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Deutsche Betriebe verzweifelt auf der Suche nach Azubis

Fachkräftemangel bei Auszubildenden erreicht in Deutschland einen Negativrekord. Betriebe kämpfen mit Besetzungsschwierigkeiten und fehlenden Bewerbungen.

Vor allem kleine Industriebetriebe finden laut DIHK kaum noch Azubis. (Archivbild)
Foto: Oliver Berg/dpa

Immer mehr Unternehmen in Deutschland sind dringend auf der Suche nach Auszubildenden. Laut einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) konnten im letzten Jahr rund die Hälfte ihrer Ausbildungsbetriebe (49 Prozent) nicht alle Plätze besetzen. Dies stellt laut Angaben einen Negativrekord dar. Darüber hinaus gab mehr als ein Drittel der Unternehmen mit Besetzungsschwierigkeiten an, keine einzige Bewerbung erhalten zu haben – hochgerechnet betrifft dies laut DIHK fast 30.000 Unternehmen in ganz Deutschland.

«Der Fachkräftemangel fängt bereits bei den Auszubildenden an», kommentierte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Lage der Kammer zufolge immer weiter zugespitzt. Inzwischen ist man alarmiert: «Ohne junge Nachwuchskräfte fehlt uns bald die Basis für unsere Industrie, für den Mittelstand, für die kleinen Betriebe – und damit für den Wohlstand auch der jungen Generationen.»

Besonders kleine Unternehmen haben Schwierigkeiten. Am schwierigsten ist es, Ausbildungsplätze in der Industrie, im Gastgewerbe, im Handel, im Verkehrswesen und im Baugewerbe zu besetzen. An der Umfrage der Industrie- und Handelskammern haben sich 13.077 Unternehmen aus verschiedenen Branchen beteiligt.

Woran es liegt

In den vergangenen Jahren haben Unternehmen auch die Coronapandemie für die schwierige Lage bei der Berufsorientierung und der Suche nach Ausbildungsplätzen verantwortlich gemacht. Doch klar ist: Der Hauptgrund ist der demografische Wandel – es gibt einfach nicht genügend jüngere Arbeitnehmer, die in den Beruf eintreten, wenn ältere aus dem Arbeitsleben ausscheiden.

Mängel sieht die Kammer aber auch bei der Berufsorientierung in der Schule. «Wirtschafts-, Finanz- oder Mint-Themen müssen im Unterricht eine größere Rolle spielen», sagte Dercks. Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Außerdem brauchten die Azubis wenigstens ein Minimum an Deutschkenntnissen, Lernbereitschaft und Umgangsformen. An einer soliden Grundausbildung mangele es aber zunehmend. 

«Unser Bildungssystem muss an dieser Stelle besser werden. Die Unternehmen nehmen aus der Not heraus immer mehr selbst in die Hand und unterstützen junge Menschen mit Startschwierigkeiten auf verschiedenste Weise», sagte Dercks. Das reiche von Nachhilfe in Deutsch und Mathe bis hin zu Coaching in Sachen Selbstmanagement und Motivation.

Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit ist die Anzahl der Bewerber für Ausbildungsstellen in letzter Zeit um drei Prozent gestiegen. Bis Juli gab es jedoch rechnerisch 85.000 mehr gemeldete Ausbildungsstellen als Bewerber. Besonders betroffen von Besetzungsproblemen waren die Baubranche, Gastronomie, Metall- und Elektroberufe, Verkauf und Logistik.

Vergleichsweise wenige offene Stellen gab es hingegen in der Softwareentwicklung, Tischlerei, Kfz-Technik und Gartenbau sowie in Maler- und Lackierberufen. Junge Leute haben demnach relativ geringe Chancen auf Ausbildungsplätze in der Tierpflege und in künstlerisch-kreativen Berufen wie Mediengestaltung, Raumausstattung, Kamera- oder Tontechnik.

Schnuppertage, Tiktok: Was sich Unternehmen einfallen lassen

Die meisten Unternehmen nutzen nach wie vor traditionelle Methoden, um Auszubildende zu finden: durch Schülerpraktika, Online-Stellenbörsen und Ausbildungsmessen. Laut einer Umfrage des DIHK funktioniert die persönliche Ansprache am besten. 70 Prozent der Unternehmen lernen ihre zukünftigen Auszubildenden bei Schnuppertagen, Job-Messen und Praktika kennen. Die wichtigsten Botschafter dabei sind die eigenen Mitarbeiter.

Jedoch genügt das allein nicht, um ein Unternehmen überhaupt in den Fokus junger Schulabgänger zu rücken. Deshalb haben immer mehr Betriebe nicht nur eine Internetseite (86 Prozent), sondern sind auch auf Social-Media-Plattformen präsent. 45 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, Instagram-Accounts zu haben, 36 Prozent sind auf Berufsplattformen wie LinkedIn oder Xing aktiv – und immerhin 11 Prozent nutzen Tiktok, Youtube oder Whatsapp, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ihren Azubis müssen sie inzwischen auch mehr bieten: flache Hierarchien, eine gute technische Ausstattung, finanzielle Anreize und Auslandsaufenthalte sind inzwischen an der Tagesordnung. «Die Unternehmen verstärken ihre Anstrengungen für einen interessanten Ausbildungsplatz», erläuterte Dercks. 

Azubis aus dem Ausland

Laut einer Umfrage des DIHK versucht jeder zweite Betrieb inzwischen auch Auszubildende aus dem Ausland zu rekrutieren – insbesondere in der Gastronomie und in der Transport- und Logistikbranche. Die größte Herausforderung sehen 81 Prozent der Betriebe nach wie vor in den unzureichenden Deutschkenntnissen ihrer ausländischen Azubis. Zudem erschweren umständliche bürokratische Prozesse bei Visa- und Aufenthaltsverfahren die Einstellung zusätzlich.

dpa