Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Dämonenaustreibung: Prozess um Gewalt und Missbrauch

Schlafentzug, Drogen, Sex: In einer WG in Unterfranken trieben es die Bewohner laut Ermittlungen einvernehmlich wild. Der mutmaßliche «Guru» soll aber auch gegen den Willen einer Frau gehandelt haben.

Der Angeklagte steht an Händen und Füßen gefesselt im Gerichtssaal im Landgericht Schweinfurt.
Foto: Heiko Becker/dpa

Es wird über Züchtigungen, Dämonen, Lichtwesen, psychischen Druck, Drogenkonsum und vieles mehr gesprochen: In einer Wohngemeinschaft in der Nähe von Schweinfurt in Franken dreht sich offensichtlich seit Jahren viel um Macht, Gewalt und Sex – das wird zumindest zu Beginn eines Prozesses wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung deutlich.

Der Angeklagte sei ein «geistiger Führer» der Gemeinschaft, sagte Staatsanwältin Melanie Roth vor dem Landgericht Schweinfurt. Und in dieser Funktion soll der 42-Jährige seine frühere Partnerin im vergangenen Mai brutal vergewaltigt und misshandelt haben. «Die Geschädigte erlitt durch die Schläge, Tritte und das Würgen des Angeklagten mehrere Prellungen, Hämatome und Schwellungen am Körper.» Dreimal sei die Frau in den Räumen der Gemeinschaft bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt worden – und das alles, um ihr angebliche Dämonen auszutreiben, sagte die Anklagevertreterin.

Staatsanwätlin: Drogen und körperliche Züchtigungen

Drogen wie Kokain und LSD spielten den Ermittlungen zufolge in der Gruppe eine wichtige Rolle, etwa um Mitglieder von «Parasiten» zu befreien oder vermeintliches Fehlverhalten zu erkennen. «Zu den Methoden des Angeklagten gehören hierbei auch körperliche Züchtigungen und – soweit es insbesondere Frauen betrifft – die Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen mit und von dem Angeklagten», sagte Roth.

Beim Beginn des Prozesses kamen viele Unterstützer des Angeklagten und versuchten, in den Gerichtssaal zu gelangen – jedoch war für die meisten kein Platz. Auch die Beauftragten für Sektenfragen der katholischen und der evangelischen Kirche waren anwesend.

Der Angeklagte – in weißem Hemd, schwarzem Anzug und mit beerenfarbener Krawatte – sagte zu Prozessbeginn zunächst nichts. Vielmehr stellten seine Verteidiger mehrere Anträge, etwa auf die Ladung von Zeugen, die das mutmaßliche Opfer als Mensch mit zwei Gesichtern darstellen würden. So sei die Frau manipulativ und habe extreme sexuelle Gewaltfantasien. «Sie wollte den Angeklagten brechen», sagte ein Anwalt des 42-Jährigen. Der Verteidiger verwahrte sich zudem gegen Behauptungen, die Gruppe agiere wie eine Sekte. «Dies trifft auf die Gemeinschaft nicht zu.»

Nach Angaben der Wohngemeinschaft leben dort ein bis zwei Dutzend Menschen. Ihr Ziel ist es, Menschen auf ihrem Weg der Heilung und des Wachstums zu unterstützen. Was genau damit gemeint ist, bleibt unklar.

Sektenbeauftragter: Aussteiger berichten von stundenlangen Tribunalen

Matthias Pöhlmann, der Sektenbeauftragte der evangelischen Landeskirche, besuchte die WG vor einigen Jahren und sprach mehrmals mit ehemaligen Mitgliedern. Er bezeichnet die Gruppe als sozial-utopische Gemeinschaft. „Autoritärer Führungsstil, Gruppendruck, Verlust der Intimsphäre, stundenlange Tribunale, bei denen sich Einzelne rechtfertigen müssten“ – so hätten ihm Ehemalige berichtet, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Auch der Polizei ist der Verein hinlänglich bekannt. Zeugen schilderten bei Ermittlungsverfahren nach früheren Angaben der Staatsanwaltschaft, dass gegenüber Gemeinschaftsmitgliedern zur Erreichung bestimmter Verhaltensweisen ein gewisser psychischer Druck aufgebaut worden sei. Mitgliedern sei nahegelegt worden, die Gruppe zu verlassen, wenn sie sich aus Sicht der Gemeinschaft außerhalb der Gemeinschaftsregeln bewegten. «Solche Einwirkungen sind jedoch strafrechtlich nicht relevant», teilte die Behörde Ende 2021 mit.

Der Prozess wird am Dienstag weitergeführt.

dpa