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Neuaufstellung der Deutschen Bahn: Palla setzt auf strukturelle Veränderungen

Die Bahnchefin Evelyn Palla hat in den ersten 100 Tagen klare Schwerpunkte gesetzt, um den Konzern umzukrempeln und die Qualität zu stärken.

Evelyn Palla ist seit 100 Tagen an der Spitze der Deutschen Bahn. (Archivbild)
Foto: Christoph Soeder/dpa

Die Bahnchefin Evelyn Palla hat zu Beginn ihrer Amtszeit klare Ziele gesetzt: Den Konzern umstrukturieren, ihn neu ausrichten und den Fahrgast in den Mittelpunkt stellen. Ein Wandel bei der Deutschen Bahn ist dringend erforderlich.

Der staatliche Konzern steckt seit langem in einer schweren Krise. Hohe Unpünktlichkeit, eine marode Infrastruktur, Milliardenschulden und tiefrote Zahlen gehören zu den Symptomen. Palla kennt die Probleme. Unter ihrem Vorgänger Richard Lutz verantwortete die gebürtige Südtirolerin im Konzernvorstand gut drei Jahre lang das Regionalverkehrsressort.

Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) berief sie dann an die Spitze des Konzerns. Heute ist sie seit 100 Tagen in diesem Amt. Was konnte sie bisher erreichen?

Noch wenig Verbesserungen für Fahrgäste

Das Wichtigste vorweg: Seit Pallas Amtsantritt im Oktober hat sich für Fahrgäste wenig verbessert. Im letzten Quartal 2025 war der Fernverkehr sogar das unpünktlichste des ganzen Jahres. Die Situation verbesserte sich zwar etwas im Dezember, hauptsächlich aufgrund des stark reduzierten Baugeschehens rund um die Feiertage und der zusätzlichen Züge, die die Bahn wie jedes Jahr eingesetzt hat.

Mit Blick auf die strukturellen Probleme des überalterten und überlasteten Netzes, die die Hauptursache für die vielen Verzögerungen sind, hat Palla kurzfristige Erwartungen bereits gedämpft. «Wir können die Schiene nicht von heute auf morgen besser machen», sagte sie im Dezember. Es gehe zunächst darum, die Pünktlichkeit zu stabilisieren und die Talsohle zu erreichen. 

Um Verbesserungen schneller umzusetzen, setzt sie auf Sofortprogramme für erhöhte Sauberkeit und Sicherheit in den Zügen und an den Bahnhöfen sowie für verbesserte Kundeninformationen. Es werden noch Details bekannt gegeben.

Die neue Bahnstruktur

An einer anderen Stelle hingegen strebt die Konzernchefin einen Ruf als Durchgreiferin an. Im Dezember präsentierte sie ein Konzept zur grundlegenden Neuausrichtung der Bahn: ein Kahlschlag vor allem in der Zentrale und im oberen Management. Etwa 30 Prozent der rund 3.500 Stellen in der sogenannten Konzernleitung sollen abgebaut werden. Auf der Ebene unterhalb des Konzernvorstands werden allein rund die Hälfte der derzeit 43 Führungsposten gestrichen.

«2026 wird das Jahr des Umbaus», bekräftigte Palla anlässlich ihrer 100-Tage-Bilanz. «In einem bislang nicht gekannten Tempo setzen wir die tiefgreifendsten strukturellen Veränderungen seit der Bahnreform um.»

Die Vorstände von DB Regio und DB Fernverkehr wurden reduziert. Sigrid Nikutta, die Chefin der kriselnden Güterverkehrstochter DB Cargo, musste gehen. Im Vorstand des Gesamtkonzerns wurden auch bereits zwei Posten abgebaut.

