Der Westen wollte Russland mit Sanktionen wirtschaftlich in die Knie zwingen, um den Krieg gegen die Ukraine zu stoppen. Doch im Alltag ist kaum was spüren. Auch deutsche Unternehmen verdienen weiter.
Russen haben sich an Sanktionen gewöhnt

In Moskaus lebendiger Einkaufswelt haben nach dem kriegsbedingten Abgang einiger großer westlicher Ketten längst andere die Geschäfte übernommen. Im Einkaufszentrum Jewropejski im Herzen von Moskau gibt es kaum noch Leerstand zu sehen, anders als zu Beginn der Sanktionen. Hier finden sich Mode aus der Türkei, Technik von Miele oder Apple, einschließlich des neuesten iPhones. Vieles, was eigentlich nicht verfügbar sein sollte, gelangt über Parallelimporte aus Drittländern in das Riesenreich. Zwei Jahre nach Kriegsbeginn lässt die Vielfalt der Warenwelt keine Wünsche offen, wie Moskauer in Gesprächen betonen.
Das Staatsfernsehen betont immer wieder, dass die Sanktionen, die der Westen im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine verhängt hat, den Menschen in der EU deutlich mehr schaden als der Rohstoffgroßmacht. Neben Öl und Gas gibt es auch alles andere, was man zum Überleben braucht.
Zwei Jahre nach Beginn der Invasion, die Kremlchef Wladimir Putin am 24. Februar 2022 befohlen hatte, ist die Kriegswirtschaft in vollem Gange. Der Konsum boomt. Der Präsident betont, dass der Westen mit seinen beispiellosen Sanktionen gescheitert sei.
Viele westliche Firmen, darunter große wie Siemens, VW und Mercedes, haben sich zwar vom russischen Markt zurückgezogen und ihre Geschäfte – oft mit erheblichen Verlusten – verkauft. Dennoch bleiben die meisten deutschen Unternehmen weiterhin in Russland aktiv. Sie sind nicht bereit oder in der Lage, die in den letzten Jahren getätigten Milliardeninvestitionen einfach abzuschreiben.
Auch deutsche Firmen machen weiter Geschäfte in Russland
Der Großhandelskonzern Metro etwa verteidigt den Verbleib in Russland. «Wir tragen Verantwortung für unsere rund 9000 lokalen Mitarbeitenden und versorgen viele der klein- und mittelständischen Kunden – also Restaurants und Händler – mit Lebensmitteln», sagte ein Sprecher. Dem Unternehmen zufolge gab es in Russland seit Kriegsbeginn keine Wachstumsinvestitionen mehr.
«Wir verurteilen den Krieg aufs Schärfste», sagte Metro-Chef Steffen Greubel auf der Hauptversammlung Anfang Februar. Zugleich verwies er auf ausländische Unternehmen, die Russland verlassen wollten und «zwangsenteignet» wurden. Es sei nicht im eigenen Interesse, das Geschäft Oligarchen aus dem Umfeld der russischen Regierung zu überlassen, sagte Greubel. Metro hat in Russland 93 Märkte, 89 in eigenem Besitz.
Der Krieg hat bei Metro dennoch deutliche Spuren hinterlassen. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2022/23 ging auch infolge der Kaufzurückhaltung deutlich um 7,9 Prozent in lokaler Währung zurück, der berichtete Umsatz wegen negativer Wechselkurseffekte noch stärker (minus 13,6 Prozent). Bei Metro wird erwartet, dass der Negativtrend anhält.
Starker Einbruch des deutschen Handels mit Russland
Laut dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft verzeichnete der Russland-Handel insgesamt im vergangenen Jahr einen historisch beispiellosen Einbruch um 75 Prozent. Die Rohstoffgroßmacht, einst wichtiger Gas- und Öllieferant für Deutschland, fiel auf Platz 38 der Handelspartner hinter Slowenien (2022: Platz 14). Der deutsche Handel mit Russland schrumpfte demnach im Zuge der Sanktionen 2023 um drei Viertel auf 12,6 Milliarden Euro. «Die früher von Energieträgern dominierten Einfuhren sanken nach dem Beginn des Ölembargos Anfang 2023 um 90 Prozent auf nur noch 3,7 Milliarden Euro», hieß es.
Es gibt jedoch immer noch Hunderte deutscher Unternehmen in Russland – insbesondere in Bereichen, die nicht von westlichen Sanktionen betroffen sind, um den einfachen Menschen im flächenmäßig größten Land der Welt nicht zu schaden. Beispiele sind die Branchen Lebensmittel, Landwirtschaft, Gesundheit und Pharma. Insgesamt wird die Situation jedoch als äußerst instabil angesehen.
