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Verzögerungen verteuern Energiewende um Milliarden

Die Energiewende wird wegen vieler Verzögerungen teurer als nötig. An der Entstehung zusätzlicher Milliardenkosten maßgeblich beteiligt war die bayerische Politik. Die Kosten tragen alle.

Im Norden Deutschlands wird mehr Ökostrom produziert als verbraucht, im Süden ist es umgekehrt.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die deutsche Energiebranche erwartet in den kommenden Jahren weitere Milliardenkosten für die Stabilisierung des deutschen Stromnetzes. Die Hauptgründe dafür sind die Verzögerungen beim Ausbau des Stromnetzes und der unzureichende Ausbau der erneuerbaren Energien im Süden, gemessen am hohen Bedarf.

Diese Faktoren machen nach Einschätzung von Verbänden, Unternehmen und Ökonomen auch in den nächsten Jahren ein aufwendiges «Netzengpassmanagement» notwendig.

Es gibt noch keine Zahlen zu den Kosten des Engpassmanagements für das gesamte Jahr 2023. Laut Bundesnetzagentur beliefen sich die Kosten im ersten Halbjahr 2023 auf über 1,6 Milliarden Euro und im Gesamtjahr 2022 auf 4,2 Milliarden Euro, teilweise bedingt durch den Anstieg der Gaspreise.

Der Netzbetreiber Tennet geht davon aus, dass es an die zehn Jahre dauern könnte, die Kosten der Netzeingriffe wieder auf ein Minimum zu senken. Ob die Redispatch-Maßnahmen eventuell sogar weiter ansteigen könnten, ist nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) schwer vorauszusagen. «Kurzfristig ist noch nicht mit einer Entlastung der Redispatch-Kosten zu rechnen», prophezeite kürzlich Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung.

Regionale Unterschiede

Doch was bedeutet «Engpassmanagement»? Im Norden wird mehr Ökostrom produziert als verbraucht, im Süden ist es umgekehrt. Deswegen muss mehr Strom von Nord nach Süd transportiert werden. Weil der Bau der Hochspannungstrassen «Südlink» und «Südostlink» sich um Jahre verzögert, reicht die Leitungskapazität häufig nicht.

Dann werden Ökostromanlagen – darunter viele Windräder im Norden – «abgeregelt». Im Süden müssen konventionelle Kraftwerke hochfahren, die viel teureren Strom produzieren. «Es ist nicht immer möglich, den Strom von den Erzeugungsanlagen zu den Verbrauchern zu transportieren», formuliert ein Sprecher der Bundesnetzagentur diplomatisch.

In den Kosten des Engpassmanagements ist die Entschädigung für ungenutzten Ökostrom enthalten, der praktisch für die Mülltonne erzeugt wird. Im Jahr 2022 zahlten die vier Übertragungsnetzbetreiber allein für diesen Zweck 900 Millionen Euro, laut Bundesnetzagentur waren es 2021 800 Millionen.

Laut einem Sprecher der Behörde wurden im Jahr 2022 knapp drei Prozent des Ökostroms abgeregelt. Im Vergleich zur gesamten Stromerzeugung sind die Eingriffe gering.

Das Problem mit den Erdkabeln

Doch summiert sich dies über die Jahre auf eine zweistellige Milliardensumme. «Jetzt schon steigen durch die höher werdenden Netzentgelte infolge des großen Redispatchaufwandes in ganz Deutschland die Strompreise», sagt der Energieexperte Raimund Kamm.

Kamm ist Verfechter der Windenergie, steht mit dieser Einschätzung aber nicht allein: «Während Kosten für Redispatch Ausgaben sind, die verpuffen und keinen volkswirtschaftlichen Nutzen haben, zahlen sich Investitionen in die Strominfrastruktur langfristig aus», heißt es bei Tennet.

Gemäß der ursprünglichen Planung sollten die beiden großen Gleichstromtrassen (HGÜ) bereits bis 2022 fertiggestellt sein. Der ehemalige Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bestand darauf, dass sie als Erdkabel verlegt werden, was zu einer Verzögerung der Fertigstellung bis 2027/28 führen wird. Ein prominenter Gegner der Trassen war der Vorsitzende der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, der mittlerweile sogar eine dritte Leitung fordert.

Die Verlegung von Erdkabeln ist nicht nur zeitaufwändiger, sondern auch ungefähr doppelt so teuer wie der Bau von Freileitungen. Die Kosten für Engpässe werden in die bundesweit einheitlichen Übertragungsnetzentgelte einbezogen, ebenso wie der Börsenstrompreis, der bundesweit gilt.

Die Kosten für die lokalen Verteilnetze variieren je nach Region, sollen jedoch ebenfalls vereinheitlicht werden. Laut Berechnungen der Portale Verivox und Check24 werden die Gesamtkosten für die Netzentgelte in diesem Jahr um etwa ein Viertel teurer sein, was für eine vierköpfige Familie etwa 100 Euro im Jahr ausmacht.

«Umgekehrter Länderfinanzausgleich»

«Den tatsächlichen Kosten entsprechende Marktpreise wären im Norden niedriger und im Süden höher, in Bayern und Baden-Württemberg sehr hoch», sagt Ökonom Mathias Mier am Münchner Ifo-Institut. «Der Redispatch ist in dem Sinne ein umgekehrter Länderfinanzausgleich, von dem die Unternehmen in Süddeutschland sehr stark profitieren.»

Bei der Stromversorgung wird also ganz Deutschland an den höheren Kosten im Süden beteiligt, inklusive der politisch verursachten. «Das zahlen vor allem die Privathaushalte», sagt der Münchner Energiefachmann. «Auch wenn die Stromtrassen eines Tages fertig gestellt sind, wird das das Problem nicht lösen.»

Es gäbe eigentlich nur eine langfristige Lösung, meint der Wissenschaftler. «Und das wäre die Aufteilung Deutschlands in zwei oder mehr Strompreiszonen.» Norddeutschland hätte dann einen Wettbewerbsvorteil bezüglich Strompreisen.

Politik und Wirtschaft im Süden sind naturgemäß gegen eine Aufteilung in zwei Zonen. Bayerns Staatsregierung hat ihre Meinung mittlerweile geändert und unterstützt nun sowohl den Bau der Trassen als auch von Windrädern.

«Der Netzaus- und -umbau muss dringend weiter beschleunigt werden», fordert der BDEW. «Insbesondere die großen HGÜ-Verbindungen müssen nun zeitnah fertiggestellt werden.»

Nach allgemeiner Einschätzung werden auch neue (Gas)-Kraftwerke als notwendig erachtet, um eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten. Tennet gibt den Bedarf an gesicherter Leistung bis 2031 mit 21 Gigawatt an, wobei zwei Drittel davon im Süden liegen.

dpa