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Angriffe auf Polizei, mehr als 200 Festnahmen in Berlin

Die Anspannung vor der Silvesternacht war nach den Böller-Angriffen vom Vorjahr groß. Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz. Im Laufe der Nacht häuften sich wieder die Angriffe.

Silvester in Berlin: Polizeiwagen stehen vorm angestrahlten Brandenburger Tor.
Foto: Annette Riedl/dpa

Friedliches Feiern im kleinen Kreis, intensives Feuerwerk auf Plätzen und Straßen sowie auch aggressives Böllerwerfen und Abfeuern auf andere Personen – die Silvesternacht in Berlin zeigte erneut alle Facetten der Großstadt. Die Polizei berichtete um 1.00 Uhr von bisher 219 vorläufigen Festnahmen, häufig aufgrund gefährlicher Böllerei mit illegalem Feuerwerk.

Im ganzen Stadtgebiet sei es immer mal wieder zu Beschuss mit Böllern und Raketen auf Polizei und Feuerwehr und auch von Menschen untereinander gekommen, sagte eine Sprecherin. Besondere örtliche Schwerpunkte habe es dabei aber nicht gegeben. «Diverse Angriffe mit Pyro, Schreckschuss & Flaschen auf Einsatz- und Rettungskräfte» würden gemeldet, hieß es. Viele sehr laute Explosionen deuteten auch auf illegale Böller hin. Immer wieder waren auch Schüsse aus Schreckschusspistolen zu hören.

Polizei: 99,9 Prozent der Menschen feiern friedlich

Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und Polizeipräsidentin Barbara Slowik betonten am frühen Abend, der Großteil der Berliner feiere friedlich, das gelte für «99,9 Prozent der Menschen» in der Stadt. Die Polizei hatte vor Silvester immer wieder erklärt, in so einer großen Stadt lasse sich leider nicht jeder Krawall mit Feuerwerk verhindern.

In der Nähe des Alexanderplatzes haben sich bereits Stunden vor Mitternacht größere Gruppen von insgesamt rund 500 Personen mit Silvesterraketen beschossen. Laut dem Internetportal X (ehemals Twitter) haben Polizisten die Gruppe auseinandergetrieben und kontrolliert. Aus einer Gruppe von 200 Personen in der Nähe wurde die Polizei mit Raketen oder anderer Pyrotechnik beschossen.

Angriffe auf Polizei

In Neukölln wurden Verdächtige gefasst, die Molotow-Cocktails gebastelt hatten. Außerdem seien dort mehrfach Autos beschossen worden, auch Polizei- und Rettungsfahrzeuge, meldete die Polizei. «In der Hermannstraße schießen Personen mit Raketen auf unsere Einsatzkräfte.» Im Stadtteil Gropiusstadt sei ein geparkter Polizei-Einsatzwagen durch die Explosion einer Kugelbombe stark beschädigt worden.

Insgesamt waren fast 5000 Polizisten in der Nacht im Dienst, um ähnliche Krawalle und Ausschreitungen wie im letzten Jahr zu verhindern: 3500 Polizisten aus verschiedenen Bundesländern waren auf den Straßen tätig. Insbesondere in den Silvester-Brennpunkten der vergangenen Jahre in Neukölln, Mitte und Schöneberg hatte die Polizei eine sichtbare Präsenz auf den Straßen. Zusätzlich waren 1000 Polizisten in Streifenwagen und Wachen sowie 500 Bundespolizisten in und an den Bahnhöfen im Einsatz. Dies war das größte Polizeiaufgebot an einem Silvesterabend in Berlin.

In der Silvesternacht 2022/2023 kam es deutschlandweit zu Ausschreitungen und Angriffen auf Polizisten und Rettungskräfte, vor allem in Berlin. Die Polizei war in diesem Jahr besonders besorgt aufgrund des Gaza-Kriegs nach dem Terroranschlag der islamistischen Hamas auf Israel und der angespannten Stimmung in einigen Stadtteilen mit arabischstämmiger Bevölkerung.

