Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Wagnis in China – BASF investiert Milliarden in neues Werk

Wohl Ende März eröffnet der weltgrößte Chemiekonzern sein neues Werk in China. Die Hoffnung auf Wachstum ist groß. Es gibt aber auch Skepsis.

Markus Kamieth war Asien-Chef der BASF, bevor er 2024 zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Konzerns wurde und Martin Brudermüller ablöste. (Archivbild)
Foto: Uwe Anspach/dpa

Der BASF-Konzern wird im ersten Quartal des Jahres seinen neuen Verbundstandort in Zhanjiang, China, offiziell eröffnen – als Industriestandort mit verbundenen Produktionsanlagen, Logistik und Stoffströmen. Das Werk ist mit rund 8,7 Milliarden Euro das bisher größte Einzelinvestitionsprojekt des Unternehmens. Kritiker warnen davor, dass BASF sich erneut nach teuren Abschreibungen in Russland wegen des Ukraine-Kriegs von einer autokratischen Führung abhängig macht. BASF argumentiert, dass es am Zukunftsmarkt China keine Alternative gibt. Einige Fragen und Antworten dazu.

Warum investiert BASF in diesen Standort?

Weil China wächst. «Wir erwarten, dass rund 80 Prozent des Wachstums in der Chemieindustrie bis zum Jahr 2035 auf die Region Asien-Pazifik konzentriert sein werden», teilt BASF mit. Schon heute trage China, das einen Anteil von rund 50 Prozent am Chemieweltmarkt hat, maßgeblich zu diesem Wachstum bei. 

«Mit Blick auf diese Entwicklung ist BASF im größten Zukunftsmarkt noch immer unterrepräsentiert: 2024 erzielte BASF in China rund 13 Prozent des Gesamtumsatzes der BASF-Gruppe. Der Marktanteil ist deutlich kleiner als in den USA oder gar in Europa», heißt es. Das Engagement in China bedeute weder eine Fokussierung auf einen einzigen Markt noch eine Verlagerung der Produktion. Was BASF in China herstelle, werde größtenteils dort verkauft.

Deutsche Chemieunternehmen bleiben in Bezug auf die Wachstumsaussichten in China insgesamt optimistisch. Laut einer im Dezember veröffentlichten Geschäftsklimaumfrage der deutschen Auslandshandelskammer in Peking erwarten 84 Prozent der Mitglieder der Chemieindustrie in der Volksrepublik in den nächsten fünf Jahren einen Anstieg des jährlichen Durchschnittswachstums. 61 Prozent planen, ihre Investitionen in China in den nächsten zwei Jahren zu erhöhen.

Wie stellt BASF Menschenrechte und Arbeitsstandards sicher?

2024 hatte das Unternehmen Anteile an zwei Joint Ventures in China verkauft. Grund: Berichte wiesen auf Aktivitäten beim Joint-Venture-Partner hin, «die nicht mit den Werten von BASF vereinbar sind». Das systematische Prüfen eigener Gesellschaften und der Lieferanten wolle man fortsetzen. «Wir nehmen jeden Hinweis auf Menschenrechtsverletzungen sehr ernst und prüfen ihn sorgfältig.» Die Einhaltung gesetzlicher Anforderungen werde in Audits geprüft.

Welche Risiken sieht das Unternehmen beim China-Engagement?

Peking hat offen erklärt, dass es demokratisch regierte Taiwan mit China vereinigen möchte – notfalls mit militärischen Mitteln. Ein Konflikt würde auch wirtschaftlich verheerende Folgen haben, da die Taiwanstraße und der Westpazifik wichtige Seehandelsrouten sind, Taiwan die Welt mit dringend benötigten Computerchips versorgt und China im Konfliktfall mit internationalen Sanktionen konfrontiert werden könnte. BASF kommentiert dazu: „Wir beobachten die geopolitischen Entwicklungen sehr aufmerksam und bewerten die Risikoszenarien. Dies gilt für alle Länder, in denen wir tätig sind.“

Was sagen Kritiker der Investition?

