Mobiles Menü schließen
Startseite Schlagzeilen

Die dunkle Seite von Korsika: Mafia bedroht Urlaubsparadies

Drohungen, erpresstes Schweigegeld und schlecht gebaute Wohnungen – die Mafia agiert im Untergrund.

An eine Hausmauer in der korsischen Küstenstadt Bastia steht auf Korsisch geschrieben «Mafia raus».
Foto: Rachel Boßmeyer/dpa

Das blaue Meer, die steilen Felsen und die wilde Natur ziehen jedes Jahr Hunderttausende deutsche Urlauber nach Korsika. Was jedoch die meisten nicht wissen: In diesem Urlaubsparadies agiert im Verborgenen die Mafia.

Drohungen, erpresstes Schweigegeld und schlecht gebaute Wohnungen sind nur einige der Folgen für die Menschen vor Ort. Immer wieder gibt es auch Tote. Am Mittwoch kommt mit «Borgo» ein Film in die französischen Kinos, der von einem Doppelmord im korsischen Bandenmilieu erzählt, und schon vorab für Furore gesorgt hat.

Die «Insel der Schönheit», wie Korsika oft genannt wird, ist die Region im europäischen Teil Frankreichs, in der auf die Einwohnerzahl gerechnet am meisten Menschen umgebracht werden. Im vergangenen Jahr waren es 3,7 Tote auf 100.000 Bewohnerinnen und Bewohner, laut Innenministerium mitunter wegen der vielen Abrechnungen. «Das Schlimmste ist, dass diese Fälle nicht aufgeklärt werden, weil es keine Zeugenaussagen gibt. Das ist die Omertà», sagt die Anti-Mafia-Aktivistin Josette Dall’Ava-Santucci. Die Mafia lege eine solche Schweigepflicht auf.

25 kriminelle Banden auf der Insel

Lange Zeit wurde darüber gestritten, ob es auf der beliebten Mittelmeerinsel überhaupt eine Mafia gibt. «Ich glaube, wir müssen uns klar ausdrücken», sagte kürzlich der für organisierte Kriminalität auf Korsika zuständige Staatsanwalt Nicolas Bessone dem Sender France Bleu. «Die Frage, ob es auf Korsika eine Mafia gibt, ist kein Thema mehr. Es gibt dort eine.» Einem internen Bericht einer Anti-Mafia-Einheit von Polizei und Gendarmerie zufolge, aus dem französische Medien zitieren, treiben auf der Insel 25 kriminelle Banden ihr Unwesen.

Die Insel für sich entdeckt haben die Mafiosi in den 1980er Jahren, wie Dall’Ava-Santucci erzählt, als Investmentpläne für das bergige Fleckchen im Mittelmeer entwickelt wurden. Mittlerweile sind die Kriminellen im lukrativen Baugewerbe, im Immobiliengeschäft, im Abfallsektor und im Drogenhandel besonders aktiv, sagt die 82-Jährige, die eigentlich Ärztin ist und 2019 mit Mitstreitern die Anti-Mafia-Organisation «Maffia Nò» gründete.

Gekaufte Menschen

Es ist schwierig zu sagen, welches Ausmaß die Mafia auf Korsika heute hat, da ein großer Teil ihrer Aktivitäten unter der Oberfläche stattfindet. Jede der gut 20 Banden hat möglicherweise ein Dutzend Mitglieder. Angesichts der nur 350.000 Inselbewohner ist diese Zahl jedoch beachtlich. Es gibt auch gekaufte Personen in Justiz- und Steuerbehörden, im Gefängniswachpersonal und gelegentlich sogar bei der Gendarmerie. Staatsanwalt Bessone vermutet sogar Verbindungen zur Politik. Laut Jean-Jacques Fagni, Anwalt am Berufungsgericht in Bastia, gibt es keine genau aufgeteilten Gebiete der einzelnen Banden. Sowohl er als auch Bessone weisen darauf hin, dass die Gruppen manchmal sogar zusammenarbeiten.

Dall’Ava-Santucci hat etliche Berichte von Opfern der korsischen Mafia gehört. Da wurden Türen ausgehangen, weil die Miete nicht rechtzeitig gezahlt worden war, versucht, Menschen ihre Häuser wegzunehmen, Lagerhallen und Arbeitsgeräte konkurrierender Firmen einfach in die Luft gejagt, Baugenehmigungen erpresst und Immobilienpreise nach unten gedrückt. Die Korsin betont: «Eine ganze Generation kennt die Mafia als Angestellte, als Firmenleiter.» Sie trieben Preise etwa von öffentlichen Arbeiten in die Höhe, führten diese schlampig aus und leiteten mitunter Unternehmen, obwohl sie dafür nicht kompetent seien.

Touristen merken nichts

Für die rund drei Millionen Touristen, die jährlich nach Korsika strömen, hat all das keinerlei Auswirkungen, meint die Seniorin. «Ganz im Gegenteil!» Es gibt keine Kleinkriminalität. Man braucht keine Angst zu haben, nachts nach Hause zu laufen, oder sich vor Diebstählen zu fürchten. Ob Ferienwohnungen oder Bars in den Händen der Mafia sind, dürfte für die Urlauber nicht erkennbar sein, unter denen Deutsche im vergangenen Jahr 3,7 Millionen Übernachtungen buchten und damit nach Franzosen die größte Urlaubsnation auf der Insel bildeten. Lediglich vereinzelte korsische Graffitis, die «Mafia raus» fordern, könnten dem ein oder anderen in Bastias Straßen ins Auge springen.

«Im Gefängnis machen sie, was sie wollen»

Die Bevölkerung, Abgeordnete und den Staat selbst – sie alle will Dall’Ava-Santucci beim Kampf gegen die Mafia einbeziehen. Konkret fordert sie, die Polizei zu stärken, einen eigenen Straftatbestandteil für mafiöse Kriminalität einzuführen, Laienrichter am Schwurgericht durch Berufsjuristen zu ersetzen, Güter von Verdächtigen im Mafia-Bereich sofort zu beschlagnahmen und Verbote etwa zur Unternehmensführung auszuweiten. Gefängnisstrafen hingegen interessierten sie weniger. «Im Gefängnis organisiert sich die Mafia. Im Gefängnis machen sie, was sie wollen.»

Auch der Film «Borgo» von Stéphane Demoustier, der am Mittwoch in Frankreich erscheint, spielt im Gefängnis und erzählt inspiriert vom Doppelmord in Bastia-Poretta 2017, bei dem zwei Mafia-Größen getötet wurden, die Geschichte einer jungen Gefängniswärterin. Das Brisante daran: Der Prozess um den Fall soll erst einige Wochen nach Kinostart beginnen. «Es ist schon irrsinnig einen Film zu machen, während das Ermittlungsverfahren läuft», findet Dall’Ava-Santucci. Und auch andere halten von dem Film wohl wenig. Bei einer Vorpremiere auf einem Filmfestival in Bastia musste der Saal nach einer Bombendrohung geräumt werden. Für Aktivistin Dall’Ava-Santucci besteht kein Zweifel, dass die Mafia dahintersteckt. «Sie haben versucht, die Omertà zu bekommen.»

dpa