Schlechte Konsumstimmung, magere Umsätze: Auch 2024 bringt für den stationären Handel nicht den erhoffen Umschwung. Viele Menschen sind von den Innenstädten zunehmend gelangweilt.
Verbraucher verlieren die Lust am Einkaufsbummel

Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für den Standortmonitor des Handelsverbandes Deutschland (HDE) tätigen viele Verbraucher in Deutschland hauptsächlich ihre Einkäufe in kleinen und mittelgroßen Städten. Städte mit weniger als 100.000 Einwohnern können insbesondere mit kurzen Fußwegen, einer angenehmen, entspannten Atmosphäre und Übersichtlichkeit überzeugen. Mittelstädte – also solche mit mehr als 20.000 Einwohnern – werden auch für ihr vielfältiges Angebot an Geschäften und Gastronomie geschätzt.
«Die gute Versorgung mit Gebrauchsgütern, die schnelle Erreichbarkeit des Stadtzentrums und attraktive Einkaufsangebote machen Klein- und Mittelstädte zu besonders lebenswerten Orten», sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Ein direkter Vergleich der Daten ist nicht möglich, weil die Befragung in dieser Form zum ersten Mal durchgeführt wurde. Für Genth sind die Ergebnisse «viel positiver als erwartet», die Situation in den Zentren der kleineren Städte sei «oftmals bei weitem nicht so düster wie häufig dargestellt».
Es ist eine gute Nachricht im Dickicht vieler schlechter für den Handelsverband. Dennoch bleibt das Thema Innenstädte schwierig, und der stationäre Handel steckt weiterhin in einer schweren Krise, ohne Besserung in Sicht.
Kauflaune bleibt schlecht
Die krisenbedingte Verunsicherung der Verbraucher ist leicht rückläufig. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts IFH. Dennoch verliert der stationäre Handel weiter an Relevanz – und die Konsumenten zunehmend die Lust am Einkaufsbummel. Der Anteil der Verbraucher, die angeben, beim Bummeln häufig etwas zu sehen und dann zu kaufen, ist in diesem Jahr laut einer Umfrage des IFH von 46 auf 42 Prozent gesunken. Mehr als jeder Dritte und damit mehr als im Vorjahr würde gern mehr in Innenstädten einkaufen, findet es aber langweilig, «weil überall die gleichen Anbieter sind». Bei Besserverdienern ist dieses Gefühl besonders ausgeprägt.
Der Handel in Deutschland leidet unter Fachkräftemangel und Insolvenzen bekannter Filialisten wie Galeria und Esprit. Die Branche ist neben dem Baugewerbe am stärksten von Pleiten betroffen, wie Auswertungen von Creditreform und Allianz Trade zeigen. Seit 2020 mussten laut HDE deutschlandweit etwa 46.000 Geschäfte schließen. Sorgen bereitet auch die wachsende Zahl von Leerständen. In knapp 30 Prozent der Städte und Gemeinden gibt es nach Angaben des Handelsforschungsinstituts EHI in den Fußgängerzonen eine Leerstandsquote von mehr als 10 Prozent. In 40 Prozent der Fälle dauert es länger als sechs Monate, bis die Flächen neu vermietet sind.
Die Unternehmen leiden weiterhin unter der Kaufzurückhaltung. 2022 und 2023 waren geprägt von schlechter Stimmung, aber in diesem Jahr bleibt der erhoffte Aufschwung aus. Die Konsumstimmung hat sich sogar weiter verschlechtert, wie die regelmäßigen Umfragen von GfK und HDE zeigen. Trotz der rückläufigen Inflation achten die Verbraucher beim Einkaufen immer noch stark auf Preise und Angebote.
Die Datenplattform Hystreet verzeichnete in den deutschen Innenstädten im Jahr 2024 zwar in mehreren Monaten mehr Passanten als im Vorjahr, jedoch hatte dies offensichtlich keinen spürbar positiven Einfluss auf die Händler. Zwischen Januar und April stiegen die Umsätze im deutschen Einzelhandel real, also preisbereinigt, lediglich um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Fußball-Europameisterschaft brachte nicht die erhoffte Trendwende.
Stationärer Handel verliert in allen Warengruppen
Laut dem Handelsverband wird der stationäre Handel im Jahr 2024 inflationsbereinigt nur um ein Prozent wachsen. Die Stimmung unter den Einzelhändlern ist wenig optimistisch. Laut einer kürzlich durchgeführten Branchenumfrage des HDE erwarten die Hälfte der Unternehmer einen Rückgang der Umsätze im Vergleich zum Vorjahr, während weniger als 30 Prozent glauben, dass die Geschäfte besser laufen werden. Zwei von drei sehen eine Abnahme der Kundenfrequenz an ihren stationären Standorten. Besonders schlecht ist die Lage im Bereich Möbel und Einrichtung, Schuhe, Haushalts- und Spielwaren.
«In allen Gebrauchsgüter-Branchen – Kleidung, Möbel, Elektronik und Freizeitprodukte – sehen wir einen weiteren Abfall der Käufe im stationären Handel und dagegen einen Anstieg der Onlinekäufe», sagt IFH-Direktor Werner Reinartz, Professor für Marketing an der Universität zu Köln. Diese Tendenz werde sich 2025 fortsetzen. E-Commerce-Experte Jochen Krisch gab Händlern in der Podcast-Reihe «Exchanges» kürzlich etwas polemisch den Ratschlag: «Verkauft das Stationäre, wenn ihr keine Online-Ideen habt, und investiert in Amazon-Aktien.»
Trotzdem sind den Verbrauchern grundsätzlich immer noch die Vorteile der stationären Geschäfte bekannt. Laut IFH schätzen sie vor allem, dass sie Produkte direkt mitnehmen, ausprobieren und anfassen können. Dies sind die häufigsten Antworten der Kunden auf die Frage nach den Gründen für den Kauf. Viele erwähnen auch die Sicherheit, hochwertige Produkte zu erhalten und nicht bei Fake Shops einzukaufen.
«Die Leute wollen den Stoff spüren, sie wollen wissen, ob das Kleidungsstück passt und nicht tausend Sachen hin- und herschicken», sagt der Geschäftsführer der Handelsberatung BBE, Johannes Berentzen. «Ich mache mir keine Sorgen um den stationären Handel. Die Händler haben es selbst in der Hand.» Aus seiner Sicht haben die Klein- und Mittelstädte mit kurzen Wegen zu den Geschäften dabei einen weiteren Vorteil. «Gerade für die immer älter werdende Gesellschaft wird gute Erreichbarkeit zunehmend wichtig. Der ÖPNV in den Großstädten kann die oft weiten Wege nur zum Teil kompensieren.»








