Die Wirtschaft lahmt, doch die Börse ist beflügelt. Die Konzerngewinne halten mit der Rekordjagd nicht Schritt. – Währenddessen treibt Anleger die Hoffnung auf billigeres Geld.
Höher, weiter, Dax – Geht die Rekordjagd weiter?

Der deutsche Aktienmarkt kennt schon seit Wochen kein Halten mehr. Die Aussicht auf wohl schon bald wieder niedrigere Leitzinsen der Europäischen Zentralbank treibt den Leitindex Dax von einem Rekord zum nächsten. Die Hoffnung ist groß, dass günstigere Kredite letztlich die Wirtschaft und den Konsum beleben. Jens Ehrhardt vom Vermögensverwalter DJE Kapital zeigt sich überzeugt: «Der erwartete Beginn von Zinssenkungen gibt zweifellos eine gute Perspektive für dieses Jahr.» Gleichwohl mahnen Experten auch zur Vorsicht. Unternehmen müssten den Vorschusslorbeer der Börse erst noch rechtfertigen, zumal die deutsche Wirtschaft immer noch lahmt.
Bis zum Ende des Monats März erreichte der Dax etwa 18.500 Punkte. Im ersten Quartal dieses Jahres verzeichnet er allein ein Plus von ungefähr zehn Prozent. Dies entspricht im Grunde genommen mehr, als sich viele Anleger erhoffen, die in breit gestreute Fonds am Aktienmarkt investieren, als Durchschnittsrendite für ein Jahr.
Anleger hoffen auf Zinssenkung
Es sieht so aus, als ob die Europäische Zentralbank im Juni eine erste Lockerung anstrebt. Auch außerhalb der Eurozone zeigt sich ein ähnliches Bild: Die US-Notenbank wird voraussichtlich eine erste Zinsreduzierung zur Jahresmitte vornehmen. Andere große Zentralbanken wie die Bank of England werden wahrscheinlich bald ebenfalls den Schritt weg vom Zinsplateau wagen. Die Schweizer Notenbank SNB ist bereits vorgeprescht und hat ihren Leitzins in der vergangenen Woche gesenkt.
Die kürzlich stark gesunkene Inflation ermöglicht es den Währungshütern, die geldpolitischen Maßnahmen zu lockern. Daher ist es nicht überraschend, dass die Börsen in den USA und Europa weiterhin auf neue Höchststände steigen. Mit sinkenden Zinsen werden Aktien im Vergleich zu festverzinslichen Wertpapieren wie Anleihen attraktiver.
Warnung vor hohen Lohnkosten
Aber die mahnenden Stimmen werden lauter. So wird befürchtet, dass die jüngsten Kursanstiege der wirtschaftlichen Realität zu weit vorausgeeilt sind. Die US-Bank JPMorgan etwa sieht die Rally an den Aktienmärkten nur in geringem Maße durch die Gewinnentwicklung der Unternehmen untermauert. Die Zentralbanken dürften zwar in der zweiten Jahreshälfte einige Leitzinssenkungen vornehmen und so die Börsen stützen, bemerken die Experten um den Strategen Mislav Matejka. Aber «um die aktuellen Aktienbewertungen zu rechtfertigen, muss es auch zumindest gewisse Gewinnsteigerungen geben».
Felix Hüfner, Chefvolkswirt für Deutschland und Europaökonom bei der UBS Investment Bank, ist noch skeptischer. Er prognostiziert, dass der breit gestreute europäische Aktienindex Stoxx Europe 600 bis zum Jahresende etwa zehn Prozent an Wert verlieren könnte.
Zwar sei die Inflation inzwischen deutlich zurückgegangen, doch der Lohndruck sei in dem gemeinsamen Währungsraum immer noch relativ hoch, so der Experte. «Die Löhne sind für die Unternehmen der Eurozone ein wichtiger Kostenfaktor.» Bei gleichzeitig nur moderater Nachfrage könnte das die Gewinnmargen belasten.
In Deutschland herrscht Hüfner zufolge vor allem Unsicherheit darüber, inwieweit sich das Tariflohnwachstum von zuletzt rund 4,5 Prozent abschwächt. Zwar gebe es wegen der stark gesunken Teuerung weniger Gründe für ein weiterhin hohes Lohnwachstum. Andererseits sei der Arbeitsmarkt weiter eng und es gebe kaum Kurzarbeit. Daher «sind die Arbeitskräfte auch wegen des aktuellen Fachkräftemangels in einer guten Verhandlungsposition».
Konjunktur und Börse driften auseinander
In Deutschland ist die Diskrepanz zwischen dem Rekordhoch an der Börse und der aktuellen Wirtschaftslage besonders auffällig. Im internationalen Vergleich erholt sich die deutsche Wirtschaft nur langsam. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben kürzlich ihre Wachstumsprognosen deutlich gesenkt. Sie gehen davon aus, dass das Wachstum in diesem Jahr nur noch bei 0,1 Prozent liegen wird.
Doch die Diskrepanz zwischen Wirtschaftsdaten und Indexentwicklung habe gute Gründe, sagt Benjardin Gärtner, Leiter Aktien bei der Fondsgesellschaft Union Investment: «Den Ton im deutschen Leitindex geben in der aktuellen Hausse nur wenige Konzerne an.»
Zu diesen gehörten der Softwarekonzern SAP aus Walldorf sowie die beiden anderen Schwergewichte im Index, Siemens und Airbus. SAP beispielsweise sei sehr überzeugt und überzeugend auf dem Weg in Richtung Cloud, während Siemens als Industriekonzern Lösungen für viele aktuelle Fragen bereitstelle. Jedoch gebe es insgesamt wenig klare Kursgewinne zu verzeichnen.
Laut Gärtner gibt es eine Vielzahl von Herausforderungen, denen sich deutsche Unternehmen stellen müssen, darunter die Transformation der Wirtschaft hin zu klimaneutraler Produktion, der Reformstau in Deutschland und die Energiekrise.
Die 40 im Dax notierten Konzerne seien dabei unterschiedlich weit in der Bewältigung ihrer Hausaufgaben. Der Experte resümiert: «Dass der deutsche Leitindex einen starken Jahresauftakt hatte, bedeutet nicht, dass die Probleme überwunden sind. Aber es zeigt, dass es auch in kritischen Phasen Gewinner gibt – nicht nur, aber auch im Dax.»








