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Arsen: Wie Giftgrün in Bibliotheken für Probleme sorgt

Im 19. Jahrhundert war arsenhaltiges Grün eine Trendfarbe – auch an alten Büchern findet man das bedenkliche Farbpigment. Nun ringen Bibliotheken um den richtigen Umgang mit unzähligen Verdachtsfällen

Weil giftiges Arsen einzelne Bücher aus dem 19. Jahrhundert belasten könnte, untersuchen Bibliotheken ihren Bestände.
Foto: Federico Gambarini/dpa

Nicht nur Künstler wie Monet und van Gogh setzten auf die Leuchtkraft dieses Farbtons, auch in der Buchherstellung des 19. Jahrhunderts war das Giftgrün populär: Doch weil das sogenannte «Schweinfurter Grün» gesundheitsschädliches Arsen enthält, setzt die Trendfarbe von früher Bibliotheken aktuell unter Handlungsdruck. 

Die Archive mit historischen Buchbeständen sind derzeit auf der Suche nach dem angemessenen Umgang mit belasteten Büchern, getrieben von den Anforderungen des modernen Arbeitsschutzes. Experten empfehlen eine ausgewogene Balance zwischen Risikominimierung und Vorsicht, da das Problem nicht einfach ausgesessen werden kann. Dies stellt viele Bibliotheken vor einen logistischen Kraftakt.

Schon länger Fachdiskussion um potenzielle Arsenbelastung

Das Problem mit den belasteten Büchern wurde in Fachkreisen schon länger diskutiert. Die Universitätsbibliothek Bielefeld sorgte Anfang Februar für mediale Aufmerksamkeit, als sie per Pressemitteilung bekannt gab, dass vorsichtshalber alle 60.000 Bücher und Zeitschriften aus dem 19. Jahrhundert für die Ausleihe und Benutzung gesperrt wurden. Der Grund dafür war, dass Arsen giftig und krebserregend ist – die Sperrung bis zur Überprüfung wurde als notwendige Vorsichtsmaßnahme angesehen.

Weitere Universitätsbibliotheken, wie Siegen, Duisburg-Essen, Kiel und Saarbrücken, haben ebenfalls angekündigt, ihre historischen Bestände überprüfen zu wollen. Um verdächtige Fälle aus den Regalen zu entfernen, hat die Universitätsbibliothek in Düsseldorf letzte Woche für mehrere Tage geschlossen.

Keine Gefahr bei sachgerechtem Gebrauch

Das Lesen ist also nicht lebensgefährlich? Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) gibt in einer Stellungnahme Entwarnung: Nach ersten Untersuchungen konnte bei sachgerechtem Gebrauch bisher weder für Nutzende noch für Mitarbeitende in den Bibliotheken eine höhere Belastung festgestellt werden, heißt es in einer Stellungnahme.

«Ein solches Buch abzulecken, ist sicherlich keine gute Idee, aber das tut ja auch niemand», formuliert Reinhard Altenhöner, Vize-Bundesvorsitzender des Verbandes. Wer sich dagegen an klar kommunizierte «Regeln des Kontaktmeidens» halte, könne weitgehend ungefährdet mit den historischen Beständen arbeiten, ist er überzeugt. 

Doch das Gift in einer unbekannten Anzahl von Buchbänden ist nicht wegzudiskutieren, weitere Forschung dazu läuft: Bestände und Nutzungsszenarien seien jeweils sehr unterschiedlich, heißt es daher beim dbv weiter. Wie viele Bücher aus der kritischen Zeit sind im Bestand? Sind die Archive frei zugänglich, gar ausleihbar? Es liege daher «in der Verantwortung jeder Einrichtung, eine eigenständige Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen und gegebenenfalls geeignete Vorkehrungen zu treffen.» 

Ende 2023 veröffentlichte der Verband eine ausführliche Anleitung zu diesem Problem, die in Zusammenarbeit mit Experten der Technischen Hochschule Köln sowie den Uni-Bibliotheken in Bonn und Kiel erstellt wurde. Kernpunkt: Um den modernen Arbeitsschutzanforderungen gerecht zu werden, sollten Bibliotheken mit alten Sammlungen vorsichtig sein, Verdachtsfälle identifizieren und im Bedarfsfall festlegen, wie mit potenziell kontaminierten Büchern umgegangen werden soll.

«Schweinfurter Grün» brachte Farbe in graue Welt

«Man muss mögliche belastete Bücher separieren und kennzeichnen. Damit beginnen nun viele Bibliotheken und stellen sich dieser Problematik», sagt Andrea Renate Pataki-Hundt, die als Professorin am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften in Köln an den Empfehlungen mitgearbeitet hat. Neu sei das Problem in der Fachwelt allerdings nicht.

