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Space-Boom in Deutschland: Wie die Bürokratie Weltraum-Startups bremst

In Deutschland drängen über 100 Startups in den Weltraummarkt, sehen sich jedoch bürokratischen Hürden gegenüber. Experten fordern einen Wechsel in der Auftragsvergabe, um das Wachstum dieser innovativen Unternehmen zu fördern.

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Space;-Boom in Deutschland: Wie die Bürokratie Weltraum-Startups bremst
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In Deutschland streben über 100 Startups danach, den Weltraum zu erobern. Trotz eines großzügigen Budgets zur Förderung dieser Unternehmen bleiben die Herausforderungen für die jungen Firmen erheblich.

Der Weltraumpionier Wernher von Braun soll einst angemerkt haben, dass die westliche Bürokratie dazu beigetragen habe, dass die Sowjetunion 1957 den USA zuvor kam und als erste Nation einen Satelliten in die Umlaufbahn brachte. Rund 70 Jahre später sehen sich junge deutsche Raumfahrtunternehmen bei der Erschließung des zukunftsträchtigen Marktes Weltraum offenbar mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert.

„Die öffentlichen Auftraggeber müssen vermehrt dazu übergehen, Lösungen zu kaufen, anstatt Spezifikationen bis ins kleinste Detail vorzuschreiben“, fordert Andreas Kanstein, Geschäftsführer des Centrums für Satellitennavigation Hessen (Cesah). Diese Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung von Raumfahrttechnologien zu beschleunigen und fungiert als Ansprechpartner für Unternehmensgründer. „Wir brauchen europäische Champions. Hierzu muss der Staat verstärkt als Erstkunde auftreten und eventuelle Fehlschläge in Kauf nehmen.“ Nur so kann Europa nach einhelliger Expertenmeinung in dem milliardenschweren Markt mitmischen.

Bei der Auftragsvergabe durch staatliche Stellen liegt der Fokus häufig auf der Minimierung von Risiken: Bewerber müssen geprüfte Bilanzen vorlegen, und es drohen hohe Vertragsstrafen. Da sich der Staat oft exklusive Nutzungsrechte sichert, wird das Wachstum der Startups gebremst, die ihre Technologien dann nicht anderweitig vermarkten dürfen. Auch die Forschungsförderung gestaltet sich komplex: Unternehmen müssen aus Tausenden von Programmen mit eigenen Kriterien das passende auswählen. Die Genehmigung dauert oft Monate, zudem müssen Projekte meist vorfinanziert werden. Ein kleines Startup wie The Plasma Rocket Company, das Manövriertriebwerke für Satelliten entwickelt, sieht sich dadurch vor Herausforderungen:

„Der Staat könnte als Ankerkunde aktiver sein. Das würde es mir erleichtern, an Kredite zu kommen“, sagt Gründer Danny Kirmse, der zur Absicherung seines Lebensunterhalts einen Teilzeitjob bei einem Material- und Messtechnik-Unternehmen hat.

Der Bund sieht sich nach eigenen Angaben bereits als umfassender Unterstützer von Startups. Es existieren zahlreiche spezielle Förderprogramme, betont das Bundesforschungsministerium. Zudem prüft die Agentur für Sprunginnovation Sprind weitere Weltraumprojekte. Der Staat tritt teils bereits als Ankerkunde auf.

Finanzierung und Marktentwicklung

Schätzungen zufolge sind in Deutschland mehr als 100 Unternehmen im Bereich „New Space“ aktiv. Experten definieren diese Startups als Unternehmen, die den Weltraum als Wirtschaftsraum erschließen wollen. Laut dem Branchendienst Spacenexus betrug das weltweite Volumen dieses Sektors im Jahr 2025 etwa 380 Milliarden Dollar. Der Markt wird voraussichtlich in den kommenden Jahren um jährlich sieben bis neun Prozent wachsen.

