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Ukraine-Krieg bremst Frankreichs Kohleausstieg

Das letzte Kohlekraftwerk in Lothringen sollte eigentlich in einigen Tagen heruntergefahren werden. Probleme an den AKW und vor allem der Ukraine-Krieg aber bremsen Frankreichs Kohleausstieg aus.

Wasserdampf steigt am frühen Morgen aus den Kühltürmen eines Braunkohlekraftwerks. (Symbolbild)
Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Eigentlich war der Kohleausstieg in Frankreich längst besiegelt, Ende März sollte das bis auf ein Reservekraftwerk letzte Kohlekraftwerk in Saint-Avold bei Saarbrücken vom Netz gehen.

Rechtzeitig vor der Präsidentschaftswahl im April wäre damit der Abschied von der im Atomland Frankreich ohnehin kaum mehr relevanten und klimaschädlichen Kohleverstromung vollzogen. Doch seit einigen Wochen läuft das Kraftwerk per Sondergenehmigung auf Hochtouren, 90.000 Tonnen noch vor Beginn des Ukraine-Kriegs importierte Kohle aus Russland werden Tag und Nacht verfeuert. Ob das Kraftwerk wirklich am kommenden Donnerstag schließt, steht plötzlich in Frage.

Es gehe um eine Neubewertung der Situation, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums in Paris der Deutschen Presse-Agentur. Zwei Faktoren spielten eine Rolle: Von den 56 französischen Atomkraftwerken seien im Moment 15 zur Wartung und wegen Korrosionsproblemen vom Netz, noch für längere Zeit gebe es weniger Atomstrom als geplant. Mit dem Krieg in der Ukraine komme eine neue Einschränkung hinzu, man müsse Szenarien einer geringeren Verfügbarkeit von Erdgas durchspielen, das ebenfalls zur Stromerzeugung genutzt wird. Der nationale Stromkonzern EDF und der Netzbetreiber seien um Untersuchungen gebeten worden.

Geht Laufzeit in die Verlängerung?

Wie der Sender «Europe 1» aus dem Umfeld der Umweltministerin erfuhr, wird die Laufzeit des Kraftwerks in Lothringen wahrscheinlich verlängert. «Mit dem Krieg in der Ukraine befinden wird uns in einer neuen Situation, wir treffen eine Entscheidung in den nächsten Tagen», zitierte der Sender aus dem Umfeld der Umweltministerin. Der Tag der offenen Tür im Kraftwerk an diesem Samstag wird also wohl kein sofortiges Abschiednehmen für Anlieger und ehemalige Beschäftigte vom Kraftwerk «Emile-Huchet» bedeuten.

Bei den Beschäftigten war die angekündigte Schließung des Kraftwerks insbesondere angesichts der Energiekrise auf Unverständnis gestoßen. Wie Gewerkschafter Jean-Pierre Damm der Zeitung «l’Obs» sagte, mache es wenig Sinn, das Kraftwerk zu schließen und dann aus der Not Kohlestrom aus dem Saarland einzukaufen. «Wo ist der ökologische Nutzen?», sagte er. «Ich sage nicht, dass wir zehn Jahre weitermachen müssen. Aber wenn wir ohne russisches Gas auskommen müssen, werden wir die Kohle in den nächsten Monaten noch benötigen.»

Egal wie lange die Gnadenfrist für das einst 1981 vom damals frisch gewählten Präsidenten François Mitterrand eröffnete Kraftwerk ausfällt, das einstige Stahl- und Kohlerevier Lothringen ringt seit Jahren mit dem Strukturwandel nach Schließung der Kohleminen und der meisten Stahlwerke. Am Standort Saint-Avold wurde im Dezember bereits der Grundstein für ein Biomasse-Kraftwerk gelegt. Pläne gibt es auch für ein grenzüberschreitendes Wasserstoffprojekt unter Einbindung von Luxemburg und dem Saarland.

dpa