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Neue Jets und alte Schatten – Lufthansa feiert 100 Jahre

Ein neues Besucherzentrum, eine heikle Vorgängerin und ein Blick in die Zukunft: Wie die Lufthansa ihr kompliziertes Jubiläum begeht – und welche Herausforderungen der Konzern zu meistern hat.

Die Lufthansa schickt zum 100. Jahrestag sechs Jets in einer Sonderlackierung auf die Strecke.
Foto: Andreas Arnold/dpa

Es ist kein einfaches Jubiläum, das die Lufthansa im neuen Jahr groß feiern will. Heute steht der 100. Jahrestag der Gründung der ersten «Deutsche Luft Hansa Aktiengesellschaft» in Berlin an, doch die ganz großen Feierlichkeiten sind erst für den April geplant, wenn sich der Erstflug zum 100. Mal jährt. Obwohl die heutige Deutsche Lufthansa AG rechtlich nichts mit der NS-belasteten Vorgängerin zu tun hat, bezieht sich damit der MDax-Konzern in seinen fliegerischen und technischen Traditionen auf sie. 

Wie wird gefeiert? 

Europas umsatzstärkster Luftverkehrskonzern plant, zum Jubiläum ein neues Besucher- und Konferenzzentrum zu eröffnen. Im April wird das Zentrum im «Hangar One» neben der Unternehmenszentrale am Frankfurter Flughafen eröffnet. Dort werden zwei historische Propeller-Flugzeuge ausgestellt: Eine Lockheed Super Star von 1958 und eine Junkers Ju 52 von 1936 sollen Besuchern Technik zum Anfassen und langjährige fliegerische Kompetenz präsentieren. Zusätzlich fliegen sechs aktuelle Flugzeuge mit einer Sonderlackierung, die das Kranich-Symbol mit der 100 und den Jahreszahlen 1926 und 2026 vereint.

Was haben die Passagiere davon?

Zum Jubiläum wird die dringend benötigte Flottenerneuerung vorangetrieben. Insbesondere bei der Lufthansa-Kerngesellschaft werden fast wöchentlich neue, effizientere Langstreckenflugzeuge mit der neuen Allegris-Kabine in die Flotte integriert. Neben den neuen Sitzen ist geplant, das Flugerlebnis für die Passagiere umfassend zu verbessern. Auf Langstreckenflügen wird es in allen vier Reiseklassen eine größere Auswahl an Speisen geben, und das gesamte Equipment von Kissen über Bestecke bis hin zu Tassen wird erneuert. Insgesamt wurden 187 Millionen neue Artikel dafür angeschafft. Erstmals erhalten auch Economy-Passagiere auf der Reise eine kleine Kulturtasche (Amenity Kit).

Was für ein Unternehmen war die erste Lufthansa? 

Die «Deutsche Luft Hansa AG» entstand 1926 auf Initiative der deutschen Reichsregierung aus der Fusion der bis dahin konkurrierenden Unternehmen Aero Lloyd und Junkers Luftverkehr, um die Ambitionen der deutschen Flugzeugindustrie zu bündeln. Laut Forschungen war das stark subventionierte Unternehmen eng in die vom Versailler Vertrag verbotene Aufrüstung des Deutschen Reiches eingebunden und später wichtiger Teil des nationalsozialistischen Kriegsapparats. 

Die Junkers Ju 52 der Lufthansa, die zunächst zivil eingesetzt wurden, wurden später mit geringen Mitteln für die Zwecke der Nazi-Luftwaffe umgebaut. Im Zweiten Weltkrieg transportierten diese langsamen, aber zuverlässigen Flugzeuge Material, Soldaten und Verwundete und wurden auch als Hilfsbomber eingesetzt. Die erste Hansa organisierte auch den Einsatz von tausenden Zwangsarbeitern unter ausbeuterischen Bedingungen bei der Flugzeugwartung.

In welchem Verhältnis steht die heutige Lufthansa zu ihrer Vorgängerin? 

Erst im April 1955 und damit fast zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs durften erste Linienflüge der neu gegründeten Deutschen Lufthansa AG abheben. Zunächst hatten die Alliierten den Deutschen jeden Luftverkehr untersagt. Juristisch hat der heutige Konzern nichts mit der Vorgängerin zu tun, sicherte sich aber aus der Liquidation die Rechte am Namen, an der Farbgebung und am ikonischen Kranich-Symbol. Die Marke Lufthansa war in der öffentlichen Wahrnehmung so stark, dass auch die DDR ihre Fluggesellschaft zunächst in «Deutsche Lufthansa» taufte und erst später wegen fehlender Markenrechte in «Interflug» umbenannte. 

Wie hat der Konzern seine Vergangenheit aufgearbeitet? 

Die Deutsche Lufthansa AG im Westen war anfangs vollständig staatlich, wurde jedoch im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin von der deutschen Flugzeugindustrie abgetrennt. Trotzdem hatte sie lange Zeit Schwierigkeiten mit der belasteten NS-Vorgeschichte. Es gab personelle Kontinuitäten zwischen der ersten und der zweiten Lufthansa, unter anderem mit dem Aufsichtsratschef Kurt Weigelt und Görings einstigem Inspekteur Luftschutz, Kurt Knipfer.

«Die Lufthansa wurde teils bis in die 1960er-Jahre hinein von Männern – Bankiers, aber vor allem Regierungsbeamten – beherrscht, die sie 1926 gegründet hatten und auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht von ihrem Pfad abweichen wollten», resümiert der Bochumer Historiker Lutz Budrass in seinem Buch «Adler und Kranich». 1999 trat der Konzern dem Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter und andere NS-Opfer bei. 

