Studie zeigt Anstieg um 59% seit 1990 – ungleiche Verteilung und beeinflussbare Risikofaktoren im Fokus
Neurologische Erkrankungen weltweit auf dem Vormarsch

Weltweit leiden 3,4 Milliarden Menschen an neurologische Beschwerden – das sind 43 Prozent der Menschheit. Zu diesem Ergebnis kommt die neueste Veröffentlichung der Studienserie «Global Burden of Disease» mit Blick auf das Jahr 2021. Der Analyse zufolge haben Schlaganfälle, Hirnschädigungen bei Neugeborenen, Migräne, Demenzerkrankungen und Nervenschäden durch Diabetes am stärksten zur globalen Last durch neurologische Erkrankungen beigetragen. Die Studie mit Jaimie Steinmetz von der University of Washington in Seattle als Hauptautorin ist im Fachjournal «The Lancet Neurology» erschienen.
Insgesamt seien die Fallzahlen für Erkrankungen des Nervensystems seit 1990 weltweit um 59 Prozent gestiegen, wird Steinmetz in einer Mitteilung des Fachjournals zitiert. Die internationale Autorengruppe wertete wissenschaftliche Studien aus, die zwischen Januar 1980 und Oktober 2023 zu diesem Thema erschienen sind. Für den Zeitraum 1990 bis 2021 wurden zudem Entwicklungstendenzen bei einzelnen Krankheiten analysiert.
Verlorene, gesunde Lebensjahre
Eine Kernmethode der Studien zum «Global Burden of Disease» ist das Daly-Konzept. Daly steht für «disability-adjusted life years», zu Deutsch etwa: «verlorene gesunde Lebensjahre». Dabei werden die Jahre, die ein Mensch durch eine Krankheit behindert oder eingeschränkt ist, sowie krankheitsbedingte Tode einem fiktiven gesunden Leben bis zum Alter der Lebenserwartung gegenübergestellt. Wie die aktuelle Arbeit beschreibt, ist die Anzahl der Dalys durch 37 berücksichtigte neurologische Krankheiten von 375 Millionen im Jahr 1990 auf 443 Millionen Jahre 2021 gestiegen.
Die Weltbevölkerung ist in dieser Zeit jedoch gewachsen und im Durchschnitt älter geworden. Unter Berücksichtigung dieser statistischen Daten sind die durch neurologische Erkrankungen verursachten Dalys seit 1990 um 27 Prozent und die Todesfälle um 34 Prozent gesunken – eine Entwicklung, die je nach Krankheit sehr unterschiedlich ist. Während mit der globalen Verbreitung von Diabetes die mit der Krankheit verbundenen Nervenschädigungen um 92 Prozent zugenommen haben, sind auch neurologische Erkrankungen durch Sepsis bei Neugeborenen (+ 70 Prozent) und Malaria (+ 54 Prozent) deutlich häufiger geworden. Auf der anderen Seite sind die Dalys durch Schlaganfälle (- 39 Prozent), Meningitis oder Hirnhautentzündung (- 62 Prozent), Tollwut (- 70 Prozent) und Tetanus (- 93 Prozent) erheblich zurückgegangen.
Ungleiche Verteilung in der Welt
Eine weitere Erkenntnis der Studie: Die neurologischen Krankheitslasten sind weltweit sehr ungleich verteilt. Am niedrigsten sind sie in wohlhabenden Ländern im Asien-Pazifik-Raum wie Japan und Südkorea sowie in Australien und Neuseeland, während sie in West- und Zentralafrika am höchsten sind. Der globale Durchschnitt liegt bei 5637,6 Dalys und 139 Todesfällen pro Jahr und 100.000 Menschen. Deutschland weist mit 3299,4 Dalys und 71,7 Todesfällen pro Jahr und 100.000 Menschen deutlich bessere Werte auf. Dies ist vermutlich auf die bessere medizinische Versorgung im Vergleich zu vielen anderen Teilen der Welt zurückzuführen.
«Der Gesundheitsverlust durch Krankheiten des Nervensystems betrifft viele der ärmsten Länder überproportional, was teilweise auf die höhere Verbreitung von Erkrankungen bei Neugeborenen und Kindern unter fünf Jahren zurückzuführen ist», sagt Tarun Dua von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), eine weitere Autorin der Studie. Denn viele der erstmals betrachteten Krankheiten betreffen vor allem Kinder, deren Fälle etwa 18 Prozent der neurologischen Erkrankungen weltweit ausmachen. Die gravierendsten Erkrankungen waren dabei Hirnschädigungen bei Neugeborenen, Meningitis und Schädigungen des Neuralrohrs.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Auch bei den Geschlechtern sind die Vorkommen neurologischer Erkrankungen ungleich verteilt. Während bei Covid-19, Multipler Sklerose und Migräne signifikant mehr Frauen als Männer betroffen sind, zeigt sich bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, traumatischen Hirnschädigungen und der Autismus-Spektrum-Störung genau das Gegenteil.
In der Studie wird auch auf mehrere veränderbare Risikofaktoren für potenziell vermeidbare neurologische Erkrankungen eingegangen. Durch Beseitigung der wichtigsten Risikofaktoren – vor allem hoher Blutdruck und Luftverschmutzung – könnten so etwa bei Schlaganfällen bis zu 84 Prozent der Dalys vermieden werden.
«Neurologische Erkrankungen verursachen großes Leid für die betroffenen Menschen und Familien und berauben Gemeinschaften und Volkswirtschaften ihres Humankapitals», kommentierte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus die Ergebnisse in einer Mitteilung. «Diese Studie sollte ein dringender Aufruf zum Handeln sein, um gezielte Interventionen zu verstärken, damit die wachsende Zahl von Menschen mit neurologischen Erkrankungen Zugang zu der qualitativ hochwertigen Pflege, Behandlung und Rehabilitation erhält, die sie benötigt.»








