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20.000 Lehrstellen unbesetzt: Handwerk will «Bildungswende»

Deutschlands Handwerkern fehlt eine sechsstellige Zahl von Fachkräften und eine fünfstellige Zahl von Azubis. Dazu beigetragen hat nach Einschätzung des Handwerks die deutsche Bildungspolitik.

Handwerks-Präsident Jörg Dittrich warnt vor einer Polarisierung der Gesellschaft.
Foto: Robert Michael/dpa

Im deutschen Handwerk blieben im vergangenen Jahr etwa 20.000 Lehrstellen unbesetzt. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) fordert daher vor Beginn der Münchner Handwerksmesse eine Änderung der Bildungspolitik, um nicht-akademischen Bildungs- und Berufswegen mehr gesellschaftliche Achtung und Anerkennung zu verschaffen.

Die Handwerksbetriebe haben bis Ende November mehr Auszubildende eingestellt als im Vorjahr. Allerdings blieben auch deutlich mehr Lehrstellen unbesetzt, wie der ZDH bekannt gab. Es wurden 133.700 neue Ausbildungsverträge im Handwerk abgeschlossen, was 1815 bzw. 1,4 Prozent mehr als 2022 entspricht. Gleichzeitig blieben jedoch 20.013 Lehrstellen unbesetzt, gut tausend mehr als im Vorjahr.

Auf der Münchner Handwerksmesse spielt neben der eigentlichen Leistungsschau der teilnehmenden Betriebe seit jeher auch die Politik eine wichtige Rolle. Zur Eröffnung wird Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erwartet, am Freitag steht am Rande der Handwerksmesse das alljährliche Spitzengespräch der deutschen Wirtschaft mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auf dem Programm.

«Deutschland braucht eine Bildungswende»

Insgesamt sind im deutschen Handwerk derzeit geschätzt 250.000 Stellen offen. Neben arbeitsmarktpolitischen Initiativen forderte der ZDH vor der Eröffnung der Messe ein Umdenken der Politik: Es müssten alle Maßnahmen in den Blick genommen werden, um die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung herzustellen und die Betriebe bei der Ausbildung zu unterstützen. «Deutschland braucht eine Bildungswende», verlangte der Verband. 

Der ZDH betrachtet fehlendes Wissen vieler Jugendlicher über Bildungs- und Berufschancen im Handwerk als eine zentrale Herausforderung bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen. Aus diesem Grund fordert der Verband flächendeckende Berufsorientierung an allen Schulformen bundesweit, einschließlich der Gymnasien.

Der ZDH betonte die wirtschaftliche Bedeutung des Handwerks als «Wirtschaftsmacht von nebenan»: Mit 735 Milliarden Euro im Jahr 2022 habe der Jahresumsatz des Handwerks in derselben Größenordnung gelegen wie der Umsatz der Weltkonzerne Apple, Meta und Google zusammen.

Handwerks-Präsident: Bauernproteste sind schlechtes Vorbild

Handwerks-Präsident Jörg Dittrich warnte seine Branche davor, den Bauernprotesten als Vorbild zu folgen, trotz des Unmuts vieler Betriebe. Die Wirtschaftspolitik sollte nicht auf der Straße, sondern in den Parlamenten und im Dialog der Politik mit den Verbänden stattfinden, sagte der ZDH-Präsident der «Augsburger Allgemeinen».

«Es gibt bei uns aus verschiedenen Landesteilen einen großen Druck, dem Beispiel der Bauern zu folgen», sagte Dittrich. «Ich persönlich halte das für den falschen Weg.» Viele Proteste begännen friedlich, arteten dann aber aus.

Dittrich warnte zugleich vor einer Polarisierung der Gesellschaft. «Die vielen wütenden Maximalforderungen machen uns immer kompromissunfähiger und zerstören die Gemeinschaft, egal ob es beispielsweise um die Begrenzung der ungesteuerten Zuwanderung oder die wettbewerbsfähige Energieversorgung der Zukunft geht», mahnte der Handwerks-Präsident. «Zweitens will ich deutlich sagen, dass wir im Handwerk zu den Betroffenen zählen, wenn Menschen Angst bekommen durch eine Diskussion über das Maß der Weltoffenheit».

«In unserer Branche haben wir schon seit Jahren einen hohen Anteil von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Migrationshintergrund», sagte Dittrich. «Wenn Kräfte an die Macht kommen, die mit dem Begriff Remigration Menschen Angst machen, die hier schon lange verankert sind, dann ist das für Deutschlands Ansehen in der Welt und damit für den Wirtschaftsstandort Deutschland eine Katastrophe und schadet so letztlich auch den Handwerksbetrieben massiv.»

dpa