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Ölpreisverfall nach USA-Iran-Abkommen: Trügerische Hoffnung oder realistische Einschätzung?

Der Rückgang der Ölpreise nach dem Abkommen zwischen den USA und Iran könnte übertrieben sein. Experten warnen, dass die Unsicherheiten in der Schifffahrt und die leeren Öllager die Nachfrage steigern könnten, was den Preisdruck wieder erhöhen kann.

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Nach dem kürzlich unterzeichneten Abkommen zwischen den USA und Iran ist der Preis für Öl stark gefallen. Dies könnte jedoch eine übertriebene Reaktion des Marktes darstellen, da zahlreiche Länder ihre leeren Öllager wieder auffüllen müssen.

Massiver Ölpreisrückgang und seine Folgen

In der vergangenen Woche erlebte der Ölmarkt eine Erleichterung: Nach mehr als 100 Tagen gravierender Störungen in der globalen Energieversorgung einigten sich die USA und Iran auf ein Rahmenabkommen. In der Folge fiel der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der bekannten Referenzsorte Brent zur Lieferung im August erstmalig seit Beginn des Iran-Kriegs unter 75 Dollar – ein Rückgang um etwa 40 Prozent im Vergleich zum Krisenhoch von 126 Dollar.

Optimismus und Unsicherheiten am Markt

Der Rückgang der Ölpreise spiegelt eine positive Markterwartung wider. „In dem aktuellen Ölpreisrückgang steckt eine sehr positive Erwartungshaltung“, erläutert Thomas Benedix, Rohstoffanalyst bei Union Investment. Anleger gehen davon aus, dass die Produktion im Mittleren Osten schnell wieder anläuft und die Straße von Hormus dauerhaft offen bleibt.

Ermutigende Berichte über Schiffe, die die Meerenge wieder passieren, untermauern diese Hoffnungen. Laut dem auf Schifffahrtsdaten spezialisierten Unternehmen Kpler hat der Frachtverkehr durch die Straße von Hormus den höchsten Stand seit Beginn des Konflikts erreicht.

Risiken der Marktprognosen

Thu Lan Nguyen, Leiterin der Rohstoff- und Devisenanalyse der Commerzbank, weist jedoch auf die Gefahren übertriebener Erwartungen hin: „Der Rückgang der Ölpreise könnte bereits übertrieben sein, da wir nicht wissen, wie schnell sich der Schiffsverkehr tatsächlich normalisieren wird.“ Sie zeigt sich skeptisch, dass es zu einer zügigen Rückkehr zu alten Produktionsniveaus kommt.

Die Unsicherheiten sind vielfältig: mögliche Schäden an Ölanlagen, die Herausforderung der Wiederinbetriebnahme stillgelegter Förderstätten, Minengefahr in der Straße von Hormus sowie hohe Versicherungskosten. Darüber hinaus könnte die Logistik eine Herausforderung darstellen, da Tanker nicht unbedingt dort sind, wo sie benötigt werden; Routen und Personal müssen neu organisiert werden.

Nachfragedruck durch leere Lagerbestände

Selbst in einem optimistischen Szenario, in dem die Ölproduktion in der Region schnell erhöht werden kann und die Passage durch die Straße von Hormus reibungslos verläuft, bestehen Risiken für den Ölpreis auf der Nachfrageseite. Der Iran-Krieg hat die globalen Ölreserven stark dezimiert. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) sanken die Lagerbestände bis zum 12. Juni um 252 Millionen Barrel, davon 163 Millionen Barrel in den OECD-Staaten.

Die Regierungen hatten versucht, die durch die Konflikte bedingten Rohölengpässe auszugleichen. Dies hat verhindert, dass die Preise noch weiter steigen.

Steigende Nachfrage zur Reisesaison

Jetzt müssen die Lagerbestände wieder aufgefüllt werden. Nguyen rechnet deshalb mit einer höheren Nachfrage als vor dem Konflikt, zumal die nachfrageintensive Reisesaison bevorsteht. Im Sommer steigt der Verbrauch von Benzin, Diesel und Kerosin erheblich.

Einige Länder könnten zudem dazu tendieren, ihre Lagerbestände über das Niveau vor dem Iran-Krieg hinaus zu erhöhen, um besser auf zukünftige Angebotsengpässe vorbereitet zu sein. „Der Aufbau der Lagerbestände wird deutlich länger dauern als der Abbau, den wir in den letzten Monaten gesehen haben“, ist Benedix überzeugt.

Anpassungen der Preisprognosen durch Banken

Trotz der bestehenden Unsicherheiten haben große US-Investmentbanken ihre Ölpreisprognosen nach dem USA-Iran-Abkommen deutlich herabgesetzt. Goldman Sachs prognostiziert nun 80 Dollar pro Barrel Brent für das vierte Quartal, während Morgan Stanley ebenfalls von 80 Dollar ausgeht, was einem Rückgang von 15 Dollar im Vergleich zu vorherigen Schätzungen entspricht.

Die Citigroup zeigt sich optimistischer und rechnet mit 70 Dollar pro Barrel im vierten Quartal, vorausgesetzt, die Handelsströme durch die Straße von Hormus normalisieren sich bis Mitte oder Ende Juli.

Ausblick auf 2027

Für das Jahr 2027 spricht vieles für eine Entspannung auf dem Ölmarkt. Die IEA prognostiziert einen signifikanten Angebotsüberschuss von fast fünf Millionen Barrel pro Tag. Die weltweite Ölnachfrage könnte auf 105,3 Millionen Barrel pro Tag steigen, während das Angebot auf etwa 110 Millionen Barrel pro Tag anwachsen dürfte. Einige Produzenten, insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate und Iran, könnten versuchen, Einnahmeausfälle durch eine erhöhte Produktion auszugleichen.

Langfristige Normalisierung der Märkte

Die Zahl aktiver Ölbohrungen in den USA ist zuletzt gestiegen. Die US-Ölproduktion liegt bei 13,8 Millionen Barrel pro Tag, was sich nur knapp unter dem Rekordhoch bewegt. Benedix betont jedoch, dass die Rückkehr zur Normalität ein mehrstufiger Prozess ist: „Es könnte zwei bis drei Monate dauern, bis sich die Logistikketten stabilisiert haben, und dann weitere zwei bis drei Monate, bis alle Förderanlagen im Mittleren Osten wieder produktiv sind.“ Die vollständige Normalisierung der Lagerbestände könnte bis Ende 2027 in Anspruch nehmen.

Begrenztes Abwärtspotenzial der Preise

Das Abwärtspotenzial für die Ölpreise scheint daher begrenzt zu sein, abgesehen von kurzfristigen Schwankungen. Letztlich könnte die Normalisierung von Angebot und Nachfrage erheblich länger dauern, als die gegenwärtigen Preise vermuten lassen. Kurzfristig bieten diese jedoch den Märkten und Volkswirtschaften weltweit eine willkommene Atempause und ermöglichen es vielen Staaten, ihre leeren Lager wieder aufzufüllen und möglicherweise aktuelle Energiestrategien zu überdenken.


Quellen: tagesschau

TS