Nicht nur bei den Lokführern stehen die Signale auf Streik. In zahlreichen Tarifverhandlungen wird 2024 um deutlich mehr Geld, aber immer häufiger auch um kürzere Arbeitszeiten gerungen.
Tarifrunde 2024: Kürzere Arbeitszeiten, deutlich mehr Geld

Auch im Jahr 2024 erwartet die Menschen in Deutschland ein Jahr mit vielen Tarifkonflikten. Die vorübergehend hohe Inflation hat bei den Reallöhnen der abhängig Beschäftigten deutliche Spuren hinterlassen, und gleichzeitig wird in verschiedenen Branchen der Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten immer lauter.
Die Gewerkschaften sind bereit, die Arbeitsbedingungen für fast 12 Millionen Beschäftigte neu zu verhandeln, wie das WSI-Tarifarchiv der Hans-Boeckler-Stiftung zusammengestellt hat. Im nächsten Jahr sind die Schwerpunkte das Bauhauptgewerbe, Leiharbeit, Chemie sowie im Herbst die Metall- und Elektroindustrie, die allein für 3,6 Millionen Beschäftigte zuständig ist.
Es gibt noch eine Vielzahl von Tarifkonflikten, die aus 2023 ins neue Jahr verschoben wurden. Dazu zählen die Verhandlungen im Einzelhandel und Großhandel, die vor Weihnachten zu wiederholten Warnstreiks geführt haben.
Formel «Geld oder Freizeit»
Trotz mehrerer Warnstreiks hat die Gewerkschaft GDL bei der Bahn ihr Ziel noch nicht erreicht, aber sie hat bereits durch eine Urabstimmung die Grundlage für weitere Arbeitskämpfe geschaffen, die ab dem 8. Januar beginnen könnten. Im voraussichtlich letzten Tarifkonflikt des scheidenden GDL-Chefs Claus Weselsky geht es vor allem um die Verkürzung der Wochenarbeitszeit im Schichtdienst von 38 auf 35 Stunden, was die Bahn bisher aufgrund des Fachkräftemangels strikt ablehnt. Beim DB-Konkurrenten Netinera (u.a. Metronom, ODEG, Vlexx) hingegen ist die GDL bereits weiter: Dort wird die schrittweise Einführung der 35-Stunden-Woche bereits zu Jahresbeginn 2025 beginnen.
In der Eisen- und Stahlindustrie haben die Tarifpartner Maßnahmen ergriffen, um kurzfristig die Wochenarbeitszeiten zu verkürzen. Der Hintergrund für diese Maßnahme ist der bevorstehende ökologische Umbau der energieintensiven Branche, der laut Gewerkschaft in der Mitte des Jahrzehnts zu einem deutlichen Rückgang der Arbeitsbelastung führen wird. Die Verkürzung der Arbeitszeit beim Stahl dient dazu, die Fachkräfte in den Unternehmen zu halten. Es wird jedoch keinen vollen Lohnausgleich geben, wie zuvor gefordert.
Für weitere zentrale Industriezweige wie Auto oder Maschinenbau ist die Forderung nach einer 32-Stunden-Woche noch Zukunftsmusik. Aber die «kurze Vollzeit» gilt der neuen IG-Metall-Vorsitzenden Christiane Benner als anzustrebendes Ideal, das dann auch von vielen Frauen leichter zu bewältigen sei. Bereits Bestandteil einiger Tarifverträge ist die Formel «Geld oder Freizeit», die unter anderem Verdi beim Bodenpersonal der Lufthansa für das Jahr 2024 auf die Agenda gesetzt hat.
Höhere Entgelte gefordert
Neben der Arbeitszeit werden insbesondere deutlich höhere Entgelte gefordert, um die Verluste des Reallohns der Vorjahre langsam wieder auszugleichen. Die Bundesbank hat bereits im Jahr 2023 deutlich höhere Tarifabschlüsse als üblich festgestellt, die jedoch stark von den abgabenfrei gestellten Zahlungen zur Inflationsausgleichung geprägt waren. Im Monatsbericht November heißt es, dass auch ohne dieses Instrument höhere dauerhafte Lohnsteigerungen vereinbart wurden als vor der Hochinflation. Allerdings betrug diese Steigerung im Sommerquartal mit 3,0 Prozent nur einen halben Prozentpunkt mehr als im Frühjahr.
Obwohl die Lohnabschlüsse im Jahr 2023 im Vergleich hoch waren, mit einer durchschnittlichen nominalen Steigerung von 5,6 Prozent, blieben viele Arbeitnehmer trotzdem hinter der allgemeinen Preissteigerung zurück. Erst wenn man die individuellen Steuer- und Abgabenvorteile der hohen Einmalzahlungen berücksichtigt, wurde in den meisten Fällen die Inflation letztendlich übertroffen, erklärt Thorsten Schulten, Leiter des WSI-Tarifarchivs. Der Bedarf an Aufholung ist enorm: Nach drei Jahren mit Reallohnverlusten liegt die Kaufkraft derzeit auf dem Niveau von 2016.