«Mich überrascht schon, dass das nicht viel früher in der Breite der Bibliotheken angekommen ist», sagt sie. Schon seit  2020 arbeitet sie gemeinsam mit der Uni- und Landesbibliothek Bonn zur Frage, wie arsenbelastete Bände erkannt und wieder nutzbar gemacht werden können – noch viel länger wissen Restauratoren um das Problem mit dem «Schweinfurter Grün».

Das synthetisch hergestellte Farbpigment wurde im 19. Jahrhundert genutzt in Tapeten, Ballkleidern, Wandanstrichen, der Malerei – und eben bei der Herstellung von Büchern. Der Stoff und seine Abwandlungen wurden unter vielen Bezeichnungen vertrieben. Weil der Farbenhersteller Wilhelm Sattler den Farbstoff zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der nordbayerischen Stadt industriell herstellen ließ, war das «Schweinfurter Grün» besonders gefragt.

In der eher grauen Welt von damals, in der leuchtende Farben lange der Oberschicht vorbehalten waren, sei das der breiten Masse verfügbare Kupferarsenitacetat eine «aufregende neue Farbe mit wahnsinniger Faszination» gewesen, erklärt Pataki-Hundt. Im Deutschen Reich wurde der Farbstoff schließlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts verboten. «Die Kulturgüter von damals bleiben – damit müssen wir jetzt umgehen.»

So haben die Experten einen Test aus der Wasserwirtschaft übertragen, mit dem Einrichtungen eine Belastung von Büchern feststellen könnten. Auch sei es wichtig, «detektivisch nachzuverfolgen», welchen Weg das Buch genommen habe, um entsprechende Reinigungen der Arbeits- und Lagerplätze vorzunehmen und angrenzende Bücher ebenfalls zu überprüfen – viel Arbeit für Bibliotheken mit großen Altbeständen. 

Staatsbibliothek: Vorsichtiger Umgang

Deshalb ist auch Reinhard Altenhöner informiert. Der stellvertretende Vorsitzende des dbv beschäftigt sich als Ständiger Vertreter des Generaldirektors der Staatsbibliothek zu Berlin mit einem der größten Buchbestände des 19. Jahrhunderts, die Deutschland zu bieten hat.

Auch dort habe man unlängst Maßnahmen zum Schutz von Mitarbeitenden und Nutzenden getroffen – das systematische Überprüfen auf Einzelfälle hin habe hier jedoch keine Priorität, erklärt Altenhöner. Grund ist die schiere Menge der Bücher aus dem 19. Jahrhundert, die die Staatsbibliothek beheimatet: Deutlich über eine Million Bände stammen aus der Zeit. «Das würde dann schon eine gigantische logistische Dimension erreichen, wo man sich fragen muss, ob sich das angesichts der mutmaßlichen Gefahr lohnt.» 

Es ist bislang völlig unklar, wie viele Bücher aus der Zeit tatsächlich betroffen sind – und wie hoch die Belastung im Ernstfall überhaupt ist. «Damit umzugehen ist eine bleibende Aufgabe», sagt Altenhöner. Panik und ausufernde Maßnahmen hält er aber nicht für angezeigt: «Die Mengen, die im Staub oder am Buch auftreten, sind nach unseren bisherigen Erkenntnissen nicht hoch, sodass wir davon ausgehen, dass man bei Einhaltung bestimmter Regeln keiner Gefahr ausgesetzt ist», sagt er. 

Digitalisierung ermöglicht Arbeit mit belasteten Bänden

Es wird empfohlen, Schutzhandschuhe zu tragen und sich die Hände zu waschen. Je nach Belastung sollten auch ein Mund-Nasen-Schutz oder eine Schutzbrille getragen werden. Bei intensivem Kontakt kann auch ein Schutzanzug erforderlich sein. Personen, die mit Büchern aus den Altbeständen arbeiten, die selten in den öffentlich zugänglichen Bereichen der Bibliotheken gelagert sind, sollten durch geschultes Personal über Risikominimierung sensibilisiert werden.

Die Staatsbibliothek denke derzeit auch über die Einrichtung eines gesonderten Raumes für die Nutzung potenziell belasteter Exemplare nach. Auf uralte Bücher mit giftgrünem Einband zuzugreifen, geht in vielen Fällen inzwischen sogar ganz ohne Kontakt – und damit völlig ohne Risiko, denn große Teile des Altbestandes seien längst digital verfügbar: «Das sollten und werden wir nun gezielt vorantreiben.»

dpa