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Zahl der Milliarden-Start-ups seit 2020 mehr als verdoppelt

In Deutschland gibt es immer mehr Start-ups, die dank großer Geldspritzen von Investoren mit einer Milliarde Euro oder mehr bewertet werden. Grund sind mehrere Boom-Branchen und tiefliegende Trends.

Die Zahl der milliardenschweren Start-ups in Deutschland ist binnen fünf Jahren stark gestiegen (Archivbild)
Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Von der Gründung zur Milliardenfirma in wenigen Jahren: In der deutschen Techbranche schaffen es viele Unternehmen, in kurzer Zeit enorm zu wachsen. Laut Daten des Startup-Verbands hat sich die Anzahl der Start-ups mit Milliardenbewertung in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Dies geht aus Informationen hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen.

Laut Angaben gab es Ende 2019 noch 11 Start-ups, die in Finanzierungsrunden mit mindestens einer Milliarde Euro bewertet wurden und nicht börsennotiert sind. Ende 2024 waren es bereits 28 solcher Unternehmen, die im Branchenjargon Einhörner oder Unicorns genannt werden. Der Rekordwert von 2023 mit 34 Unicorns wurde jedoch nicht erreicht.

Zu den wertvollsten Start-ups in Deutschland zählen derzeit der Fernbusbetreiber Flix, der KI-Übersetzungsdienst DeepL, der Neobroker Trade Republic, die Rüstungsfirma Helsing, die Softwarefirma Celonis und die Smartphone-Bank N26. In letzter Zeit haben vor allem Investoren im Zuge des Booms um Künstliche Intelligenz (KI) und Rüstung besonders hohe Beträge investiert.

«Die Zahl der Unicorns in Deutschland und Europa ist in den letzten Jahren stetig gewachsen – ein Beweis für unsere Innovationskraft», sagte Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands. 

«Wäre früher undenkbar gewesen»

Hendrik Brandis, Co-Gründer des Wagniskapitalgebers Earlybird, verweist auf den technologischen Fortschritt. «Grund für die steigende Zahl an Unicorns sind technologische Innovationen, darunter KI und Cloud-Computing, die sich exponentiell beschleunigen.» Dieser technologische Wandel werde am Kapitalmarkt honoriert. «Früher wäre es undenkbar gewesen, innerhalb von fünf Jahren Unicorn-Status zu erreichen.» 

Europa und Deutschland seien bei innovativen Geschäftsmodellen auf die Landkarte gerückt. «Das zeigen beispielsweise das KI-Unternehmen Aleph Alpha, die Raketenfirma Isar Aerospace oder das Kernfusions-Start-up Marvel Fusion.» 

«Geld konzentriert sich auf große Player»

«Die Zahl der Unicorns wächst, obwohl die Bewertungen vor fünf Jahren viel euphorischer waren», erläutert Brandis. «Das Geld konzentriert sich zudem in schwierigen Zeiten auf die großen Player, die sich bereits bewiesen haben.»

In der Zeit der Corona-Pandemie konnten Start-ups von einem Digitalisierungsboom und niedrigen Zinsen profitieren. Inzwischen sind die Zinsen gestiegen, wodurch viele Wachstumsunternehmen in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. Einige Start-ups haben Stellen gestrichen, während andere Insolvenz angemeldet haben, wie zum Beispiel der Elektroflugzeugbauer Lilium.

Oft vom Ausland abhängig

Auch Sicht von Verbandschefin Pausder bleiben trotz der steigenden Zahl von Unicorns große Baustellen für die Techbranche: Fehlendes Kapital und mangelnde Möglichkeiten für Investoren, gewinnbringend aus Start-ups auszusteigen («Exits»). «Deutsche Start-ups sind auf dem Weg zum Global Player oft auf außereuropäisches Kapital angewiesen.»

Daher sei mehr privates Kapital vor allem von Großinvestoren nötig und mehr Exit-Möglichkeiten wie Unternehmenskäufe und Börsengänge. Denn mit Exits werde Investorengeld frei und könne in neue Start-ups fließen, sagte Pausder. Viele europäische Techunternehmen ziehe es aber zum Börsengang in die USA, was enorme Wertschöpfungsverluste verursache. «Börsengänge müssen daher bei uns schleunigst attraktiver werden.»

Viele deutsche Start-ups erhalten zwar in der frühen Wachstumsphase Finanzierung, aber bei größeren Beträgen sind amerikanische Investoren oft unverzichtbar. In Deutschland werden durchschnittlich 90 Euro pro Einwohner in Risikokapital investiert, während es in den USA (510 Euro) fast sechsmal so viel sind, so der Startup-Verband. Es gibt eine jährliche Finanzierungslücke von etwa 30 Milliarden Euro. Großinvestoren wie Versicherungen dürfen jedoch nur begrenzt in Risikokapital investieren und konzentrieren sich stattdessen auf Staatsanleihen.

Brandis von Earlybird bringt einen anderen Weg ins Spiel, um große Investoren stärker für Wagniskapital zu gewinnen. «Eine Lösung wäre es, einen Dachfonds mit staatlicher Bürgschaft aufzulegen, der mindestens ein zweistelliges Milliardenvolumen hat.»

Techbranche langfristig im Aufwärtstrend

Es steht außer Frage, dass der Gründerstandort Deutschland langfristig große Fortschritte gemacht hat. Das Finanzierungsumfeld hat sich ebenfalls mit sinkenden Leitzinsen verbessert, wie die Förderbank KfW feststellt, die eine Initiative von Konzernen für mehr Wagniskapital koordiniert. Laut der Beratungsgesellschaft EY sammelten deutsche Start-ups im Jahr 2024 gut sieben Milliarden Euro Wagniskapital ein, knapp eine Milliarde mehr als im Vorjahr.

Auch die Wahrnehmung in der Politik habe sich geändert, beobachtet Brandis. «Das Thema Wagniskapital ist auf der Agenda der Politik angekommen. Sie hat verstanden, dass Venture Capital fundamental wichtig ist. Das war vor drei Jahren noch nicht so.» Es bleibe aber viel zu tun: «Die Umsetzung, was Förderinitiativen anbelangt, ist zu zaghaft und bisher nur ein Tropfen auf den heißen Stein.»

dpa