Eine Demonstration am späten Abend mit pro-palästinensischem Hintergrund wurde folglich untersagt. Etwa 2000 Menschen beteiligten sich an einer Demonstration am Nachmittag. Am Abend wurde die angekündigte Verbotszone für Böller in der Sonnenallee eingerichtet. Trotz des Verbots einer Demonstration von palästinensischen Gruppen zum Thema Krieg in Gaza versammelten sich vor Mitternacht Menschen, die Polizei griff ein und verhinderte eine größere Versammlung.

Wegner: Nacht der Repression, wenn nötig

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte am frühen Abend ein hartes Vorgehen der Polizei bei Randale und Ausschreitungen angekündigt. Man habe viel im Bereich der Prävention in den letzten Monaten getan, sagte Wegner bei einem Besuch einer Polizeiwache in Neukölln. «Und heute ist die Nacht, wenn’s denn notwendig ist, die Nacht der Repression, wo der Rechtsstaat sich versuchen wird durchzusetzen. Und ich bin mir auch sicher, dass er sich durchsetzen wird.»

Tausende Menschen feierten bei der traditionellen Silvester-Party am Brandenburger Tor, begleitet von strengen Sicherheitsmaßnahmen. Laut den Veranstaltern wurden bis zum frühen Abend 45.000 Tickets verkauft, die Party war für bis zu 65.000 Personen geplant. Die Bühnenshow wurde live im ZDF übertragen. Zum ersten Mal seit der Corona-Pandemie fand auch wieder ein Höhenfeuerwerk statt.

Elf Molotow-Cocktails, neun Festnahmen

Wegen der selbstgebauten Molotow-Cocktails wurden in Neukölln neun Verdächtige festgenommen. «Sie füllten Benzin in Glasflaschen und steckten gerade Stofffetzen als Lunte hinein, als sie von unseren Einsatzkräften in Neukölln entdeckt wurden», schrieb die Polizei. Grillanzünder hätten sie auch dabei gehabt. Elf Molotow-Cocktails wurden sichergestellt. Ob es sich um politisch motivierte Extremisten handelte, konnte die Polizei zunächst nicht sagen.

In der Sonnenallee – einst ein Hotspot für gefährliche illegale Böller an Silvester – blieb es aufgrund der von der Polizei verhängten Verbotszone für Böller zunächst ruhig. Gehwege waren über mehrere Hundert Meter mit Gittern abgesperrt und der Autoverkehr wurde gestoppt. Die Polizei beleuchtete Kreuzungen mit Scheinwerfertürmen. Personen, die in die Verbotszone wollten, mussten ihre Taschen an den Eingängen vorzeigen. Es bildeten sich lange Schlangen und einige Menschen protestierten.

Mann verliert Hand durch explodierende Rakete

Laut Polizeiangaben verletzten sich im Verlauf des Tages Menschen durch Feuerwerk und mussten medizinisch versorgt werden. Ein 40-jähriger Mann verlor in Kaulsdorf eine Hand aufgrund einer illegalen Signalrakete. Die Rakete explodierte unmittelbar nach dem Entzünden in seiner Hand.

In jeder Silvesternacht gab es zahlreiche Brände, die von der Feuerwehr gemeldet und gelöscht wurden. So gab es einen Brand im 15. Stock und anschließend auch auf den Balkonen im 16. und 17. Stock eines Hochhauses in Prenzlauer Berg. Bei einem anderen Wohnungsbrand im selben Stadtteil wurde ein bewusstloser Mensch gerettet, während eine Katze starb. Die Silvesternacht ist für die Feuerwehr die arbeitsreichste Nacht des Jahres mit Hunderten von Rettungs- und Löscheinsätzen. Laut Bericht waren über 1500 Sanitäter und Feuerwehrleute mit 421 Fahrzeugen im Einsatz.

dpa