Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Glasfaserbranche im Wandel: Ursachen für die zunehmenden Schwierigkeiten

Der Glasfasermarkt in Deutschland steht vor großen Herausforderungen: Insolvenzen häufen sich, und viele Anbieter reduzieren ihre Ausbauziele. Trotz des ungenutzten Potenzials bleibt die digitale Konnektivität hinter den EU-Durchschnittswerten zurück.

Artikel hören

Probleme häufen sich: Was ist los in der Glasfaserbranche?
KI-generiert

Der Glasfasermarkt in Deutschland zeigt deutliche Schwächen. Obwohl der Ausbau weiterhin voranschreitet, stehen zahlreiche Anbieter unter erheblichem wirtschaftlichen Druck. Projekte werden verzögert, und es kommt zu Insolvenzen.

Insolvenzen und Baustopp bei Metrofibre

Das Glasfaserunternehmen Metrofibre hat Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Laut Unternehmensangaben war der „kurzfristige und überraschende Rückzug der bisherigen Finanzierungspartner“ der Hauptgrund für die Zahlungsunfähigkeit. Der laufende Betrieb soll jedoch fortgeführt werden, während die Bauarbeiten vorübergehend eingestellt sind. Aktuell wird nach neuen Geldgebern für die bestehenden Glasfaserprojekte gesucht.

Metrofibre ist nicht das einzige Unternehmen, das in Schwierigkeiten steckt. Auch Bau- und Subunternehmen wie Phoenix Engineering und Convert haben Insolvenz angemeldet. Zudem hat die Deutsche Glasfaser, ein bedeutender Mitbewerber der Telekom, ihre Ausbauziele drastisch reduziert. Statt der ursprünglich angestrebten sechs Millionen Haushalte sollen nun nur noch etwa 3,2 Millionen Haushalte mit Glasfaser versorgt werden. Zuletzt wurden die Ausbaupläne für die Hamburger Stadtteile Bergedorf und Wandsbek gestoppt.

Markt unter Druck

„In den Medien lassen sich immer mehr Insolvenzen feststellen“, sagt Jan Büchel vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Die negative Stimmung in der Branche spiegelt sich auch im BIL-Portal wider, wo Unternehmen Anfragen für Glasfaserleitungen stellen können. Im Jahr 2022 gab es dort etwa 40.000 Anfragen, während die Zahl bis 2025 auf nur noch 30.000 gesunken ist.

„Es gibt eine negative Branchenstimmung. Ich würde aber nicht soweit gehen, zu sagen, es ist eine Krise“, ordnet Büchel die Zahlen ein.

Frederic Ufer, Geschäftsführer des Verbands der Anbieter im Digital- und Telekommunikationsmarkt (VATM), ergänzt: „Der Markt ist unter Druck und die Lage ist durchaus angespannt.“ Dennoch sei von einer Krise nicht die Rede, da sich der Markt neu orientiere und die Geschäftsmodelle anpassen müsse. „Die Erwartungen der Investoren, die in den deutschen Glasfasermarkt eingestiegen sind, wurden nicht alle erfüllt“, erklärt Ufer.

Deutschland im EU-Vergleich

Der Bundesverband Breitbandkommunikation weist darauf hin, dass es noch Jahre dauern wird, bis eine flächendeckende Glasfaserabdeckung erreicht ist. Der Markt bietet nach wie vor enormes Potenzial für Investitionen, so Sven Knapp, Geschäftsführer des Bundesverbands Breitbandkommunikation (Breko). Aktuell können etwa die Hälfte der Haushalte in Deutschland auf Glasfaser zugreifen, da die Kabel zumindest in den Straßen verlegt sind. Allerdings hat nur jeder vierte dieser Haushalte tatsächlich einen Glasfaseranschluss gebucht.

Im Vergleich zu den 27 EU-Ländern schneidet Deutschland schlecht ab.

„2024 lag Deutschland auf dem vorletzten Platz bei der Glasfaserabdeckung“, so Büchel.

Der EU-Durchschnitt lag zu diesem Zeitpunkt bei 70 Prozent, während Deutschland lediglich 50 Prozent erreichte. Ufer vom VATM bezeichnet Deutschland als „Sorgenkind bei der digitalen Konnektivität“, was für eine führende Industrienation nicht akzeptabel sei.

Herausforderungen durch hohe Kosten und Zinsen

Die Herausforderungen für die Branche sind vielfältig. Zum einen ist der Glasfaserausbau kapitalintensiv und erfordert umfangreiche Investitionen in Tiefbau, Genehmigungen, Hausanschlüsse, Technik und Vertrieb. Viele Unternehmen setzen auf ein Modell, bei dem sie heute viel Geld investieren, um erst Jahre später Gewinne zu erzielen. Dieses Modell funktionierte in der Niedrigzinsphase 2022 gut, doch die Zinserhöhungen der EZB haben Kredite verteuert, was die Investoren vorsichtiger macht und Refinanzierungen erschwert.

