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Forscher: CO2-Werte bei Neuwagen höher als angegeben

Die Mitenthüller des VW-Skandals haben eine neue Studie vorgelegt: Demnach klaffen der offizielle und reale CO2-Ausstoß von Neuwagen weiter als bisher auseinander.

Autohersteller müssen seit 2010 den CO2-Ausstoß ausweisen und Abgaben zahlen müssen, wenn sie bestimmte Grenzen überschreiten.
Foto: Oliver Berg/dpa

Laut einer Studie des Umweltforschungsverbundes ICCT hat sich der Unterschied zwischen den Herstellerangaben und dem tatsächlichen CO2-Ausstoß bei Neuwagen vergrößert. Die Forscher teilten mit, dass die Differenz im Jahr 2022 durchschnittlich 14,1 Prozent für in Deutschland neu zugelassene Autos betrug.

Laut den Autoren bedeutet dies, dass die Werte im realen Betrieb um 14,1 Prozent höher sind als von den Herstellern angegeben. Im Jahr 2018 betrug die Differenz durchschnittlich 7,7 Prozent.

Der CO2-Ausstoß von neuen Fahrzeugmodellen wird offiziell in einem kontrollierten Laborumfeld ermittelt. Im Jahr 2017 wurde in der EU das Prüfverfahren WLTP eingeführt, um dies zu ermöglichen. Das neue Verfahren ist gründlicher als das vorherige Verfahren NEFZ und liefert realistischere Werte für Schadstoff-Emissionen und Spritverbrauch.

Laut den Forschern habe sich im ersten Jahr nach der Umstellung die Differenz zwischen den Labor- und den realen Werten von 32,7 auf 7,7 Prozent verringert. Jetzt hat sich der Abstand jedoch wieder vergrößert. Bei den neun Autoherstellern mit den meisten Neuzulassungen im Jahr 2022 lag die Differenz zwischen offiziellen und realen Werten zwischen 11 und 21 Prozent, wie die Forscher berichteten.

ICCT: Autobauer nutzen Schlupflöcher

ICCT-Geschäftsführer Peter Mock warf den Autobauern Tricksereien vor. Sie hätten in den vergangenen Jahren gelernt, mit der neuen Testprozedur umzugehen. «Die Vorgaben sind sehr komplex. Nur wenige durchschauen das», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Hersteller hätten die Mittel und Beschäftigten, um das Verfahren genau zu durchforsten. 

«Dadurch finden sie Schlupflöcher – und nutzen sie aus.» Zum Beispiel könnten für den Test besonders effiziente Reifen aufgezogen werden, für den sich ein Kunde im Verkaufsraum eher nicht entscheiden würde. Dies summiere sich. Ein Sprecher des Herstellerverbandes VDA wies die Vorwürfe als abwegig zurück. 

Um die Analyse durchzuführen, verglichen die Wissenschaftler offizielle CO2-Emissionsdaten der europäischen Umweltagentur EEA mit realen Verbrauchsdaten von über 160.000 Autos. Diese Verbrauchsdaten wurden als Maß für den tatsächlichen Ausstoß verwendet. Die Verbrauchsdaten wurden von der Website spritmonitor.de bezogen. Die untersuchten Fahrzeugtypen waren herkömmliche Verbrennungsmotoren und konventionelle Hybridfahrzeuge. Autos mit Plug-in-Hybridantrieb wurden bereits in einer früheren Studie analysiert.

Die Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die Emissionen der Neuwagen in Deutschland ein geeigneter Indikator für die EU-Ebene sind. In der Studie haben sie dies unter anderem damit begründet, dass der deutsche Markt der größte in Europa ist und die Zusammensetzung der nicht-elektrischen Autos weitgehend dem EU-Durchschnitt entspricht.

Studie sieht CO2-Minderungsziele in Gefahr

Die Forscher befürchten, dass die von der EU vorgesehenen Minderungsziele nicht in der realen Welt ankommen. Jan Dornoff, leitender ICCT-Wissenschaftler und Mitautor, teilte dazu mit: «Wird hier nicht gegengesteuert, verlieren die offiziellen CO2-Emissionswerte zunehmend an Aussagekraft für die tatsächlichen Emissionen.» Der Trend untergrabe die Anstrengungen der EU, verkehrsbedingte CO2-Emissionen durch strengere Vorgaben zu senken. Zudem müssten Verbraucher mehr für Kraftstoff bezahlen als erwartet.

Seit dem Jahr 2010 legt die EU-CO2-Verordnung fest, dass Automobilhersteller den CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeuge angeben und Abgaben entrichten müssen, falls sie bestimmte Grenzwerte überschreiten. Bis zum Jahr 2035 sollen Neufahrzeuge keinerlei Emissionen mehr verursachen.

Autoindustrie: Halten uns an Vorgaben

Der VDA betonte, dass sich die deutsche Autoindustrie an die gesetzlichen Vorgaben halte. «Der Verbrauch und die Reichweite von Fahrzeugen werden auf dem Rollenprüfstand nach dem gesetzlich vorgeschriebenen, weltweit anerkannten und harmonisierten Prüfverfahren (…) ermittelt», teilte ein Sprecher mit. Die so ermittelten Werte gelten demnach für Neuwagen und ermöglichen es Kunden, unterschiedliche Fahrzeugtypen miteinander zu vergleichen. «Das Verfahren bildet daher freilich nicht jede real mögliche Fahrsituation ab.»

Seit der Einführung der europäischen CO2-Flottenregulierung gehen dem VDA zufolge die spezifischen CO2-Emissionen neu zugelassener Autos im Realbetrieb kontinuierlich zurück. Seit der Reform 2019 beschleunige sich die Entwicklung. «Konkret: Allein von 2019 bis 2022 sind die CO2-Emissionen neu zugelassener Pkw im Realbetrieb um über 10 Prozent gesunken.» Das mache sich bislang jedoch nur langsam im europäischen und deutschen Straßenverkehr bemerkbar. Der effektivste Hebel, der CO2-Ausstoß im Verkehr weiter zu senken, sei die Elektromobilität. 

Forscher schlagen Korrekturen vor

Die Forscher des ICCT stellen fest, dass die offiziellen CO2-Emissionswerte der von ihnen untersuchten Fahrzeuge zwischen 2018 und 2022 um etwa 7,3 Prozent gesunken sind. Auf der Straße blieben jedoch nur 2,3 Prozent übrig, was weniger als ein Drittel ausmacht. Um dies auszugleichen, schlagen sie vor, die Daten der seit Anfang 2021 in Neufahrzeugen vorgeschriebenen Verbrauchsmessgeräte zu verwenden.

Mock sagte dazu: «Damit lässt sich ein Korrekturmechanismus einrichten, der sicherstellt, dass die offiziellen CO2-Emissionswerte, die die Hersteller in den kommenden Jahren erfüllen müssen, so aktualisiert werden, dass sie auch real den ursprünglich beabsichtigten und gesetzlich festgeschriebenen Minderungszielen entsprechen.»

Das International Council on Clean Transportation (ICCT) ist eine unabhängige Forschungsorganisation, die im Jahr 2015 in den USA den VW-Abgasskandal aufgedeckt hat.

dpa