Die Bequemlichkeit des Online-Einkaufs steigt, vor allem bei Lebensmitteln. Die Lieferung nach Hause spart Zeit und bietet große Auswahl.
Lebensmittel online bestellen: Boom in Deutschland

Der Mann mit der roten Jacke trägt sechs gut gefüllte Plastiktüten über die Türschwelle. Nach etwa 30 Sekunden verabschiedet er sich, der Wocheneinkauf ist erledigt. Warum noch ins Geschäft gehen, wenn es auch anders geht? Die Menschen in Deutschland kaufen Produkte des täglichen Bedarfs (FMCG) wie Lebensmittel zunehmend im Internet, meist mit dem Smartphone. Das Online-Bestellvolumen stieg im vergangenen Jahr voraussichtlich um mehr als zehn Prozent, wie das Handelsforschungsinstitut IFH Köln berichtet.
Die Branche wächst mehr als doppelt so schnell wie der gesamte Onlinehandel, hauptsächlich aufgrund des Anstiegs im Bereich Lebensmittel, die mehr als die Hälfte der Online-Erlöse im Bereich FMCG ausmachen. Der Nettoumsatz mit Lebensmitteln überstieg 2025 erstmals deutlich die sechs Milliarden Euro. Zu FMCG gehören auch Körperpflege und Kosmetik, Drogeriewaren, Heimtierbedarf sowie Wein und Sekt.
Wie ist die Entwicklung zu erklären?
Es sei bequem, sich Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen, sagt IFH-Experte Hansjürgen Heinick. «Nicht zu unterschätzen ist dabei die Zeitersparnis und auch, dass die Ware mitunter in die dritte Etage bis zur Wohnungstür geliefert wird.» Die zunehmende regionale Verbreitung von Lieferdiensten wie Rewe und Picnic sorge für zusätzliche Nachfrage. Schnelle Verfügbarkeit und flexible Lieferoptionen träfen den Nerv. «Vor allem im Lebensmittelbereich bauen große Anbieter ihre Reichweite aus und erweitern Liefergebiete.»
Das starke Wachstum im Bereich FMCG lässt sich auch dadurch erklären, dass die Online-Umsätze und der Online-Marktanteil noch vergleichsweise niedrig sind. Im Elektronik- und Modebereich gilt der Onlinemarkt als gesättigt. Daher sind die Aussichten für die Händler sehr vielversprechend. Heinick sieht auch bei Babyboomern im Rentenalter ein großes Potenzial. Viele von ihnen würden den Komfort der Haustürlieferung zu schätzen lernen. Er prognostiziert, dass die Online-Wachstumsraten auch in Zukunft überdurchschnittlich hoch sein werden.
Warum ziehen Lebensmittel jetzt erst an?
Der Markt habe deutlichen Nachholbedarf, sagt Heinick. Die Branche profitiere auch davon, dass sich Lebensmittel immer mehr zu Lifestyleprodukten entwickelten. «Neue Produkte und Genussideen etwa auf Tiktok treiben den Markt.» Teilweise seien sie vornehmlich online verfügbar.
Frank Düssler vom E-Commerce-Verband bevh sagt: «Deutschland hat ein sehr leistungsfähiges Netz von Lebensmittelmärkten. Es ist schwer, die Menschen da herauszubekommen.» Lebensmittel seien die letzte Bastion des stationären Handels, die noch wachse. «Die Online-Konkurrenz ist auf dem Weg, auch diese Branche ins Internet zu verlagern.» Frühere Versuche von Online-Supermärkten wie Amazon Fresh seien gescheitert, neue Anbieter wie Knuspr und Picnic verfügten jedoch über Kapital und Ausdauer, bestehende Marktstrukturen anzugreifen.
Wer sind die größten Online-Lebensmittelanbieter?
Gemäß dem Marktforscher NIQ wird Rewe im Jahr 2025 vor dem reinen Online-Supermarkt Picnic den ersten Platz einnehmen. Die Umsätze aus Click & Collect sind jedoch in den Zahlen der Supermarktkette enthalten. Kunden haben die Möglichkeit, online zu bestellen und die Waren in der Filiale abzuholen.
Wenn man nur Lieferungen nach Hause berücksichtigt, ist Picnic inzwischen führend. Das Unternehmen, an dem Edeka beteiligt ist, konnte eigenen Angaben zufolge im Jahr 2025 um mehr als 30 Prozent wachsen. Der Umsatz lag im Vorjahr bei 605 Millionen Euro. Mehr als eine Million Kundinnen und Kunden in über 250 Städten werden beliefert, während Rewe in 91 Städten und deren Umland tätig ist. Das Unternehmen gibt keine Zahlen zu Kunden und Umsatz bekannt.
Zu den großen Anbietern gehören auch Flaschenpost, Flink und Knuspr, das mit Amazon zusammenarbeitet.
Mindestbestellwert oder Liefergebühren
„Picnic hat einen Mindestbestellwert von 45 Euro und liefert dann kostenlos. Bei Rewe gibt es einen Tag mit kostenfreier Lieferung in der Woche. An den übrigen Tagen kostet die Zustellung bis zu 4,90 Euro, ab 120 Euro ist sie kostenlos. Den Kunden werden – je nach Nachfrage – in der Regel Lieferzeiten für die kommenden Tage angeboten, bei Rewe teilweise noch für denselben Tag. Die Tragetaschen nehmen Fahrer beim nächsten Liefertermin wieder mit.“
Rewe und Picnic bieten jeweils über 12.000 Produkte zur Auswahl an. Beide Unternehmen betonen, dass ihre Preise denen im Supermarkt entsprechen.
Wie viele nutzen es – und warum?
Laut einer YouGov-Umfrage kaufen viele Deutsche regelmäßig Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel online. „15 Prozent tun dies einmal pro Woche oder öfter, weitere 21 Prozent mehrmals im Monat und 27 Prozent einmal im Monat. Am häufigsten werden Körperpflege-, Kosmetik- und Hygieneprodukte bestellt, gefolgt von Haushaltswaren und Lebensmitteln.“
Die Ursachen sind vielfältig. Die wichtigsten Vorteile des Online-Kaufs sind laut den Befragten Bequemlichkeit und die Lieferung nach Hause (60 Prozent) sowie Zeitersparnis (47). Viele möchten den Weg zum Geschäft (42 Prozent) und Menschenmassen vermeiden (36 Prozent). Preisvergleiche (35 Prozent) und eine größere Auswahl an Produkten (34 Prozent) spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Fast die Hälfte derjenigen, die bisher noch keine Alltagsprodukte online kaufen, kann sich vorstellen, es in Zukunft zu tun (46 Prozent). YouGov hat im Juli über 2.000 Personen ab 18 Jahren befragt.
Wie geht’s weiter?
Die Anbieter möchten weiter expandieren. Noch stärker zum Einsatz kommen soll künftig Künstliche Intelligenz. Fast jeder Zehnte würde laut YouGov-Umfrage eine KI nutzen, die das Einkaufsverhalten analysiert und benötigte Produkte automatisch nachbestellt, weitere 19 Prozent gaben hier «vielleicht» an. Bei Menschen unter 35 Jahren ist der Anteil höher.








