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Warum die Klimabewegung den ÖPNV-Warnstreik unterstützt

Im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen im ÖPNV erhält die Gewerkschaft Verdi in diesen Tagen wieder Unterstützung von der Klimabewegung Fridays for Future. Das Bündnis hat Vorteile für beide Seiten.

Emil Görtzen (l-r), Fridays for Future, Jürgen Schirmer, Gewerkschaft Verdi, und Patrick Steinbach, Verkehrsbetrieb BoGeStra, stehen mit einem Banner zum gemeinsamen Aktionstag vor der Verdi-Zentrale in Bochum.
Foto: Christoph Reichwein/dpa

Es ist dunkel, kalt und früh. Eine Feuertonne lodert. Ein bereitgestellter Bus spendet etwas Wärme für die Streikenden an ihrem Streikposten auf einem Betriebshof der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in Berlin-Charlottenburg. Es ist Anfang Februar, der Beginn der ersten Warnstreikrunde im Tarifstreit des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV).

Neben den Mitarbeitern der BVG haben sich hier auch Dutzende gut gelaunte und auffällig junge Menschen versammelt. In dicken Jacken, Mützen und Verdi-Warnwesten unterstützen sie den Arbeitskampf der Gewerkschaft. Es handelt sich um Aktivistinnen und Aktivisten der Klimabewegung Fridays for Future (FFF). Unter ihnen ist an diesem Morgen auch Luisa Neubauer, das wohl bekannteste deutsche Gesicht der Organisation.

Fridays for Future unterstützt Verdi bereits seit einigen Jahren bei ihren Tarifrunden für den ÖPNV. Dabei verknüpft die Bewegung Gewerkschaftsforderungen nach besseren Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten mit den eigenen Anliegen für eine funktionierende Verkehrswende und dem Klimaschutz.

FFF hat heute mehr als 100 Kundgebungen geplant

Beide Organisationen wollen mit einem gemeinsamen Aktionstag auch heute für diese Anliegen eintreten. FFF hat allein mehr als 100 Kundgebungen und Demonstrationen geplant. Die zweite Warnstreikrunde von Verdi im ÖPNV läuft bereits seit Donnerstag in Dutzenden Städten. Die Gewerkschaft verhandelt derzeit parallel in noch 14 Bundesländern mit den Verkehrsunternehmen.

Einige Aspekte dieses Bündnisses wirken auf den ersten Blick paradox. Einige fragen sich beispielsweise, warum FFF den Stillstand im ÖPNV unterstützt, obwohl die Bewegung eigentlich Busse und Bahnen stärken will. Darüber hinaus stehen Klimaschutzanliegen und die Interessen einer Gewerkschaft wie Verdi nicht immer im Einklang.

Abschließend vertritt die Gewerkschaft auch Mitarbeiter von Stadtwerken, bei denen fossile Energieträger immer noch wichtig sind. Verdi profitiert hauptsächlich vom großen Mobilisierungspotenzial, das FFF mit sich bringt. Doch was haben die Aktivistinnen und Aktivisten von der Koalition?

Protestforscher: Phänomen der Unteilbar-Bewegung

«Was wir bei Fridays for Future und Verdi derzeit beobachten, ist ein Phänomen, das wir aus den USA bereits aus den 1960er-Jahren oder aus der deutschen Unteilbar-Bewegung 2018 kennen», sagt Daniel Saldivia Gonzatti, Protestforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. «Es kommt zu einem Mix an Protestforderungen verschiedener Bewegungen und Organisationen, einem Forderungsmix, den wir in der Forschung als „issue bricolage“ bezeichnen.»

Das habe für die Klimabewegung einen großen Vorteil: Ihnen, aber auch anderen ökologischen Bewegungen oder auch den Grünen werde häufig vorgeworfen, sich in einer Blase zu bewegen, ohne Verständnis für die Bedürfnisse sogenannter normaler Bürgerinnen und Bürger. «Mit Kooperationen wie mit Verdi kann es FFF gelingen, diesen Vorwurf zu entkräften und den Dialog mit diesen anderen Bürgern außerhalb ihrer üblichen Anhängerschaft zu suchen», sagt Saldivia Gonzatti.

Dahinter stehe die Erkenntnis: «Man kann nicht Klimaschutz machen, indem man den sogenannten normalen Menschen nicht mitnimmt. Das ist genau der Punkt, an dem ich denke, dass die Klimabewegung von der Zusammenarbeit profitiert.»

«Zeigen wir, dass unsere Kämpfe zusammengehören»

Auch FFF betont diesen Aspekt: «Während alle von Spaltung sprechen, zeigen wir, dass unsere Kämpfe zusammengehören», teilt die Bewegung auf Anfrage mit. «Gerade jetzt gilt es, darüber miteinander zu sprechen und sich auch weiterhin mit denen zu verbünden, mit denen wir auf den ersten Blick vielleicht nicht so viel gemeinsam haben.» 

Dieser Vertrauensaufbau braucht Zeit und hört nicht an der Feuertonne des Streikpostens auf. «Damit wir diesen Freitag zusammen streiken können, haben wir seit Jahren gemeinsame Sache gemacht», sagt Felicitas Heinisch von FFF. «Wir sind zum Beispiel in den Betriebshöfen, Pausenräumen und Werkstätten miteinander unterwegs und sprechen da miteinander.»

Nach wie vor gebe es manchmal eine gegenseitige Skepsis bei diesen Begegnungen. «Aber wir konzentrieren uns auf die 99 Prozent, die uns vereinen, anstatt auf die 1 Prozent, die uns trennen», betont Heinisch. «Die Forderungen der Beschäftigten nach besseren Arbeitsbedingungen sind auch unsere Forderungen als Klimabewegung, als Fridays for Future.»

dpa