Die deutschen Autobauer kämpfen mit Gewinneinbrüchen und Transformationsprozessen. Elektromobilität und Softwareentwicklung gewinnen an Bedeutung, während die Konkurrenz wächst.
Die deutsche Autoindustrie im Wandel der Zeit

Vor 140 Jahren veränderte Carl Benz die Welt. Am 29. Januar 1886 meldete er das Patent für sein «Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb» unter der Nummer 37435 beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin an. Vielen gilt das als Geburt des modernen Automobils. Und als Grundstein für eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Wirtschaft.
Die Autos haben Deutschland in die Weltspitze der Industrienationen katapultiert. Sie haben den Deutschen hunderttausende Arbeitsplätze und gute Gehälter beschert. Die Verbrenner standen für Ingenieurskunst und höchste Qualität. Ob in New York, Shanghai oder Kinshasa: Mercedes-Benz, BMW, Audi, Porsche und VW kennen die Menschen überall.
„Und heute?“
Heute wirkt die deutsche Autoindustrie wie jemand, der mit einem Schlüssel einen tiefen Kratzer entlang des Fahrzeugs gezogen hat. Dies kann noch behoben werden, aber es sieht bereits ungeschickt aus. Die Gewinne sind gesunken und die Hersteller reagieren mit Sparmaßnahmen. Elektromobilität und Softwareentwicklung gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die Konkurrenz hat sich verbessert und ist in einigen Bereichen sogar davongezogen.
Wie schlimm ist die Krise der deutschen Autobauer?
Frank Schwope möchte allgemein nicht von einer Krise sprechen. «Die Hersteller haben große Probleme, aber keine Krise», sagt der Autoexperte und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Köln. Schließlich würden die Hersteller noch immer deutliche schwarze Zahlen schreiben und Dividenden ausschütten. «Solange sie Dividenden ausschütten können, sind die Konzerne nicht in der Krise», sagt Schwope. Vorübergehend seien die Gewinne auskömmlich, aber die Autobauer müssten wieder profitabler werden.
Schwope sagt, dass die Zulieferer tatsächlich in einer Krise stecken. Sie reduzieren Arbeitsplätze, schließen ganze Standorte und bieten komplette Abteilungen zum Verkauf an. Die Umstellung auf Elektroautos trifft viele Zulieferer besonders hart, da ihre Teile nicht mehr benötigt werden. Dies wird durch den Kostendruck verschärft, den die großen Automobilhersteller gerne an ihre Lieferanten weitergeben.
Die deutschen Hersteller erzielen immer noch Milliardengewinne. Im Geschäftsjahr 2024 verzeichneten die Autobauer bereits Rückgänge. Mercedes erzielte 2024 immer noch einen Gewinn von 10,4 Milliarden Euro. Bei BMW waren es rund 7,7 Milliarden Euro. Der Volkswagen-Konzern erzielte über zwölf Milliarden Euro. Obwohl die Gewinne 2025 weiter gesunken sind, dürften immer noch Milliarden übrig bleiben. Endgültige Zahlen liegen noch nicht vor.
Traumhafte Gewinne während Corona-Krise
Vor allem in den letzten Jahren, während der Corona-Krise, fuhren die deutschen Hersteller Traumgewinne ein. «Aber das ist ein schiefer Vergleich», sagt Schwope. Durch den Chipmangel und wenige Rabatte hätten die Hersteller damals exorbitant hohe Gewinne eingefahren. Das normalisiere sich nun wieder etwas. Damals bauten die Hersteller die begehrten Chips vor allem in den teureren Autos ein, mit denen sich die größten Gewinnspannen erzielen lassen.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die deutschen Autobauer immer noch auf einem hohen Niveau sind. Laut der Beratungsgesellschaft PwC wurden die Gewinne von Mercedes, BMW und dem Volkswagen-Konzern von 1990 bis 2024 analysiert. Die Zahlen sind nicht inflationsbereinigt und die Unternehmen haben sich im Laufe der Jahre verändert, dennoch lässt sich ein allgemeiner Trend erkennen.
Die kumulierten Gewinne der drei Konzerne blieben von 1990 bis Ende der Nullerjahre meist im einstelligen Milliardenbereich. Erst in den letzten gut 15 Jahren stiegen die Gewinne deutlich an, auf bis zu über 50 Milliarden Euro im Jahr 2021. Von diesem Punkt aus fielen sie wieder auf zuletzt noch über 30 Milliarden Euro.
Laut einer Mitteilung des Statistischen Bundesamts im November des vergangenen Jahres haben die neuesten Entwicklungen Auswirkungen auf die Beschäftigten gezeigt. Am Ende des dritten Quartals 2025 arbeiteten in der Branche gut 48.700 Beschäftigte weniger als im Vorjahr. Die Zahl der Beschäftigten in der Automobilindustrie erreichte mit 721.400 einen Tiefstand. Zuletzt waren Ende des zweiten Quartals 2011 weniger Menschen beschäftigt.
Wo steht die deutsche Autoindustrie in zehn Jahren?
«Auf jeden Fall» werde es die deutsche Autoindustrie auch noch in zehn Jahren geben, sagt Experte Schwope. Auch die Marken würden nicht verschwinden. Er gehe davon aus, dass die drei großen Autokonzerne (Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW) auch dann noch existieren werden und alles daran setzen, unabhängig zu bleiben.
Aber die Dominanz der Deutschen lasse nach. Denn mit dem Umstieg auf E-Autos falle der Verbrenner als Wettbewerbsvorteil weg. «Man hat noch Tradition, man hat noch Image», sagt Schwope. Man müsse aber sehen, dass man technologisch mit den neuen Herausforderern mithalten könne. Aber man sei in Zukunft nicht mehr auf dem gleichen Level führend wie früher. «Natürlich ist das ein Verlust», sagt Schwope.
Experte: Batteriebauen wird die neue Kunst
«Es wird eine starke Verschiebung in Richtung Elektromobilität werden», sagt Schwope. Das Alleinstellungsmerkmal sei dann gar nicht mehr der Motor, sondern der Batteriebau, sagt Schwope. Elektromotoren könne jeder bauen, die Kunst sei es, leistungsfähige Batterien mit viel Power herstellen zu können. «Deutschland wird seine Rolle als Leitmarkt für Entwicklung, Industrialisierung, Premiumproduktion und komplexe Systemintegration voraussichtlich behalten, während standardisierte Volumenproduktion weiter international verteilt wird», sagt Stefan Reindl, Direktor vom Institut für Automobilwirtschaft im schwäbischen Geislingen. Diese Entwicklung sei kein Zeichen industriellen Niedergangs, sondern Ausdruck einer arbeitsteiligen Globalisierung.
«Die deutsche Automobilwirtschaft steht nicht vor dem Ende»
«Die deutsche Automobilwirtschaft steht nicht vor dem Ende, sondern vor einer Neuverhandlung ihrer internationalen Rolle», sagt Reindl. Ihre Zukunftsfähigkeit entscheide sich daran, ob es gelingt, technologische Tiefe, industrielle Qualität und internationale Wettbewerbsfähigkeit in einer Welt zu verbinden, in der Geschwindigkeit, Software und geopolitische Rahmenbedingungen eine größere Rolle spielen als je zuvor. Immerhin: Der Experte sieht Deutschlands Stärke noch immer auf der Entwicklungsseite.
Eine gute Idee eines deutschen Erfinders wäre für die deutschen Autohersteller 140 Jahre nach der Patentanmeldung des Pioniers Carl Benz sicherlich von Vorteil.








