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Versteckte Preiserhöhungen: Mogelpackungen auf dem Vormarsch

Die Verbraucherzentrale warnt vor versteckten Preiserhöhungen durch "Shrinkflation". Die Zahl der betroffenen Produkte steigt kontinuierlich.

Nicht jede Preiserhöhung im Supermarkt ist offensichtlich.
Foto: Philip Dulian/dpa

Butter, Weintrauben, Olivenöl, Kartoffeln: Einige Lebensmittel sind kürzlich wieder billiger geworden, während andere teurer sind. Einige Preiserhöhungen sind schwer zu erkennen. Wenn eine Packung Aufstrich von 175 auf 150 Gramm bei gleichem Preis schrumpft, zahlen Kunden faktisch mehr als zuvor – ohne dass es sofort auffällt. Verbraucherschützer bezeichnen solche Fälle als Mogelpackungen. Die Anzahl solcher versteckten Preiserhöhungen hat zugenommen. Was steckt dahinter?

Wie viele Mogelpackungen gibt es?

Es gibt keine offiziellen Zahlen. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat eine Liste mit über 1.000 Mogelpackungen. Diese enthält Produkte aus verschiedenen Warengruppen. Besonders betroffen sind Markenprodukte, insbesondere Süßwaren. Laut Lebensmittel-Experte Armin Valet ist die tatsächliche Anzahl der betroffenen Produkte deutlich höher. Er vermutet eine hohe Dunkelziffer.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit hat die Liste daher nicht. Im vergangenen Jahr wurden 77 Produkte neu aufgenommen – rund 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Verbraucher können verdächtige Artikel online melden. Die Organisation lässt im Januar über die «Mogelpackung des Jahres» abstimmen. Das Phänomen – weniger Inhalt zum gleichen oder sogar höheren Preis – wird auch als «Shrinkflation» bezeichnet. Shrink heißt übersetzt schrumpfen.

Bekannte Beispiele

Im Jahr 2025 sorgte der Milka-Hersteller Mondelez für Aufsehen. Die Schokoladentafel erhöhte sich von 1,49 auf 1,99 Euro, während der Packungsinhalt von 100 auf 90 Gramm reduziert wurde. Der Grundpreis stieg somit um 48 Prozent. Die Verbraucherzentrale Hamburg monierte, dass Kunden dies kaum erkennen könnten und reichte Klage ein. Ein weiteres Beispiel sind die Erdnuss Flippies Classic von Funny Frisch. Der Packungsinhalt wurde von 200 auf 175 Gramm reduziert, während der Preis um zehn Cent auf 2,29 Euro stieg. Die Hersteller begründen diese Maßnahme mit gestiegenen Kosten. Es wird gesagt, dass die Mengenreduzierung für Kunden erkennbar sei.

Warum machen Hersteller das?

«Weil man so deutlich höhere Preiserhöhungen durchdrücken kann», sagt Verbraucherschützer Valet. Die durchschnittliche versteckte Preiserhöhung lag 2025 bei 28,4 Prozent. Das Vorgehen sei beliebt, weil Kunden den höheren Preis nicht so schnell bemerkten. Händlern komme es entgegen, weil Schwellenpreise wie 1,99 Euro gleich bleiben könnten.

Laut der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) stehen Lebensmittelhersteller unter hohem Druck. Grund seien hohe Kosten, klimabedingt beeinträchtigte Ernten sowie starke Preissteigerungen bei Rohstoffen wie Kakao und Fleisch. Unternehmen versuchten zunächst, gestiegene Kosten intern abzufedern, heißt es. «Bleiben die Belastungen hoch, stehen die Hersteller vor einer Wahl: Preise erhöhen, Qualität senken oder die Menge anpassen.» Letzteres sei unpopulär, halte aber Qualität und Preis stabil.

«Sofern rechtliche Gestaltungsspielräume durch Vortäuschen falscher Füllmengen nicht überschritten werden, verbietet sich die diskreditierende Bezeichnung der Mogelpackung», sagt der stellvertretende BVE-Geschäftsführer Peter Feller. Den Endpreis lege im Übrigen nicht der Hersteller fest, sondern der Handel.

Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), sagt, der Einzelhandel beobachte aufmerksam die Praxis der Industrie, «zur Gewinnoptimierung Füllmengen zu verringern oder Zutaten zu verändern». Solche Maßnahmen könnten das Vertrauen in Markenprodukte verspielen. 

Wie Verbraucher auf das Thema blicken

Gemäß einer Umfrage von YouGov würden 24 Prozent der Verbraucher eine geringere Packungsgröße wählen, wenn der Preis gleich bleibt. Im Gegensatz dazu bevorzugen 29 Prozent eine Preiserhöhung. Die übrigen Befragten sind unentschlossen oder haben keine Angabe gemacht.

Was wäre, wenn Supermärkte Produkte mit reduziertem Inhalt zum gleichen Preis kennzeichnen würden? 42 Prozent geben an, solche Hinweise bewusst in ihre Kaufentscheidung einzubeziehen. 22 Prozent würden sie beachten, aber nicht explizit danach suchen, 12 Prozent würden sie eher nebenbei bemerken. 10 Prozent geben an, dass sie sich davon nicht beeinflussen lassen würden, 4 Prozent würden den Hinweisen kaum Beachtung schenken.

Was macht die Politik? 

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung steht: «Wir setzen uns für mehr Transparenz bei versteckten Preiserhöhungen ein.» Was daraus konkret wird, ist offen. Das Umweltministerium verweist auf dpa-Anfrage auf das für Verbraucherschutz zuständige Justizministerium, das Justizministerium wiederum an das Wirtschaftsministerium. Dies sieht sich jedoch ebenfalls nicht zuständig.

Die Verbraucherzentrale fordert verpflichtende Hinweise auf Mengenreduktionen sowie sichtbare Kennzeichnungen in Geschäften. Handel und Industrie lehnen das ab. Die BVE warnt vor zusätzlicher Bürokratie und höheren Kosten. Hinweise wie «weniger Inhalt» könnten Kunden abschrecken. Laut HDE sind Mogelpackungen durch das Lauterkeitsrecht bereits verboten. Weiterer Regulierungsbedarf bestehe nicht. Für Kunden seien Preiserhöhungen erkennbar, weil bei Fertigpackungen stets der Grundpreis pro Kilo oder Liter angegeben sei.

Andere Länder sind weiter. Österreich plant, versteckte Preiserhöhungen strenger zu bestrafen. Die Bundesregierung hat kürzlich beschlossen, dass Händler Mengenreduzierungen bei gleichbleibendem Preis 60 Tage lang kennzeichnen müssen. Bei Zuwiderhandlungen können Strafen von bis zu 15.000 Euro verhängt werden. In Frankreich, Rumänien und Ungarn sind ähnliche Vorschriften bereits seit 2024 in Kraft.

«Skimpflation» – noch eine Variante 

Verbraucherschützer beobachten noch einen Trend: Einige Hersteller ersetzen Zutaten wie Fleisch, Butter oder Haselnüsse durch günstigere wie Wasser oder Aromen. Das Phänomen heißt «Skimpflation». Verbraucher kauften scheinbar das gleiche Produkt, erhielten aber weniger Qualität fürs Geld, so Valet.

dpa