Jonas Kellner, Sprecher der Rocket Factory Augsburg (RFA), zeigt sich optimistisch:

„Der Bedarf an souveränem, unabhängigem Zugang zum Weltraum ist sehr viel größer als noch vor ein paar Jahren.“

RFA plant für Herbst 2026 den ersten Testflug einer Rakete für niedrige Umlaufbahnen. Der Konkurrent HyImpulse aus Neuenstadt am Kocher beabsichtigt, in den kommenden Monaten eine verbesserte Version seiner Rakete „SR75“ ebenfalls vom britischen Weltraumbahnhof SaxaVord zu starten.

Nach mehrfachen Verzögerungen steht die Trägerrakete „Spectrum“ des Münchener Unternehmens Isar Aerospace kurz vor dem Start. Diese soll Kleinsatelliten ins All befördern. Kürzlich begutachtete Bundeskanzler Friedrich Merz die Startvorbereitungen des Unternehmens im norwegischen Andoya.

„Die Politik hat erkannt, wie wichtig unsere Branche ist“, sagt HyImpulse-Chef Christian Schmierer. „Von günstigen Satellitenstarts profitieren auch staatliche Institutionen oder die Bundeswehr.“

Strategische Bedeutung der Raumfahrt

Aus sicherheitspolitischer Perspektive wird die Unabhängigkeit von außereuropäischen Raumfahrtunternehmen zunehmend wichtiger. Der Ukraine-Krieg hat die Bedeutung von Satelliten für Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung verdeutlicht. Der Bund hat daher ein 35 Milliarden Euro schweres Aufrüstungsprogramm für den Weltraum aufgelegt. Davon sollen zehn Milliarden Euro in ein nationales Satelliten-Netzwerk fließen, das von der Rüstungsfirma Rheinmetall, dem Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus und dem Satellitenbauer OHB realisiert werden soll.

Allerdings fehlen den Startups bislang detaillierte Informationen zur Umsetzung dieser Rüstungspläne, kritisiert Victor Maier, Deutschland-Chef von The Exploration Company. Das Unternehmen aus Planegg bei München entwickelt wiederverwendbare Raumkapseln, um Fracht zu Weltraumstationen zu transportieren. Dabei benötigt es alternative Trägersysteme zu den SpaceX-Raketen des umstrittenen US-Milliardärs Elon Musk. Die Frachtkapsel Nyx sei zu schwer für aktuelle deutsche Raketen, und der Transport mit der europäischen „Ariane 6“ sei zu kostspielig, so Maier.

Walter Ballheimer, der Geschäftsführer des Berliner Satellitenbauers Reflex Aerospace, fordert ein eigenes Ökosystem für die Branche. Von der Rakete bis zum Satelliten müssten mehrere heimische Anbieter gefördert werden, um Ausfälle abzufedern.

„Nur so stellen wir sicher, dass wir in Zukunft nicht vor denselben Abhängigkeiten stehen wie heute.“

Dazu müsse das Vergabeverfahren grundlegend reformiert werden.

„Die bisherigen Ausschreibungen sind so komplex, dass sich meist nur Großkonzerne darauf bewerben können.“

Finanzierungslücken und Wettbewerb

Das Verteidigungsministerium verweist auf Reformen im Beschaffungswesen, die Startups zugutekommen sollen. So sollen künftig verbindliche Buchungen von Startkapazitäten bei Raketenbauern erfolgen. Die Produkte junger Firmen seien jedoch oft nicht kurzfristig verfügbar.

„Kritische, militärische Fähigkeiten setzen zudem einen Nachweis der technologischen Zuverlässigkeit voraus, der nicht immer von Startups geleistet werden kann.“

Dennoch besteht eine Finanzierungslücke im Vergleich zu US-Wettbewerbern. Laut der Risikokapitalfirma Seraphim floss 2025 zwar eine Rekordsumme von 12,4 Milliarden Dollar in den Sektor, jedoch erhielten heimische Startups nur ein Fünftel davon. Europa müsse nachlegen, fordert Daiva Rakauskaite von der Wagniskapitalfirma Aneli, die sich auf die Finanzierung von Startups in der Frühphase spezialisiert hat.

„Die kommenden Jahre sind entscheidend, um politische Ambitionen in industriellem Maßstab zu verwirklichen.“

Ronny Winkler