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Wenn das Weltwirtschafts- zum Krisenpolitikforum wird

Um das Weltwirtschaftsforum in Davos ranken sich viele Geschichten, und längst geht es dort um mehr als nur um Wirtschaft. In diesem Jahr könnte es Entscheider aus dem Nahen Osten zusammenbringen.

Beim Weltwirtschaftsforum (WEF) steht der Dialog im Vordergrund.
Foto: Markus Schreiber/AP/dpa

Seit über 50 Jahren hat das Weltwirtschaftsforum das Ziel, eine verbesserte Welt zu schaffen. Wenn sich nächste Woche in Davos, dem Schweizer Wintersportort, erneut die politisch-ökonomische Weltelite versammelt, scheint dieses Ziel dringender denn je. Denn während vor einigen Jahren noch über eine neue industrielle Revolution und den Freihandel Chinas debattiert wurde, stehen heute der Ukraine-Konflikt und der Gaza-Streifen, die Blockbildung und die Weltpolitik im Fokus der Diskussionen.

Längst drängen sich die politischen Probleme in den Vordergrund beim Davoser Treffen, das ursprünglich mal eine Zusammenkunft von Globalisierungsanhängern und Wirtschaftsliberalisten war. Die geopolitischen Spannungen seien in diesem Jahr so groß wie seit Jahrzehnten nicht, meint Forumspräsident Børge Brende. «Der einzige Weg nach vorn ist: zusammenkommen und Lösungen finden.»

Die Organisatoren haben sich viel vorgenommen: «Vertrauen wieder herstellen» ist das diesjährige Motto. Das Problem: Die Globalisierung ist seit der Corona-Pandemie unter Druck, durch Kriege und Krisenherde nehmen globale Spannungen zu. Mit dem Vertrauen ist es gerade schwierig auf dem internationalen Parkett.

Gewinnt das Treffen wieder an Bedeutung?

In den letzten Jahren schien das Weltwirtschaftsforum (WEF) möglicherweise auch deshalb an Bedeutung verloren zu haben. Die ganz großen Namen wie beispielsweise ein US-Präsident fehlten auf der Teilnehmerliste, im vergangenen Jahr war Kanzler Olaf Scholz als einziger Staats- oder Regierungschef eines G7-Staates anwesend. Doch in diesem Jahr reisen wieder mehr Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft an – und vor allem auch solche mit entscheidenden Rollen in den aktuellen Krisen.

Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges kommt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach Davos. In den vergangenen Jahren hatte er digital um Unterstützung für sein von Russland angegriffenes Land geworben. Diesmal reist er persönlich an, um den zunehmend kriegsmüden Westen zu mobilisieren. Auf der Davoser Promenade könnte Selenskyj auf den chinesischen Ministerpräsidenten Li Qiang treffen. Die Ukraine hofft schon länger darauf, dass China sich stärker in den Konflikt einbringt und seinen Einfluss auf Russland geltend macht.

Zudem wird gespannt erwartet, welche Signale Li Qiang an die Elite der Wirtschaftspolitik sendet. Denn Chinas Wirtschaft steht unter anderem durch den Schlagabtausch über Sanktionen mit den USA schwer unter Druck. Vorab wurde aus dem Außenamt in Peking mitgeteilt, dass China sich freue, den Austausch und die Kommunikation zu stärken und das gegenseitige Verständnis und Vertrauen zu erhöhen.

Spitzenpolitiker aus dem Krisenherd Naher Osten

Das Weltwirtschaftsforum bietet in diesem Jahr ebenfalls die Möglichkeit, wichtige Interessenvertreter bezüglich des Gaza-Krieges zusammenzubringen. Neben den Ministerpräsidenten aus Katar, dem Irak, Jordanien und Libanon wird auch der israelische Präsident Isaac Herzog auf der Gästeliste stehen. Laut Medienberichten wird zudem der iranische Außenminister erwartet.

