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Mythos KaDeWe – Luxus-Kaufhäuser suchen nach Erneuerung

Drei Buchstaben stehen seit mehr als 100 Jahren in Berlin für Luxus. Nun ist das KaDeWe insolvent. Doch Geschäftsführung und Experten geben sich zuversichtlich für die Zukunft des Konsumtempels.

«Das KaDeWe ist die Preziose, ist der große Brillant in der Krone des deutschen Handels und wird es auch immer bleiben.»
Foto: Christophe Gateau/dpa

Etwa acht Fußballfelder mit hochwertigen Kleidern, Schuhen, Handtaschen und Feinkost befinden sich auf einer Fläche von 60.000 Quadratmetern mitten in Berlin. Das «Kaufhaus des Westens» ist seit mehr als 100 Jahren als KaDeWe bekannt und beeindruckt mit seiner Größe. Es ist ein Sehnsuchtsort, ein Symbol für Luxus und eine Sehenswürdigkeit in Berlin. Selbst eine Insolvenz kann diesem Gefühl nichts anhaben. Oder etwa doch?

Heute wurde bekannt gegeben, dass das gleichnamige Handelsunternehmen, zu dem auch das Oberpollinger in München und das Alsterhaus in Hamburg gehören, ein Insolvenzverfahren eingeleitet hat. Das Ziel ist es, in Eigenverwaltung einen Neuanfang zu machen. Die erfreuliche Nachricht für alle Kunden ist, dass die drei Häuser nicht geschlossen werden sollen. Das Handelsunternehmen möchte sich laut eigenen Angaben vor allem von den hohen Mieten im Rahmen des Insolvenzverfahrens befreien.

Denn tatsächlich floriert das Luxusgeschäft. Selbst während des Höhepunkts der Corona-Pandemie berichteten Luxusmarken von positiven Umsatzzahlen – wer es sich leisten kann, gönnt sich gerne etwas.

Im KaDeWe selbst war keine Krisenstimmung zu spüren. «Es hat eine große Tradition, es ist sehr groß. Wir gehen viel lieber in ein Kaufhaus als in eine Mall, wo man lauter einzelne Geschäfte hat. Hier kann man auch mal bummeln», sagte ein Kunde. «Das KaDeWe ist halt Berlin für mich», meinte eine Touristin aus Rheinland-Pfalz. Und die Befragten waren sich einig: Wenn das KaDeWe schließen müsste, würde der Stadt etwas fehlen.

Handelsverband: KaDeWe «der große Brillant»

Im Geschäftsjahr 2022/2023 machte die KaDeWe Group eigenen Angaben zufolge knapp 728 Millionen Euro Umsatz, ein Plus von fast 24 Prozent im Vergleich zum Vor-Corona-Geschäftsjahr 2018/2019. «Das KaDeWe ist die Preziose, ist der große Brillant in der Krone des deutschen Handels und wird es auch immer bleiben», schwärmte Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg im RBB-Inforadio. Das Insolvenzverfahren gebe dem Unternehmen nun die Möglichkeit, Verbindungen und Verträge auf den Prüfstand zu stellen.

Die KaDeWe Group erklärte, dass die Mieten für die Kaufhäuser insbesondere zur Last geworden sind. Laut der KaDeWe Group sind sie im Vergleich zum Geschäftsjahr 2018/19 um fast 37 Prozent gestiegen.

«Die Umsatzmietbelastung ist an allen Standorten hoch, am höchsten in München mit circa 20 Prozent nach unseren Einschätzungen», schätzt Johannes Berentzen von der Handelsberatung BBE. «Das Alsterhaus schätzen wir mit circa 17 Prozent ein – auch das wäre viel zu hoch. Das KaDeWe steht mit circa 13 Prozent Mietbelastung gemessen am Umsatz noch am besten dar.» Auch er ist überzeugt, dass alle drei Häuser bestehen bleiben: «Luxus funktioniert trotz aktueller Wirtschaftslage sehr gut.» Berentzen rechnet damit, dass die Central Group nun versuchen wird, sich die Gesamtanteile an der KaDeWe Group und den Grundstücken zu sichern.