„Investitionen zahlen sich meist erst nach zehn bis 20 Jahren aus“, erklärt Büchel.

Zusätzlich sind die Tiefbaukosten in Deutschland im internationalen Vergleich hoch. Ufer vom VATM erklärt:

„Wir haben die teuersten Ausbaukosten, weil wir besonders gut ausbauen.“

Die Kosten für Materialien und Maschinen sind durch den Ukraine-Krieg und den Iran-Konflikt weiter gestiegen, was die Situation zusätzlich verschärft.

Fachkräftemangel und Überbau

Ein weiterer kritischer Punkt ist der Fachkräftemangel im Bau. Es mangelt an Tiefbauern, Netzplanern und Glasfasermonteuren.

„Im Bereich der Führung bei Erdbauarbeiten ist 2025 die Fachkräftelücke um 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen“, erklärt Büchel.

Dies liegt unter anderem daran, dass in Deutschland viele andere Infrastrukturprojekte, wie Brücken und Autobahnen, ebenfalls erneuert werden müssen, was zu einer Konkurrenz um die bereits stark nachgefragten Fachkräfte führt.

Ein zusätzliches Problem stellt der sogenannte „Überbau“ dar, bei dem mehrere Anbieter versuchen, dieselben lukrativen Gebiete zu erschließen. Wenn beispielsweise ein Anbieter Glasfaser plant und kurz darauf die Telekom ebenfalls einen Ausbau ankündigt, führt dies zu erhöhter Konkurrenz und damit zu schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen für beide Projekte.

Wechselbereitschaft der Kunden

Viele Kunden nutzen weiterhin DSL oder Kabel, solange diese Optionen verfügbar sind. Die Wechselbereitschaft zu Glasfaser ist geringer als erwartet, da viele der Meinung sind, dass die bestehenden Angebote „gut genug funktionieren“.

„Das ist ein wesentlicher Faktor, der von vorneherein nicht einkalkuliert ist“, so Büchel.

Unternehmen gehen davon aus, dass die Anschlüsse, die sie in ihren Kostenrechnungen angeben, auch nachgefragt werden.

Ufer betont, dass es für die Unternehmen oft schwierig sei, Kunden von den Vorteilen der Glasfaser zu überzeugen.

„Sie müssen besser kommunizieren, warum jetzt Glasfaser für die digitale Versorgung der Menschen wichtig ist.“

Auch die Regierung müsse hier aktiv werden.

Auswirkungen auf kleine Unternehmen

Die Herausforderungen treffen vor allem kleine Unternehmen.

„Größere Unternehmen sind resistenter, weil sie meist bessere finanzielle Möglichkeiten haben und somit mehr Risiko tragen können“, sagt Büchel.

Die aktuelle Situation bedeutet nicht, dass der Glasfaserausbau in Deutschland stoppt, jedoch verändert sie die Art und Weise, wie, wo und von wem gebaut wird. Die Branche rechnet mit einer starken Konsolidierung, wobei kleinere Anbieter entweder verschwinden, sich zusammenschließen oder von größeren Unternehmen übernommen werden.

Knapp vom Branchenverband Breko hebt hervor:

„Viele Unternehmen kooperieren schon. Das ist gut für die Verbraucher, da dadurch die Anbieter- und Produktvielfalt erhalten bleibt.“

Ein weiterer Vorteil sei, dass so ein einmaliger Ausbau erfolgen kann, ohne dass die Straßen mehrfach aufgerissen werden müssen.

Marktstruktur und Genehmigungsverfahren

Die Struktur des Glasfasermarktes in Deutschland ist ungewöhnlich. Es gibt etwa 200 Unternehmen, die weniger als 10.000 Anschlüsse haben, bei insgesamt rund 300 Unternehmen im Markt.

„Eine Marke kann man mit so wenigen Kunden nicht aufbauen“, erklärt Cara Schwarz-Schilling, Geschäftsführerin des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste.

Sie erwartet, dass sich die Marktstruktur in den kommenden Jahren ändern wird, was nicht zwangsläufig negativ sein muss.

Forderung nach schnelleren Genehmigungsverfahren

Im Glasfasermarkt muss noch viel geschehen. Ufer kritisiert die langen Genehmigungsverfahren, die oft viel zu lange dauern.

„Bundesregierung und Bundesnetzagentur müssen jetzt konkrete Maßnahmen ergreifen, um die Rahmenbedingungen für die ausbauenden Unternehmen zu verbessern“, fordert Knapp vom Verband Breko.

Zudem müsse der Wettbewerb fair gestaltet werden.

Der Ausbau selbst muss an vielen Stellen schneller vorangehen.

„Wir können den Menschen nicht zumuten, dass sie nach Vertragsunterzeichnung mehr als ein Jahr oder noch länger warten müssen“, sagt Ufer.

Sowohl die Politik als auch die Unternehmen sind gefordert, hier aktiv zu werden.


Quellen: tagesschau

TS