Das WEF tue alles, um Dialoge in Gang zu setzen, hieß es vorab. Mehr ist auch eigentlich nicht zu erwarten, denn das Schweizer Treffen ist üblicherweise kein Gipfel, bei dem hart verhandelt wird und am Ende ein Ergebnis vorliegt. Es geht vielmehr um Austausch, um Gespräche abseits der Öffentlichkeit, um persönliches Kennenlernen. Man könnte das Weltwirtschaftsforum als «Mutter aller Netzwerke» bezeichnen.

Das Forum beweist dennoch, dass es Weltgeschichte schreiben kann, indem es das Treffen von Nelson Mandela und dem damaligen südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk im Jahr 1992 zeigt. Ihr Händedruck symbolisierte damals das Ende der Apartheid.

Kontaktbörse für die ökonomische Elite

Abseits der großen Podiumsdiskussionen sind die großen Unternehmen in Davos aktiv. Während des Weltwirtschaftsforums verwandeln sie die Geschäfte in der Promenaden-Straße in kleine Firmenzentralen. Abends treffen sie sich hier für Snacks und Getränke, um über die Zukunft der Welt – und ihrer eigenen Firma – zu philosophieren.

Das Weltwirtschaftsforum erwartet rund 800 Unternehmenschefs, darunter Bill Gates, Gründer von Microsoft, und Sam Altman, Entwickler des beliebten Chatbots ChatGPT. Künstliche Intelligenz (KI) wird als eines der Hauptthemen betrachtet. Saadia Zahidi, Geschäftsführerin des WEF, betonte, dass es sowohl Chancen als auch Risiken im Zusammenhang mit KI gibt. Obwohl KI viele Aufgaben übernehmen kann und somit Raum für wichtigere Tätigkeiten schafft, stehen Falschinformationen laut einem neuen Bericht des Forums an erster Stelle der globalen Risiken. KI ermöglicht es, Falschinformationen in großer Menge, blitzschnell und täuschend echt zu produzieren.

Verschwörungstheorien rund um das Treffen

Die oft als «globale Elite» bezeichneten Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums sind Feindbild Nummer eins vieler Verschwörungstheoretiker. Diese schüren gerne Angst vor geheimen Zirkeln, die eine neue Weltordnung nach ihrem Gusto anstreben.

Die Jahrestagung mit vielen Chefinnen und Chefs der größten Konzerne, Politikerinnen und Politikern von Rang und Namen sowie UN-Organisationen und Denkfabriken kommt ihnen gerade recht. Es wird behauptet, dass in Davos geheime Deals gemacht werden. Das mag manchmal stimmen, aber es ist nicht die Regel.

Viele Mythen kommen durch ein Buch zustande, das der WEF-Gründer und Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab (85) im Jahr 2020 zusammen mit Thierry Malleret veröffentlichte. Verschwörungstheoretiker wittern schon im Titel die dunklen Absichten des WEF: «The great reset» – der große Umbruch. Der ganze Titel lautet allerdings: «Covid-19 – der große Umbruch».

Die Autoren betonen, dass angesichts der Pandemie und des Klimawandels die Welt nach einer langen Phase der Gewinnmaximierung nun einen Wandel hin zu mehr Kooperation, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit benötigt. Allerdings werden die Inhalte des Buches oft falsch dargestellt: Ein Aufruf zu mehr Carsharing wurde fälschlicherweise als Schwabs Absicht, das Autofahren zu verbieten, interpretiert.

Scholz kommt nicht

Im Gegensatz zu den Vorjahren wird Scholz dieses Mal nicht in Davos sprechen. Im Programm der Bundesregierung sind Außenministerin Annalena Baerbock, Wirtschaftsminister Robert Habeck, Finanzminister Christian Lindner und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger vorgesehen. Frankreich ist mit Präsident Emmanuel Macron prominenter vertreten. Es wird auch erwartet, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der neue argentinische Präsident Javier Milei und US-Außenminister Antony Blinken anwesend sind.

dpa