KaDeWe künftig ein rein thailändisches Unternehmen?

Die Central Group, gegründet im Jahr 1947, besitzt gegenwärtig 50,01 Prozent der Anteile an der The KaDeWe Group GmbH. Die übrigen Anteile gehören der in finanziellen Schwierigkeiten befindlichen Signa des Österreichers René Benko.

Die Central Group ist ein Mischkonzern, der von der Familie Chirathivat kontrolliert wird, die zu den wohlhabendsten Familien in Thailand gehört. Forbes schätzte ihr Vermögen im Jahr 2023 auf 12,4 Milliarden Dollar (11,4 Mrd Euro). Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Bangkok und ist hauptsächlich in den Bereichen Einzelhandel, Hotels und Restaurants tätig. Es betreibt unter anderem Supermärkte und Kaufhausketten. Neben ihren Beteiligungen an Warenhäusern in Deutschland ist die Central Group auch international an Unternehmen wie La Rinascente in Italien, Selfridges in Großbritannien und Globus in der Schweiz beteiligt. Nun hat der CEO Tos Chirathivat (59) die Möglichkeit, sämtliche Anteile am KaDeWe zu erwerben.

Feinkostabteilung mit 35 000 Produkten

Er hätte wohl eines der wenigen Kaufhäuser in seinem Portfolio, dem eine eigene TV-Serie gewidmet wurde – vor gut zwei Jahren platzierte die ARD eine lesbische Liebesgeschichte zwischen den Kleiderstangen im KaDeWe der 1920er Jahre. Dies ist nur eines der Kapitel, mit denen das KaDeWe zum Aushängeschild wurde. Insbesondere die Feinkostabteilung in der sechsten Etage wird von Touristen und Berlinern gerne besucht. Zwischen Luxus-Klassikern wie Austern, Hummer, Kaviar und Champagner gibt es hier auch ausgefallene Spezialitäten. Ein Genuss für die Sinne, aber nicht für den Geldbeutel.

Das «Kaufhaus des Westens» ist deutlich älter als der Kalte Krieg, nach dem sein Name klingt. Die Tauentzienstraße und das von Emil Jaudt entworfene Warenhaus lagen zur Eröffnung am 27. März 1907 in einer großbürgerlichen Wohngegend, abseits der Einkaufsmeile am Potsdamer Platz. Gründer Adolf Jandorf ahnte aber, dass sich der nahe gelegene Kurfürstendamm zur Einkaufsadresse mausern würde. Das KaDeWe wurde schnell zum Ziel von Familienausflügen. Vor dem Haus tummelten sich die Flaneure. «Ein Boulevard für flirtende Backfischlein», schrieb der Chronist Leo Colze 1908 über die Gegend am Wittenbergplatz. «Hier weht Weltstadtluft».

6,50 Meter hohe Riesentorte zum 100.

Das KaDeWe ist auch ein Stück deutsche Geschichte. 1927 verkaufte Jandorf an die jüdische Kaufmannsfamilie Hermann Tietz. In der Nazi-Zeit wurden die Eigentümer aus der Geschäftsleitung verdrängt, aus dem Namen der Kaufmannsfamilie entstand «Hertie». 1943 stürzte ein amerikanisches Flugzeug ins KaDeWe, das Gebäude lag in Trümmern. 1950 kam der Neuanfang, in der Adenauer-Ära wurde das Warenhaus zum Sinnbild für Konsum und Kaufkraft. Zur Geburtstagsfeier zum 100. stürmten die Berliner im März 2007 das Haus und holten sich Stücke von einer 6,50 Meter hohen Riesentorte ab.

Seit dem 100er hat sich im KaDeWe schon wieder viel verändert. Das Kaufhaus wurde zuletzt von 2016 an für viele Millionen Euro umgebaut – der Neustart wurde dann mit viel Champagner gefeiert. Konzeptionell ist das Kaufhaus also auf dem neuesten Stand. Vor einigen Monaten wurde bekannt, dass die Galeries Lafayette Berlin Ende 2024 verlassen werden. Ein Luxus-Konkurrent weniger – für das KaDeWe dürfte das keine schlechte Nachricht gewesen sein.

dpa