Die Chemie-Gewerkschaft IG BCE ist eine der größten Gewerkschaften in Deutschland. Auch sie ist wegen der derzeitigen Stimmung alarmiert. In Tarifrunden sollen Reallohnverluste ausgeglichen werden.
IG BCE sieht «gefährliche Grundstimmung» in Deutschland

Die Gewerkschaft IG BCE blickt mit großen Sorgen auf die Lage in Deutschland. «Eine gefährliche Grundstimmung aus Abstiegsängsten und Staatsverdrossenheit macht sich in der Bevölkerung breit, die allein den Radikalen und Populisten in die Hände spielt», sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Michael Vassiliadis am Montag. Er forderte ein milliardenschweres Investitionspakt. Deutschland müsse durchstarten.
Gewerkschaft sieht viele Probleme
Auch die breite Mittelschicht unter den Beschäftigten, zu denen die meisten Mitglieder der Gewerkschaft zählten, hätte Pessimismus und finanzielle Sorgen erreicht. Vassiliadis verwies auch auf eine Umfrage unter 3300 Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern, laut der sich drei von vier Beschäftigten in den IG-BCE-Branchen bei ihrer Haushaltskasse einschränken müssten.
Die Ampel-Koalition habe zu ihrem Start viel versprochen und auch vieles auf den Weg gebracht. Vassiliadis kritisierte aber öffentliche Streitigkeiten der Regierung «um jeden Kram». Das habe Vertrauen in der Bevölkerung gekostet. Er forderte einen «Power-Cocktail» für Deutschland: massive Investitionen in die Transformation der Industrie und die Modernisierung der Infrastruktur sowie niedrigere, wettbewerbsfähige Energiepreise. Die Bundesregierung habe aus der Haushaltskrise die falschen Schlüsse gezogen: «Wir brauchen keine Kahlschlag-Sparkeule, wir brauchen eine Investitionsoffensive in die klimagerechte Modernisierung unserer Industrie.»
Warnung vor Jobverlusten
Vassiliadis ist mit dem Fortschritt der Energiewende unzufrieden, also mit dem schrittweisen Abschied von fossilen Energien wie Kohle und Gas. Hohe Energiepreise im internationalen Vergleich stellen einen erheblichen Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Industrienationen dar. Ein von der Bundesregierung geplantes Strompreispaket löst das Problem nicht. Die Produktion von energieintensiven Unternehmen liegt um 20 Prozent unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Dies führt zu Stilllegungen, Stellenabbau und Standortschließungen – sowie zur Verlagerung der Produktion ins Ausland.
Gewerkschaft will spürbares Lohnplus
Ende Januar will die IG BCE ihre Forderungsempfehlung für rund 585.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie vorlegen. Vassiliadis wollte nicht konkret werden, was genau die Gewerkschaft will. Es müsse «spürbare Entgeltsteigerungen» geben, um Reallohnverlusten ein Ende zu setzen. Der Bundesarbeitgeberverband Chemie dagegen sieht eine «Krisen-Tarifrunde», wie es in einem Papier heißt. «Es kann nicht darum gehen, Zuwächse zu verteilen, die nicht vorhanden sind.»
Laut Vassiliadis nimmt die Bedeutung von Gewerkschaften im Allgemeinen zu. Bei der IG BCE gab es im letzten Jahr einen Rekord an neuen Mitgliedern, und zwar um mehr als 11 Prozent auf insgesamt 31.800. Die Gesamtzahl der Mitglieder ging aufgrund der demografischen Entwicklung um 1,3 Prozent auf etwa 573.000 zurück.








