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«Claus richtet das schon» – Weselskys letzter Kampf

Arbeiterkind, ostdeutscher Gewerkschafter, CDU-Mitglied – ein politisches Etikett lässt sich Claus Weselsky kaum aufdrücken. Seit Jahren ist er das Gesicht der GDL. Sein Nachfolger wird es schwer haben.

Die GDL-Mitglieder vertrauen auf sein Verhandlungsgeschick: Claus Weselsky.
Foto: Christian Charisius/dpa

Lügner, Nieten in Nadelstreifen, Vollpfosten – wenn Claus Weselsky gegen Bosse austeilt, dürfte alteingesessenen Linken das Herz aufgehen. Meist richten sich die Schimpftiraden des 64-jährigen Gewerkschaftschefs gegen das Management der Deutschen Bahn: Während sich «Die da oben» trotz schlechter Leistung die Taschen voll machten, blieben Lokführer und Zugbegleiter auf der Strecke, lautet seine Kritik.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) kämpft derzeit mit dem bundeseigenen Konzern erneut um höhere Tarife und weniger Arbeitszeit für die Beschäftigten. Dies ist der letzte Tarifkonflikt vor seinem geplanten Ruhestand.

Vor den Kameras setzt Weselsky wieder auf den krawalligen Auftritt. Konzentriert, routiniert, mit ernster Miene prangert er dann die Uneinsichtigkeit der Arbeitgeber an. Er dürfte dabei im Hinterkopf haben, welche Worte vor allem seine Mitglieder hören wollen. «Gehasst in Wirtschaft und Sozialmedia, doch Claus Weselsky ist immer noch da», sang kürzlich der Satiriker Jan Böhmermann über Weselsky, der die GDL seit Mai 2008 meist unangefochten anführt.

One-Man-Show des Vorsitzenden

Da die GDL hauptsächlich eine One-Man-Show des Vorsitzenden ist, ist alles auf Weselsky ausgerichtet. In der Regel spricht auch nur er in die Mikrofone und Kameras. Seine beiden Stellvertreter, Mario Reiß und Lars Jedinat, stehen normalerweise rechts und links von ihm und wirken finster, während ihr Chef in die Mikros schimpft. Vor allem auf jüngere Menschen dürften die drei weißen Herren in ihren Anzügen und immer mit Krawatte etwas altmodisch wirken.

Weselsky ist in der Bundesrepublik definitiv nicht besonders beliebt, ganz im Gegenteil. Tarifkonflikte unter seiner Führung bei der GDL führten zuletzt immer zu Ärger und Frustration bei den Bahnreisenden. Vor ein paar Jahren musste der Gewerkschaftsführer sogar Polizeischutz in Anspruch nehmen, weil ein Medium seine private Adresse veröffentlicht hatte. Deshalb besteht bis heute eine Freundschaft zwischen ihm und dem Polizeigewerkschafter Rainer Wendt, der ihn damals unterstützte.

Doch die GDL-Mitglieder vertrauen auf sein Verhandlungsgeschick. «Clausi-Mausi» richte das schon, sagten einige von ihnen im Sommer, als die Gewerkschaft ihre Forderungen für die Tarifrunde mit der Bahn festlegte. Und «Clausi-Mausi» legte los: Nur fünf Tage nach der ersten Verhandlungsrunde mit der Bahn rief er zum ersten Warnstreik auf. Nach der zweiten Runde erklärte er die gesamten Verhandlungen für gescheitert und leitete eine Urabstimmung ein. Nun läuft der erste mehrtägige Streik.

Er zeigt durchaus auch mal Humor

Als linker Popstar der Arbeiterklasse eignet sich Weselsky trotz allem Arbeitskampf nur bedingt. Schon allein deshalb, weil er als Gewerkschafter CDU-Mitglied ist. «Weil das meiner konservativen Grundhaltung am nächsten kommt», erklärte er kürzlich in einem Interview. Abseits der Kameras kann er auch weniger krawallig sein. Nahbar, freundlich und sogar humorvoll tritt er dann auf.

Weselsky hat die Fähigkeit, stundenlang über vergangene Tarifrunden zu sprechen, über seine Erfahrungen mit den Medien, aber auch über die Ferienwohnung im Spreewald, wo er sich bald zur Ruhe setzen möchte. Es handelt sich um seine letzte Tarifrunde. Im nächsten Jahr plant er, von der Position des Vorsitzenden zurückzutreten und in den Ruhestand zu gehen. Es wird für Weselskys Nachfolger Reiß wahrscheinlich schwierig sein.

Während seiner langen Amtszeit hatte Weselsky, der in Dresden geboren wurde, immer einen großen Vorteil in Sachen Glaubwürdigkeit, den viele Mitglieder zu schätzen wussten: Er war selbst jahrelang als Lokführer tätig und fuhr sowohl Güterzüge als auch Personenzüge im ganzen Land. Die Reichsbahn hatte den Sachsen in den 1970er Jahren zunächst zum Schlosser und dann zum Lokführer ausgebildet. Bis 1992 übte Weselsky diesen Beruf aus und war zuletzt als Personaldisponent und Lokleiter in Pirna tätig. Seit 1990 ist er Mitglied der GDL und seit 1992 arbeitet er hauptamtlich für die Gewerkschaft.

Harte Konkurrenz zur EVG

Als Vorsitzender versuchte er regelmäßig, den Organisationsbereich der kleinen Gewerkschaft zu erweitern und Tarifverträge auch für Betriebsbereiche auszuhandeln, in denen es solche von der GDL bisher nicht gab. Bis heute steht die GDL in harter Konkurrenz zur Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die viel mehr Mitglieder hat und im DB-Konzern deutlich stärker vertreten ist. Während die EVG immer wieder als handzahme Hausgewerkschaft verspottet wurde, gab Weselsky den knallharten Gegenspieler zum «roten Riesen», wie er die Bahn gerne nennt. Intern warfen ihm Kritiker aber immer wieder «einsame Entscheidungen» vor.

Wegen der frühen Warnstreiks und dem Scheitern der Verhandlungen wurde Weselsky oft gefragt, ob er es jetzt vor seinem Ruhestand noch einmal wissen wolle und deshalb den Tarifkonflikt trotz der inhaltlichen Fortschritte eskaliere. Der GDL-Chef hat das immer zurückgewiesen. Tatsächlich ist die aktuelle Tarifrunde in ihrer Intensität nicht anders als die vielen anderen, die Weselsky in seiner langen Karriere geleitet hat. Allein im Jahr 2015 dauerte der Konflikt etwa ein Jahr. Weselsky fängt sozusagen gerade erst an.

dpa