EZB-Präsidentin Lagarde verspricht Wohlstand und Sicherheit für Bulgarien. Der Euro soll den Handel erleichtern und die Unabhängigkeit bewahren.
EURO-Einführung in Bulgarien: Chancen und Widerstand

Seit Anfang des Jahres wird in Bulgarien mit Euro anstelle von Lew bezahlt. Das Land auf dem Balkan ist nun das 21. Mitglied im Kreis der Länder mit der Gemeinschaftswährung. Die Befürworter sehen viele Vorteile durch den Beitritt zum Euro. Allerdings gibt es auch Widerstand in der Bevölkerung – und nur gut drei Wochen vor der Einführung des Euro trat aufgrund von Protesten auch noch die prowestliche Regierung in Sofia zurück.
Was bringt der Euro Bulgarien?
Als Europas oberste Währungshüterin verspricht EZB-Präsidentin Christine Lagarde den etwa 6,4 Millionen Bulgarinnen und Bulgaren vor allem zwei Dinge: Wohlstand und Sicherheit. Fast die Hälfte (45 Prozent) der Exporte des südosteuropäischen Landes gehen ins Euro-Währungsgebiet. Zukünftig entstehen bei diesen Geschäften für bulgarische Unternehmen keine Umrechnungskosten mehr. Laut Angaben der Europäischen Zentralbank (EZB) werden kleine und mittlere Unternehmen deshalb jährlich rund eine Milliarde Lewa einsparen.
Eine kleine Volkswirtschaft wie Bulgarien, in der fast jeder zweite Arbeitsplatz von der Auslandsnachfrage abhängt, profitiert besonders in einer von ständigen externen Schocks geprägten Welt von einem größeren Binnenmarkt.
Das bulgarische Finanzministerium und die Nationalbank BNB hatten geworben: «Der Beitritt zur Eurozone ist eine Möglichkeit, dass Bulgarien reicher wird.» Der Euro werde dem Fremdenverkehr helfen und bulgarischen Herstellern den Handel mit Europa und der Welt erleichtern.
Haben die anderen Euroländer auch etwas davon?
Der Beitritt weiterer Länder zum gemeinsamen Währungsraum erleichtert den Handel und das Reisen. Wer in Bulgarien investieren möchte, braucht sich keine Gedanken mehr über Wechselkurse zu machen. Außerdem wird der Preisvergleich einfacher, wenn auch in Bulgarien mit dem Euro bezahlt wird. Touristen, die das Schwarze Meer besuchen möchten, müssen in Zukunft kein Geld mehr umtauschen und dafür Gebühren zahlen.
Gemäß den EU-Verträgen sind alle EU-Mitgliedstaaten außer Dänemark verpflichtet, dem Euro-Währungsgebiet beizutreten, sobald sie die erforderlichen Bedingungen erfüllen. Diese Bedingungen umfassen Preisstabilität, solide öffentliche Finanzen und stabile Wechselkurse. Es ist wichtig, dass die Inflation kontrolliert wird, um den Wert des Geldes zu erhalten. Polen, Rumänien, Schweden, Tschechien und Ungarn haben die Einführung der Gemeinschaftswährung noch nicht vollzogen.
Was sind die Bedenken der Euro-Kritiker?
Etwa die Hälfte der Menschen in Bulgarien bezweifelt Umfragen zufolge, dass der Euro sie voranbringen wird. Die Sorge ist groß, dass mit der Währungsumstellung die Preise in dem Balkanland, das zu den ärmsten in der EU zählt, steigen werden und der Euro sich als «Teuro» entpuppt. Und nicht wenige befürchten, dass Bulgarien einen Teil seiner hart erkämpften Unabhängigkeit aufgeben muss.
Im Land gibt es auch Widerstand gegen den Euro seitens der prorussischen, nationalistischen Oppositionspartei Wasraschdane (Wiedergeburt), die im Europaparlament in der gleichen Fraktion wie die AfD sitzt.
Steigen die Preise im Zuge einer Währungsumstellung?
«Währungsumstellungen können zu einem vorübergehenden Anstieg der gemessenen Inflation führen, häufig, wenn Unternehmen ihre Preise während der Umstellung aufrunden», räumte EZB-Präsidentin Lagarde in einer Rede in Sofia Anfang November ein. Bei entsprechender Überwachung der Behörden lasse sich Preiswucher aber verhindern.
In früheren Euro-Umstellungen lagen die Auswirkungen auf die Verbraucherpreise nach Angaben der EZB zwischen 0,2 und 0,4 Prozentpunkten. Selbst in Kroatien, das dem Euro-Währungsgebiet zum 1. Januar 2023 zu einem Zeitpunkt beitrat, als die Teuerungsrate bereits hoch war, habe der Umstellungseffekt etwa 0,4 Prozentpunkte betragen und schnell nachgelassen.
Ist der Schritt in den Euroraum für Bulgarien tatsächlich so groß?
Bulgarien ist seit langem Teil der europäischen Währungsgeschichte. Seit 2007 ist das Land EU-Mitglied, seine Nationalwährung Lew ist aber schon seit 1999 an den Euro gekoppelt – im Verhältnis 1,95583 für einen Euro. Nach einer Finanz- und Währungskrise war der Lew seit 1997 bereits im Verhältnis 1:1 an die D-Mark gekoppelt. «Mit der Einführung des Euro macht Bulgarien nun den letzten Schritt in Richtung der Europäischen Währungsunion und nimmt seinen rechtmäßigen Platz im Herzen Europas ein», sagt EZB-Präsidentin Lagarde.
Kommt Bulgarien ohne reguläre Regierung in die Eurozone?
Bulgarien führt den Euro ohne eine reguläre Regierung und ohne einen Staatsetat für 2026 ein. Es soll vorerst der verlängerte Haushalt 2025 gelten. Die erst seit Mitte Januar 2025 amtierende Regierung nahm auf Druck von Protesten zwei Haushaltsentwürfe für 2026 zurück.
Falls im kommenden Jahr keine Partei in Sofia eine neue Regierung bilden möchte, was von Politologen erwartet wird, wird Staatspräsident Rumen Radew ein Übergangskabinett ernennen müssen, das solange im Amt bleibt, bis nach einer Neuwahl eine neue reguläre Regierung gebildet wird. Es wäre die achte Parlamentswahl innerhalb von fünf Jahren.
Die Einführung des Euro war das Hauptziel der Regierung, die im Dezember zurückgetreten ist. Diese politisch unterschiedlichen Kräfte haben sich als Kompromisslösung zusammengeschlossen, um eine Neuwahl nach sieben Parlamentswahlen zu vermeiden.








