Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Im Lufthansa-Konzern steigt schon wieder die Streik-Gefahr

Passagiere von Lufthansa-Gesellschaften sollten in den kommenden Wochen die Flugpläne genau verfolgen. Es drohen Streiks verschiedener Berufsgruppen, die jede für sich den Flugbetrieb lahmlegen können.

Im Lufthansa-Konzern steigt die Streik-Gefahr.
Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Frank Rumpenhorst/dpa

Im großen Reich der Lufthansa hat das Jahr 2024 begonnen, wie das alte geendet hat: Mit Streiks der Piloten in einer kleineren Tochtergesellschaft.

Nachdem es einen fünfstündigen Warnstreik beim neuen Ferienflieger Discover einen Tag vor Heiligabend gab, waren es am vergangenen Wochenende die Piloten der belgischen Tochter Brussels Airlines, die mehrere Flüge streichen ließen.

Und die Kunden des größten Luftverkehrskonzerns in Europa müssen sich auf weitere Unannehmlichkeiten einstellen, denn die Verhandlungen über die Tarife im Zeichen des Kranichs gestalten sich erneut als schwierig.

Verhandlungen beginnen

Mit etwa 25.000 Arbeitnehmern beginnt das Bodenpersonal der Lufthansa-Gruppe in Deutschland als eine der größten Arbeitnehmergruppen an diesem Donnerstag die Verhandlungen. Ihre Streikfähigkeit ist unbestritten und die Forderungen sind stark – 12,5 Prozent mehr Gehalt, Ende der Überstunden im Osten sowie höhere Schichtzulagen und Inflationsausgleichsprämie. Ohne Techniker oder Check-in-Personal kann ein Flugzeug genauso wenig abheben wie ohne Piloten oder Flugbegleiter. Verdi-Verhandlungsführer Marvin Reschinsky erwartet aufgrund der Mobilisierung in den Betrieben bereits in der ersten Runde ein Angebot des Arbeitgebers.

Der MDax-Konzern wird immer wieder von seiner komplizierten Struktur behindert – mit vielen Tochtergesellschaften wie Eurowings, Discover oder der neuesten Tochtergesellschaft City Airlines neben der Muttergesellschaft. In jedem dieser Unternehmen handeln verschiedene Gewerkschaften wie die Vereinigung Cockpit, Verdi und die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo), die jeweils auf eigene Tarifverträge drängen, manchmal auch in scharfer Konkurrenz zueinander. Hinzu kommen die ausländischen Tochtergesellschaften in Belgien, der Schweiz, Österreich und vielleicht bald in Italien, so dass im verzweigten Lufthansa-Konzern eigentlich fast immer irgendwo gestreikt wird.

Lufthansa muss wettbewerbsfähig bleiben

Die Aufgabe von Personalvorstand Michael Niggemann besteht darin, die Arbeitskämpfe in Grenzen zu halten und ein möglichst gutes Einvernehmen mit den Sozialpartnern herzustellen. Dabei muss er darauf achten, dass Lufthansa in allen Bereichen wettbewerbsfähig bleibt. Mit anderen Worten: In Bezug auf den Punkt-zu-Punkt-Verkehr oder Zubringerflüge können nicht ähnlich hohe Gehälter gezahlt werden wie beim besonders profitablen Transkontinentalverkehr. Dies gilt auch für einen erwarteten operativen Gewinn von rund 2,6 Milliarden Euro im Jahr 2023. Laut Vorstandschef Carsten Spohr ist dieser dringend erforderlich, um Investitionen in umweltfreundlichere Flugzeuge, Infrastruktur und Personal zu tätigen.

Trotz des Auslaufs der Friedenspflicht verlaufen die Verhandlungen mit Ufo für etwa 18.000 Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter bei der Konzernmutter weiterhin weitgehend friedlich. Der Ärger konzentriert sich eher auf die Tochtergesellschaft Cityline, deren rund 1000 Kabinenkräfte laut Management zur neuen, fast gleichnamigen Gesellschaft City Airlines wechseln sollen. Das Problem besteht darin, dass die neue Fluggesellschaft nur in München und Frankfurt tätig ist, während die Cityline noch neun dezentrale Standorte hat und daher viele Mitarbeiter ihren Arbeitsort wechseln müssten. Bei Ufo wird betont, dass akzeptable Bedingungen dafür noch nicht einmal ansatzweise erkennbar sind.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit strebt an, mit einer gemeinsamen Tarifkommission alle Flugbetriebe der Lufthansa in Deutschland abzudecken. Das Ziel ist es, dass der Lufthansa bei allen Gesellschaften immer dieselben Verhandlungspartner gegenüberstehen, um ein gegeneinander Ausspielen zu verhindern. In der Vergangenheit lag der Fokus der VC jedoch oft darauf, ihre Hauptklientel bei der Lufthansa-Hauptgesellschaft zu schützen. Es ist nicht immer einfach, die Interessen der Beschäftigten in den Tochtergesellschaften mit diesen in Einklang zu bringen. Als Ergebnis konnte Verdi zumindest bei der Beteiligung Aerologic und der Tochtergesellschaft Eurowings in die VC-Phalanx eindringen und eigene Tarifverträge für Piloten abschließen.

Anlass zu neuen Streiksorgen

Wie stark die VC beim neuen Lufthansa-Ferienflieger Discover mit derzeit 24 Flugzeugen ist, wird sich schon in wenigen Tagen zeigen. Die Gewerkschaft hat nach dem ersten Warnstreik ihre Mitglieder zur Urabstimmung über unbefristete Streiks aufgerufen. Das Unternehmen verlangt nach der vorweihnachtlichen Streikerfahrung zusätzlich eine sogenannte «Sozialpartner-Charta», eine Art Verhaltenskodex. Die VC fasst dies als Einschränkung ihrer tariflichen Rechte auf und bläst zum möglicherweise folgenreichen Arbeitskampf: Konnten die fünf Stunden am Tag vor Heiligabend noch im Flugplan «weggeatmet» werden, rechnet man im Konzern im Falle eines längeren Streiks mit etlichen Flugausfällen.

Auch sonst besteht für die Passagiere durchaus Anlass zu neuen Streiksorgen: Dem Lufthansa-Bodenpersonal sollte der Konzern wohl spätestens bei der zweiten Runde am 23. Januar ein Angebot vorlegen. Laut Verdi haben sich die Beschäftigten bereits an mehreren Standorten untereinander ihrer Kampfbereitschaft versichert und sogenannte «Streikversprechen» abgegeben. Spätestens Mitte März will Verdi laut Verhandlungsführer Reschinsky dann einen Abschluss sehen, sonst seien Urabstimmung und Streiks unausweichlich.

dpa