kleine, handwerkliche Brauereien oder als Alternative die Keltereien für den eher lokal beliebten Apfelwein.
Veltins sieht nervöse Konkurrenten
Die Situation gerade der kleinen und mittelständischen Unternehmen werde sich angesichts der beschleunigten Absatzverluste unweigerlich zuspitzen, erklärte der Chef der sauerländischen Veltins-Brauerei, Michael Huber. Die geringeren Mengen reichten längst nicht aus, um die langjährigen Überkapazitäten zurückzuführen. Die Nervosität unter den Brauern sei angesichts der hohen Kosten groß. «Die unabdingbaren Investitionen in die energetische Transformation bedeuten für viele Brauhäuser das absehbare Aus, weil es an Renditekraft fehlt und die Wirtschaftlichkeit nicht mehr herstellbar ist.»
Seit Jahren entwickelt sich der Absatz alkoholfreier, nicht von der Steuerstatistik erfasster Biere besser als der Absatz klassischer Sorten, was laut Brauer-Bund wohl auch 2023 so war. Gleichwohl blieb im Flautenjahr unter dem Strich auch in diesem Bereich ein Minus, sagt Hauptgeschäftsführer Holger Eichele. Dennoch sieht er die alkoholfreien Biere mit einem Marktanteil von zurzeit sieben Prozent weiter als Hoffnungsträger. «Wir rechnen damit, dass bald jedes zehnte in Deutschland gebraute Bier alkoholfrei sein wird. Kein anderes Segment in der Brauwirtschaft hat in den letzten zehn Jahren so stark zugelegt.»
Billiger wird Bier auf absehbare Zeit für die deutschen Verbraucher wohl nicht. Eichele kritisiert den «ruinösen Preiskampf», den große Handelskonzerne zulasten der gesamten Lebensmittelwirtschaft führten. «Niemand versteht, weshalb ein in Deutschland mit Handwerkskunst und besten heimischen Rohstoffen gebrautes Bier durchgehend billiger zu haben ist als simple Softdrinks.»
In den letzten Jahren sind die Kosten für Rohstoffe, Herstellung und Vertrieb deutlich angestiegen. Die Verbraucher, die von Inflation betroffen sind, sind vorsichtiger geworden. Laut Veltins hat das Flaschenbiergeschäft im Handel kürzlich einen Verlust von rund 5 Prozent verzeichnet, während das Fassbier auf 85 Prozent des Niveaus aus dem Jahr vor der Corona-Pandemie 2019 liegt.
«Nagelsmann hilf!»
Auch die großen Biermarken seien mehrheitlich 2023 nicht um Absatzverluste herumgekommen, stellt das Fachmagazin «Inside» in seiner Jahresbilanz fest. Die kurzfristigen Hoffnungen lägen nun auf einer erfolgreichen und bierseligen Fußball-Europameisterschaft mit neuem Trainer im eigenen Land. «Nagelsmann hilf!», laute das Motto.
Im letzten Jahr waren die Bierexporte mit einem mengenmäßigen Rückgang von 5,9 Prozent noch stärker rückläufig als der Inlandsverbrauch, der um 4,2 Prozent sank. Auch der Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung, der im Jahr 2022 noch bei 86,5 Litern lag, dürfte weiter gesunken sein, jedoch liegen dem Bundesamt bisher keine Importzahlen vor.








