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Chinas Wirtschaft steht vor einem Jahr der Ungewissheit

Eine schwelende Immobilienkrise, schwächelnder Konsum und geopolitische Spannungen: Die zweitgrößte Volkswirtschaft hat mit vielen Problemen zu kämpfen. Doch die Führung in Peking hat einen klaren Kurs.

Die Turbulenzen bei den großen Immobilienentwicklern in China, die ihre Schulden nicht mehr bedienen können, sorgen für Verunsicherung.
Foto: Sheldon Cooper/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Anfang 2023 war die Erleichterung in China überall zu spüren. Nach drei Jahren harter Corona-Maßnahmen mit Lockdowns und strengen Kontrollen kehrte wieder Normalität ein. Die Menschen reagierten mit «Rachekonsum», wie es die Parteizeitung «Global Times» im Januar euphorisch formulierte. Doch der Boom nach dem Ende der Pandemie hielt nicht lange an. Chinas Wirtschaft steht zwölf Monate später zu Beginn des neuen Jahres vor Ungewissheiten.

Immobilienkrise bremst Konsumfreude

Die anfängliche Begeisterung über die zurückgewonnene Freiheit nach der Pandemie wurde von anderen Sorgen abgelöst. Besonders die anhaltende Immobilienkrise bereitet der chinesischen Mittelschicht Sorgen. Ihre Ersparnisse sind in Wohnungen gebunden, deren Wert sich lange Zeit nur nach oben entwickelt hat. Nun sinken die Preise.

Die Verunsicherung wird durch die finanziellen Schwierigkeiten der großen Immobilienentwickler in China verstärkt, da sie ihre Schulden nicht mehr begleichen können. Evergrande, der größte Entwickler des Landes, hat allein Schulden in Höhe von über 300 Milliarden Dollar angehäuft. Als Folge halten viele Menschen ihr Geld zusammen. Der Antrieb der zweitgrößten Volkswirtschaft stockt und es wird sich im neuen Jahr voraussichtlich nicht viel daran ändern.

Zwar haben die Behörden Maßnahmen zur Belebung des Wohnungsmarktes ergriffen, darunter in einigen Städten die Senkung der Mindestanforderungen für Hauskäufer und der Hypothekenzinsen. Trotz dieser Bemühungen gibt es kaum Anzeichen für eine Erholung. «Die Regierung hat zwar Maßnahmen ergriffen, aber sie sind nicht stark genug», sagt Liu Shengjun, Chefanalyst der chinesischen Denkfabrik Guoshi Financial Reform.

Jugendarbeitslosigkeit auf Höchststand

«Damit sich die Wirtschaft 2024 maßgeblich verbessert, ist ein stärkerer Konsum essenziell», meint auch Max Zenglein, Chefökonom des China-Instituts Merics in Berlin. Doch Vertrauen zurückzugewinnen, dürfte in diesem Umfeld nicht einfach werden. Vor allem unter jungen Chinesen macht sich Unbehagen breit. Unternehmen, die durch die wirtschaftliche Lage verunsichert sind, stellen weniger ein. Gleichzeitig drängt eine Rekordzahl von Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt. Im Sommer erreichte die Jugendarbeitslosigkeit mit über 20 Prozent einen Höchststand. Peking schaffte die entsprechende Statistik danach einfach ab.

Kritischer Blick auf deutsche Unternehmen

Peking steht nicht nur vor inneren Problemen, sondern sieht sich auch geopolitischen Herausforderungen gegenüber. Der Handelsstreit mit den USA, insbesondere in Bezug auf Hochtechnologien wie Computerchips, ist nach wie vor im Gange. In Peking wird der Westen immer mehr als eine Bedrohung wahrgenommen.

Auch deutsche Unternehmen müssen umdenken. «Aufgrund geopolitischer Spannungen machen deutsche Firmen ihre Lieferketten, Investitionen und Geschäftsfelder sturmfest. Chinesische Unternehmen holen rasant auf und punkten mit Innovation und Geschwindigkeit», fasst Jens Hildebrandt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer (AHK), die Lage zusammen. In diesen komplexen Markt wollen nur noch wenige Unternehmen neu einsteigen. «Diejenigen, die schon hier sind, bleiben», sagt Hildebrandt. China sei und bleibe für viele deutsche Firmen der wichtigste Wachstumsmarkt.

Ausländisches Kapital nötig – Chinas Charmeoffensive

Jedoch muss Peking sich stärker als bisher um ausländisches Kapital bemühen. Die kürzlich eingeführte Aufhebung der Visumspflicht für deutsche Staatsbürger zeigt, dass China sich bemüht. Trotzdem gibt es immer noch Widersprüche: Es gibt eine Charmeoffensive mit dem Versprechen, den eigenen Markt zu öffnen. Gleichzeitig gibt es jedoch immer noch keine Wettbewerbsgleichheit in vielen Bereichen, sagt Hildebrandt. Es bleibt abzuwarten, ob das verlorene Vertrauen zurückgewonnen werden kann. Insbesondere bei öffentlichen Aufträgen werden heimische Unternehmen in vielen Bereichen immer noch ausländischen Konkurrenten vorgezogen.

Peking strebt neues Wachstumsmodell an

«In der chinesischen Wirtschaftspolitik wird es 2024 zu weiteren Anpassungen kommen», glaubt Ökonom Zenglein. Auch mit einer Ausweitung der Stimulierungsmaßnahmen sei zu rechnen. Allerdings, so prognostiziert Zenglein, werden sich die Hilfen in Grenzen halten.

Analyst Liu argumentiert ebenfalls in diese Richtung. Um den Immobilienmarkt zu beleben, sollte Peking den Kauf von Wohnungen weiterhin erleichtern und bestehende Beschränkungen lockern. Gleichzeitig könnte der Konsum durch Einkaufsgutscheine, die von der Regierung ausgegeben werden, angekurbelt werden.

Peking hat seit langem das Ziel, die Grundlagen der Wirtschaft zu verändern und ein neues Wachstumsmodell zu etablieren. China strebt bis 2049 an, die führende Wirtschafts- und Technologienation zu sein. Die Führung scheint kurzfristig bereit zu sein, auch eine Durststrecke in Kauf zu nehmen, um dieses Ziel zu erreichen. Es wird nicht länger angestrebt, Wachstum um jeden Preis zu erreichen.

dpa