Zum 100-jährigen Bestehen lässt Lufthansa ihre Verantwortung im Nationalsozialismus von den Historikern Hartmut Berghoff, Manfred Grieger und Jörg Lesczenski kritisch beleuchten. Ein Sprecher kündigt an: «Im März 2026 wird ein umfassender Geschichtsband erscheinen, der eine ausführliche und historisch fundierte Aufarbeitung der Rolle der Lufthansa in der Zeit von 1933 bis 1945 enthält. Auch eine Ausstellung im neuen Konferenz- und Besucherzentrum befasst sich unter anderem mit der Entwicklung in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland.» 

In welcher Verfassung befindet sich das Unternehmen? 

Durch die Übernahme der einstigen Staats-Carrier in den Nachbarländern Schweiz, Österreich und Belgien ist die privatisierte Lufthansa zum größten Luftverkehrskonzern in Europa mit rund 104.000 Beschäftigten gewachsen. Einschließlich der jüngsten Minderheitsbeteiligung Ita aus Italien hat die Gruppe rund 840 Flugzeuge in der Luft und will als Nächstes die portugiesische Tap ins Kranich-Reich holen. Weltweit ist man damit nach den drei großen US-Gesellschaften die Nummer Vier.

Kommerzielle Stützen sind die Wartungstochter Lufthansa Technik und das Frachtunternehmen Lufthansa Cargo. In den vergangenen Jahren hat sich die Kern-Airline Lufthansa zum teuren Sorgenkind entwickelt. Mit einem harten Sanierungsprogramm ist sie laut Airline-Chef Jens Ritter aber wieder auf dem Weg in die schwarzen Zahlen. 4.000 Stellen sollen im Konzern wegfallen, der die Funktionen der einzelnen Airlines stärker zentral steuern will.

Seit Mai 2014 führt der Wirtschaftsingenieur und Verkehrspilot Carsten Spohr den Konzern und hat ihn erfolgreich durch turbulente Zeiten gelenkt. Erwähnenswert sind der Germanwings-Absturz in den französischen Alpen, bei dem 150 Menschen ums Leben kamen, sowie die Übernahme von Teilen der Air Berlin. Während der Corona-Krise erhielt der Konzern milliardenschwere Kredite von den Herkunftsländern, um den plötzlichen Stopp des Flugbetriebs zu überbrücken. Trotz Schwierigkeiten beim Neustart nach der Rückzahlung der staatlichen Hilfe war Lufthansa weniger profitabel als Wettbewerber wie die British-Airways-Mutter IAG oder Air France-KLM.

Wie sind die Aussichten für die kommenden Jahre? 

Spohr strebt an, am Ende seiner dritten Amtszeit Ende 2028 ein geordnetes und hochprofitables Unternehmen zu präsentieren. Unterstützen sollen ihn dabei die lang ersehnten neuen Flugzeuge mit der lukrativ vermarktbaren Allegris-Kabine. Bisher hat der von den Herstellern Boeing und Airbus verursachte Jet-Mangel das Wachstum begrenzt, aber gleichzeitig die Ticketpreise hoch gehalten. Grundsätzlich können daher alle Fluggesellschaften in den kommenden Jahren Gewinne erzielen, vorausgesetzt sie haben ihre Kosten im Griff. Für das Jahr 2026 prognostiziert der Airline-Weltverband IATA einen Netto-Rekordgewinn der Gesellschaften von 41 Milliarden Dollar (35,2 Mrd. Euro), nach 39,5 Milliarden Dollar im laufenden Jahr.

Bei den Kosten für das fliegende Personal setzt das Lufthansa- Management auf neu gegründete Flugbetriebe, in denen die Beschäftigten nach jüngeren Tarifverträgen geringer bezahlt werden. Die klassische Lufthansa und die Regio-Tochter Lufthansa Cityline verlieren damit Flugzeuge und Crews an die neu gegründeten Gesellschaften Discover und City Airlines. Diese firmieren als «Member of Lufthansa Group» – die Kunden sollen möglichst keine Unterschiede bemerken. Die alteingesessenen Gewerkschaften wollen die Entwicklung aber nicht kampflos hinnehmen, sodass weitere Streiks nicht ausgeschlossen sind. 

Und wie steht es um die längerfristigen Perspektiven? 

Auf lange Sicht muss das Unternehmen gegen staatlich subventionierte Wettbewerber aus der Türkei oder den Golfstaaten konkurrieren. Diese Unternehmen leiten bereits täglich Tausende von Passagieren aus Europa über ihre Drehkreuze nach Asien, Afrika und Australien. Die stärkste Säule der Lufthansa bleibt daher der Flugverkehr über den Atlantik. Ein Drehkreuz in Lissabon wäre hilfreich für Flüge nach Südamerika.

Im Luftverkehrssektor stehen große Herausforderungen in Bezug auf das Klima bevor. Die Dekarbonisierung der Luftfahrt gestaltet sich aus technischen Gründen als weitaus schwieriger als im Straßenverkehr. Lufthansa verfügt über eine beträchtliche Anzahl an Vierstrahlflugzeugen mit hohem Kerosinverbrauch, wie den Boeing 747-8-Jumbos und den mittlerweile ausgemusterten Airbus A380, die noch bis über das Jahr 2030 hinaus in der Flotte bleiben. Lufthansa-Chef Spohr hat öffentlich Zweifel geäußert, ob die von IATA angestrebte CO2-Neutralität bis 2050 tatsächlich erreichbar ist.

dpa