Ängste vor Putins Zwangsverwaltung oder Enteignung
Globus etwa betreibt in Russland ausschließlich Lebensmittelmärkte. Die Investitionen seien zwar «frühzeitig und signifikant» reduziert worden. «Dennoch leisten die Märkte weiterhin einen Beitrag zur Grundversorgung der russischen Zivilbevölkerung», sagt eine Sprecherin auf Anfrage. «Darüber hinaus zeigen verschiedene Beispiele und verabschiedete Gesetze, dass ein Rückzug aus dem russischen Markt zur Enteignung von Unternehmen führen kann, womit dem russischen Staat erhebliche Vermögenswerte zufallen würden.»
Solche Ängste, dass Betriebe per Erlass Putins unter Zwangsverwaltung gestellt werden, halten sich, seit Russland die beiden internationalen Marken Danone und Carlsberg unter Kontrolle nahm. Auch für Unternehmen, die nicht von Sanktionen betroffen sind, stellt sich die Frage, ob es vertretbar ist, im Land zu bleiben. In der Ukraine werden westliche Unternehmen, die in Russland weiter Geschäfte machen, bisweilen als «Sponsoren des Krieges» öffentlich gebrandmarkt.
Auch Ritter Sport geriet in die Kritik, weiterhin Schokolade nach Russland zu liefern. Das Unternehmen hat beschlossen, nicht mehr in den russischen Markt zu investieren, die Werbung zu stoppen und den Gewinn aus Russland an humanitäre Hilfsorganisationen zu spenden. Russland war auch im Jahr 2023 für Ritter Sport der größte Absatzmarkt in Deutschland – wenn auch mit einem leichten Umsatzrückgang.
Russen schätzen deutsche Produkte
Viele Russen schätzen deutsche Waren. «Alles ist aber sehr teuer geworden», klagt eine Seniorin im Supermarkt Perekrjostok am Kiewer Bahnhof in Moskau. Auch mit ihrer vergleichsweise guten Moskauer Rente von rund 300 Euro könne sie sich nicht alles leisten. Sie hat Kefir, Milch und Käse aus der Molkerei des deutschen Unternehmers Stefan Dürr im Korb. Sein Foto lässt der Baden-Württemberger, der Verwaltungschef des russischen Milchwirtschaftsverbandes Sojusmoloko und mit dem Unternehmen EkoNiva größer Produzent des Landes ist, als Markenzeichen auf die Verpackungen drucken.
Flaschen mit Kefir sind in Moskau erhältlich. Das Etikett zeigt das Foto des deutschen Milchproduzenten Stefan Dürr.
Für jüngere Moskauer mit höheren Einkommen und anderen Bedürfnissen aber tun sich wegen der Sanktionen bisweilen Hürden auf. «Computerprogramme zum Beispiel sind wegen der Sanktionen nicht einfach weiter nutzbar wie vor den Sanktionen», erzählt der junge Grafiker Andrej. Hier ist nicht nur eine Umgehung des russischen Teils des Internets durch einen VPN-Server nötig, um etwa Grafikprogramme anwenden zu können. Auch die Bezahlung von Software-Abonnements ist umständlicher geworden.
Sanktionen werden oft umgangen
Da Visa und Mastercard ihre Systeme in Russland deaktiviert haben und viele Banken auch vom internationalen Finanzkommunikationsnetzwerk Swift abgeschnitten sind, ist es nicht mehr möglich, Zahlungen problemlos abzuwickeln. Andrej hat ein Konto in der ehemaligen Sowjetrepublik Usbekistan eröffnet, um online mit einer Visakarte seine Software zu kaufen und zu bezahlen.
Reiche Russen, die es sich leisten können, längere Aufenthalte in Dubai, Thailand und anderen Orten zu verbringen, haben unbegrenzte Möglichkeiten. Sie ignorieren die Sanktionen einfach. Wohlhabende können nach wie vor in den Autohäusern von Moskau beliebige Modelle bestellen und in den Luxuskaufhäusern und Edelboutiquen internationaler Designer einkaufen. Sie finden immer Wege, um die Sanktionen zu umgehen. Wie Putin einmal sagte, läuft trotz der Strafmaßnahmen alles wie vor dem Krieg. Letztendlich ist es nur eine Frage des Geldes.








