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Digitales Arbeiten, KI und Veränderungen für unser Gehirn

Digitales Arbeiten fordert das Gehirn ganz ordentlich. Auch der Einsatz von KI-Tools wie ChatGPT kann Prozesse im Oberstübchen verändern. Was macht das mit unserer Steuerzentrale?

Schüler eines Gymnasiums sitzen vor einem Computer und benutzen ein KI-Tool.
Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Laut Experten verändern sich Lernprozesse im Gehirn aufgrund der Digitalisierung. Zudem stellt Künstliche Intelligenz (KI) wie ChatGPT neue Anforderungen an die menschliche Steuerzentrale. Im Gehirn arbeiten Milliarden vernetzter Nervenzellen, und verschiedene Areale haben unterschiedliche Aufgaben.

Der Psychologe und Hirnforscher Peter Gerjets vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen ist der Meinung, dass ChatGPT und ähnliche Angebote einen erheblichen Einfluss auf das Bildungswesen haben werden. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass sie sinnvoll und kompetent genutzt werden.

«Es darf nicht passieren im Bildungsprozess, dass der aktive Lernprozess an ChatGPT ausgelagert und das Gehirn nicht gefordert wird», sagt der Bildungswissenschaftler zum Internationalen Tag der Bildung am 24. Januar. «Es ist wichtig, was im Kopf passiert und was als echte Lernleistung herauskommt. Ob das mit oder ohne Unterstützung von GPT passiert, ist letztlich nicht entscheidend.»

«Kognitives Off-Loading»

Die Frage, ob das Abgeben kognitiver Arbeitsleistungen an KI Freiräume schafft, die das Gehirn für andere Aufgaben nutzen kann, wurde schon immer intensiv diskutiert, als GPS-Navisysteme eingeführt wurden.

«Fakt ist: Wird eine bestimmte Fähigkeit nicht mehr benötigt, dann werden die Hirnareale, die diesen Skill implementieren, geschwächt.» Gerjets nennt als Beispiel: «Wenn ich den Taschenrechner zum Dividieren nutze, bin ich im Ergebnis wesentlich schneller, aber meine Fähigkeit, zu dividieren, leidet und das wirkt sich auf die entsprechenden Hirnareale aus.» Das sei aber kein Drama. «Was im Gehirn verschüttet ist, kann wiederbelebt werden, ist also nicht verloren.»

Der Forscher erläutert: Bestimmte Bereiche «schwellen» quasi an bei besonders starken Anforderungen. «Sie werden größer und dichter.» Und sie verkleinern sich bei abnehmender Anforderung. Ein permanentes Multitasking führe zu Erschöpfung im Gehirn.

Präfrontaler Cortex stärker beansprucht

Schon das Nutzen technischer Geräte wie Tablets beim digitalen Lernen benötigt extra Aufmerksamkeit und Energie, weil neben der inhaltlichen Verarbeitung auch die Bedienung der Technik Konzentration beanspruche, schildert Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig. Beim Scrollen über mehrere Seiten hinweg und Eintauchen in Hyperlinks sei es anstrengend, den inhaltlichen Bezug nicht zu verlieren, den Überblick im Kopf wieder herzustellen. Vor allem der präfrontale Cortex im Frontallappen – «Kommandozentrale im Gehirn und das Cockpit, in dem alle Informationen zusammenlaufen und Aufgaben verteilt werden» – sei deutlich mehr beansprucht.

Da nun absehbar KI mit Tools wie ChatGPT verstärkt hinzukommen, gelte umso mehr: «Wenn wir beim Lernen durch vorgefertigte Antworten nur passive Zuschauer sind, ist das Lernen nicht nachhaltig», sagt Korte. Aktivität sei wichtig – und ebenso, dass man Inhalte und Informationen reflektieren könne. Daraus entstehe dann Wissen, das im Gehirn abgespeichert werde – was wiederum «die Verschaltungen, also die Struktur des Gehirns verändert». Eine KI, die verstanden werde in ihren Stärken und Schwächen, könne ein Gewinn sein. «Aber nur, wenn wir – Lehrer wie Schüler – in gleichem Maße klüger werden wie die Maschinen „klüger“ werden», unterstreicht Korte.

KI-Nutzung stellt zusätzliche Anforderungen ans Gehirn

«Neue Informationen zu bewerten, auszuwählen, Quellen zu vergleichen – alles das ist Arbeit für den Frontallappen unseres Gehirns. Diese Fähigkeit zur Bewertung wird immer wichtiger», betont Gerjets. ChatGPT erwecke stets den Anschein, eine korrekte Antwort gegeben zu haben: «Sprachlich glatt und fertig ausformuliert, im Brustton der Überzeugung, aber ohne Quellenangabe. Viele Menschen finden das glaubwürdig. Das halte ich für sehr bedenklich.»

Gerjets sieht in KI-Tools wie ChatGPT enorme Chancen für den Bildungsbereich. Für Schülerinnen und Schüler könnten diese viele Vorteile haben, etwa beim Generieren von Übungsmaterial, beim Abfragen von Gelerntem. «Man hat allerdings einen Lernbegleiter und Gesprächspartner, den man mit Vorsicht genießen muss, der nämlich auch nicht alles weiß, sondern manchmal völligen Quatsch liefert.»

Laut dem Tübinger Forscher ist es noch nicht abzusehen, ob sich möglicherweise auch langfristig Hirnstrukturen durch die Nutzung von KI ändern werden. Der Digitalverband teilt mit, dass sich eine Mehrheit von 61 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger in Deutschland für einen Einsatz von KI im Bildungswesen ausspricht, gemäß einer Umfrage des Bitkom.

Ein Blick auf die Hochschulen

Auch in den Hochschulen ist KI bereits weit verbreitet. Vor kurzem war man jedoch in Bonn überrascht: Eine Untersuchung des Instituts für Medizindidaktik ergab, dass Studierende in fast der Hälfte der Fälle nicht richtig feststellen konnten, ob Multiple-Choice-Fragen von Menschen oder KI stammten. Darüber hinaus bewerteten sie die Schwierigkeit der Aufgaben als nahezu identisch, wie das Uniklinikum Bonn berichtet.

Es war bereits bekannt, dass ChatGPT und ähnliche Tools Fragen in medizinischen Staatsexamina beantworten können. Die Programme werden bereits zum Selbsttesten des erlernten Wissens genutzt. Es scheint nun, dass für das Medizinstudium ein vielversprechendes Werkzeug zur Erstellung von Prüfungsfragen gefunden wurde.

dpa