Mehr Verantwortung will Palla dafür in die Fläche verlagern. Die regionalen Managerinnen und Manager sind künftig für die Qualität des Verkehrs verantwortlich und sollen dafür sorgen, dass die Kennzahlen eingehalten werden. Eine zentrale, koordinierende Steuerungseinheit soll es zwar noch geben. Sie ist direkt an Pallas Vorstandsressort angebunden. Wie die regionalen Einheiten die Ziele erreichen, bleibt aber ihnen überlassen. Das neue Konzept ist seit Jahresbeginn in Kraft. «Unser Maßstab ist dabei eindeutig – der Fokus auf unsere Kundinnen und Kunden», betonte die Chefin.

Generalsanierung 

Andere Maßnahmen, wie die von ihren jeweiligen Vorgängern eingeleitete Generalsanierung Dutzender vielbefahrener Strecken, führen Palla und Verkehrsminister Schnieder hingegen fort. Bis Mitte der 2030er Jahre sollen nach und nach mehr als 40 Korridore für mehrere Monate voll gesperrt und grundlegend saniert werden. Mehrere solcher Modernisierungen stehen bis dahin jedes Jahr an – oftmals verbunden mit großen Belastungen für Fahrgäste und Güterverkehrskunden. Langfristig soll das Netz dadurch aber wieder jünger und zuverlässiger werden.

Zustimmung aus der Branche 

Nach Jahren der Krise bei der Bahn kommt Pallas zupackender Kurs bei wichtigen Akteuren in der Branche gut an. «Evelyn Palla hat in den ersten 100 Tagen angepackt und gezeigt, dass sie keine Zeit verliert bei der Neuaufstellung des Konzerns», teilte der Geschäftsführer des Interessenverbands Allianz pro Schiene, Dirk Flege, mit. 

Auch die große Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) äußert sich positiv: «Nach 100 Tagen lässt sich feststellen, dass Palla mit der Stärkung der Qualität und der Verlagerung von Kompetenzen in die Fläche richtige Schwerpunkte gesetzt hat», teilte die stellvertretende EVG-Vorsitzende Cosima Ingenschay mit. Die großen Aufgaben lägen mit der Sanierung der Infrastruktur und dem Umbau des Konzerns aber noch vor ihr.

Kritische Einschätzungen kommen hingegen von den Bahn-Wettbewerbern im Güterverkehr. Pallas Interviews ähnelten denen ihres Vorgängers Richard Lutz, teilte die Geschäftsführerin des Verbands Die Güterbahnen, Neele Wesseln, mit. «Die angekündigte Streichung einiger Managerpositionen im hochdefizitären Konzern ist im politikverwöhnten DB-Koloss vielleicht symbolisch bedeutsam, für Industrie und Reisende zählen aber nur Qualität, Kapazität und Preise.» 

Die Rolle des Bundes

Palla zielt mit ihrem Programm vor allem auf die Ziele ab, die der Verkehrsminister für die Schiene gesetzt hat. Im September hat Schnieder zeitgleich mit der Vorstellung der Bahnchefin eine neue Schienenstrategie seines Hauses vorgestellt und einen Neustart angekündigt – finanziert mit zusätzlichen Milliarden aus dem schuldenfinanzierten Sondervermögen des Bundes. Darin enthalten sind unter anderem Sofortprogramme zur Sicherheit und Sauberkeit sowie zur Verbesserung der Kundeninformation. Die von dem früheren Bahnchef Lutz festgelegten Pünktlichkeitsziele wurden von Schnieder aufgehoben und gelockert.

Zufrieden äußerte sich der Minister zu Pallas bisheriger Arbeit. «Die ersten 100 Tage haben gezeigt, dass meine Personalentscheidung für Evelyn Palla richtig war», teilte er mit. «Sie ist die ersten Schritte meiner Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene entschlossen angegangen.» 

Palla hat daher die finanzielle und politische Unterstützung des Bundes sowie die Zustimmung wichtiger Teile der Branche. Die Bahnchefin wies auf geplante Investitionen in Höhe von rund 23 Milliarden Euro im laufenden Jahr hin. Die Bewältigung der Krise wird jedoch noch viele Jahre dauern.

dpa