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Binge-Watching kann einsam machen – Studie aus China

Einsamkeit erhöht das Risiko für exzessives Serien-Binge-Watching. Psychologische Funktion und emotionale Selbstregulation spielen eine entscheidende Rolle.

Mit dem Angebot der Streaming-Anbieter ist Binge-Watching zum gesellschaftlichen Phänomen geworden - mit gewissem Sucht-Potenzial.
Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Viele Leute verbringen ihre Abende mit Serienmarathons. Aber exzessives sogenanntes Binge-Watching kann problematisch werden. Eine Studie aus China zeigt, dass vor allem suchtähnliches Binge-Watching mit Gefühlen von Einsamkeit verbunden sein kann.

Einsamkeit erhöht der Untersuchung zufolge wohl das Risiko dafür, in eine Sucht nach exzessivem Serienkonsum zu geraten. Das chinesische Forschungsteam von der Huangshan University kommt nach ausführlichen Befragungen im Fachmagazin «Plos One» zu dem Schluss, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Einsamkeit und einem stärkeren Hang zu einer Binge-Watching-Sucht gibt. 

Vor einigen Jahren tauchte das Phänomen des Binge-Watching mit dem Aufkommen des Streaming-Booms auf, als viele Anbieter noch am ersten Tag alle Staffeln ihrer Serien auf einmal veröffentlichten.

Die chinesischen Forscher glauben, dass Menschen mit Binge-Watching-Sucht sich in ihren Motiven deutlich von Vielsehern ohne Suchtverhalten unterscheiden. Die psychologische Funktion, die das Schauen erfüllt, sei entscheidend.

Emotionale Regulierung als Treiber

Das Team identifizierte zwei Muster: Binge-Watching wird häufig genutzt, um negativen Gefühlen zu entkommen und gleichzeitig positive Emotionen zu verstärken.

Nach Ansicht der Autoren lässt dies darauf schließen, dass problematisches Binge-Watching insbesondere dann entsteht, wenn es der emotionalen Selbstregulation dient. Personen, die sich einsam fühlen, nach emotionaler Erfüllung suchen oder Serien gezielt als Fluchtmechanismus nutzen, haben daher ein erhöhtes Risiko, süchtig nach Binge-Watching zu werden.

Mindestens 3,5 Stunden Bingen pro Tag

Die Wissenschaftler befragten 551 chinesische Erwachsene, die viel fernsehen, für die Studie. Um teilzunehmen, mussten sie mindestens dreieinhalb Stunden pro Tag Serien schauen und mehr als vier Episoden pro Woche sehen. Die Teilnehmer wurden zu ihrem Sehverhalten, ihren Beweggründen und ihrem Gefühl der Einsamkeit befragt.

Sucht wird in der Studie anhand einer Skala aus der Verhaltenspsychologie definiert – der sogenannten Problematic Series Watching Scale, die sich an einer generellen Suchtskala orientiert. Diese berücksichtigt unter anderem, wie sehr sich die Stimmung durch das Serienschauen oder den Entzug verändert oder ob es negative Folgen im sozialen oder beruflichen Leben gibt.

Die Autoren weisen darauf hin, dass ihre Studie lediglich einen Zusammenhang aufzeigt. Ob Einsamkeit tatsächlich die Ursache für das Suchtverhalten ist, muss weiter erforscht werden. Die Analyse konzentrierte sich ausschließlich auf TV-Serien. Andere Streaming-Angebote wie Youtube oder Tiktok wurden nicht berücksichtigt.

Tiktok und Youtube womöglich mit mehr Suchtpotenzial

Christian Zabel von der Technischen Hochschule Köln, der selbst zu Binge-Watching geforscht hat, hält die Studie aus China methodisch für gut gemacht – und grundsätzlich auch auf die hiesige Bevölkerung übertragbar. Es sei «sicherlich sinnvoll», zwischen problematischem und unproblematischem Binge-Watching zu unterscheiden, da nicht jeder Fall Suchtpotenzial habe. 

«Es ist naheliegend, dass Einsamkeit zu mehr Binge-Watching führt», sagte Zabel der Deutschen Presse-Agentur – eher als umgekehrt. Allerdings weist der Forscher darauf hin, dass andere Streaming-Formate – etwa Videospiele oder soziale Medien – mutmaßlich noch größeres Suchtpotenzial haben als klassische Serien. Dort sei man noch einmal ganz anderen Reizen ausgesetzt als bei einer TV-Serie, «die sich etwas mehr Zeit nimmt».

Binge-Watching ist einer Befragung aus dem vergangenen Jahr zufolge in Deutschland vor allem bei Frauen ein beliebter Zeitvertreib. Das geht aus der Bewegtbild-Studie «Screens in Motion 2025» der Zeitschrift «TV Spielfilm» aus dem Burda Verlag hervor. Im Streamingpublikum bingen demnach 44 Prozent der weiblichen Zuschauenden, aber nur 38 Prozent der männlichen. Zusammen ergibt das einen Mittelwert von 41 Prozent, die häufig Binge-Watching betreiben. Weitere 34 Prozent gefällt es zumindest ab und zu, mehrere Folgen zu schauen.

dpa