Kritische Anteilseigner von BASF befürchten, dass das Unternehmen sich durch Investitionen in China zu stark von der Führung in Fernost abhängig macht. Die teuren Abschreibungen in Russland dienen dem Management als abschreckendes Beispiel. Bei der Amtseinführung von Vorstandschef Markus Kamieth – dem ehemaligen Asienchef des Unternehmens – auf der Hauptversammlung vor fast zwei Jahren hatten kritische Aktionäre bereits wegen China protestiert und diese Kritik bei der letzten Hauptversammlung erneut geäußert.

Arne Rautenberg, Fondsmanager bei Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, ist skeptisch, ob sich die Investition für Aktionäre auszahlen wird. Von einer «riskanten Wette» sprach Linus Vogel von der Sparkassenfondsgesellschaft Deka – «zumal das China von heute ein ganz anderes ist als das China zum Zeitpunkt der Investitionsentscheidung».

Wie steht es um die Nachhaltigkeit?

BASF zufolge wird das Werk in Zhanjiang «zu 100 Prozent» mit Strom aus erneuerbaren Quellen versorgt. Durch verschiedene Maßnahmen werde der Standort seine CO2-Emissionen «um bis zu 50 Prozent» gegenüber einem konventionellen petrochemischen Standort reduzieren. «Ein deutlich niedrigerer CO2-Fußabdruck als die meisten Wettbewerber – und das zu wettbewerbsfähigen Kosten: Das macht uns zu einem attraktiven Partner unserer Kunden in China», wirbt das Unternehmen.

Wie geht es BASF zurzeit?

Das Unternehmen leidet seit einiger Zeit unter Nachfrageschwäche und gesunkenen Preisen. Neben der mauen Konjunktur belastet die US-Zollpolitik. Unternehmenschef Markus Kamieth sagte dem «Handelsblatt» jüngst: «Die Chemieindustrie erlebt wohl ihre schwierigste Zeit seit 25 Jahren.» BASF hat im defizitären Stammwerk Ludwigshafen Anlagen stillgelegt und konzernweit mehrere Sparprogramme inklusive Stellenabbau aufgelegt.

Der Konzern plant, in Ludwigshafen bis Ende 2028 keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen und Milliarden zu investieren. In der Stadt arbeiten über 30.000 Menschen, was einem Drittel der weltweiten BASF-Beschäftigten entspricht.

Kamieth plant, das Unternehmen durch Umstrukturierung auf Kurs zu bringen. Einige Geschäftsbereiche sollen verkauft und die Agrarsparte bis 2027 an die Börse gebracht werden. BASF soll sich insgesamt von einem breit aufgestellten, integrierten Chemiekonzern mit vielen vernetzten Geschäftsfeldern zu einem Unternehmen mit einem Kerngeschäft aus vier Sparten und mehreren eigenständigen Geschäftsteilen entwickeln.

China wächst nicht mehr so schnell. Was bedeutet das für BASF?

«Derzeit gibt es in China Überkapazitäten bei vielen chemischen Produkten», räumt der Konzern ein. Gleichzeitig verzeichne der chinesische Markt weiter ein sehr robustes Nachfragewachstum. «Es ist zu erwarten, dass ältere Anlagen mit geringerer Energieeffizienz und schlechteren Umweltstandards in den kommenden Jahren stillgelegt werden müssen.» Mittelfristig führe dies zu einer Reduktion der Überkapazitäten.

Wie groß ist das Werk – und wer arbeitet dort?

«Der Standort wird nach Ludwigshafen und Antwerpen der drittgrößte Verbundstandort der BASF sein», teilt das Unternehmen mit. Auf einem Areal von rund vier Quadratkilometern – das ist fast die Fläche der Insel Mainau im Bodensee – werden 2.000 Beschäftigte arbeiten. «Das Führungsteam besteht zum großen Teil aus chinesischen Mitarbeitenden.»

Was wird dort produziert?

Das neue Werk beinhaltet einen sogenannten Steamcracker mit einer Kapazität von einer Million Tonnen Ethylen pro Jahr sowie verschiedene Anlagen zur Herstellung von Petrochemikalien, Zwischenprodukten und anderen Produkten. Laut dem Unternehmen zählen zu den Kunden unter anderem die Verpackungsindustrie für Kunststoffe und Spezialchemikalien, der Bausektor für Hochleistungskunststoffe und die Automobilindustrie für Lacke und Kunststoffe.

dpa