Spektakuläre Erfolge der Ermittler: Tonnen von Kokain werden in Europas Häfen sichergestellt. Nun werden die Drogenbanden nervös, sagt Europol. Doch der Kampf gegen die Drogenmafia ist nicht vorbei.
Europol: Kokain-Schmuggel wird weiter zunehmen

Der Schmuggel von Kokain nach Europa wird nach Einschätzung von Europol weiter zunehmen. Angesichts der steigenden Produktion in Südamerika werde die Zahl der Lieferungen in den kommenden zwei Jahren steigen, sagte Europol-Chefin Catherine De Bolle der Deutschen Presse-Agentur in Den Haag. «Wir können es nicht völlig stoppen, denn die Nachfrage ist zu groß.»
Gleichzeitig betont die europäische Polizeibehörde mit Sitz in Den Haag die steigenden Erfolge der Ermittler im Kampf gegen den globalen Drogenhandel. Im Vorjahr wurden über 300 Tonnen Kokain konfisziert. Europol hatte noch nie zuvor einen so umfassenden Einblick in die Struktur des Drogenschmuggels wie im vergangenen Jahr, so De Bolle. Dies gilt sowohl für die internationalen Vertriebswege als auch für den lokalen Verkauf.
Der Großteil des Kokains wird aus Südamerika nach Europa transportiert und gelangt hauptsächlich über die Häfen in Antwerpen und Rotterdam in die EU. Immer öfter entdecken Zollfahnder große Mengen der Drogen, die in Containern versteckt sind. In Rotterdam wurde im August die bisher größte Einzelmengen sicher gestellt: Ein Container mit Bananen enthielt rund 8000 Kilogramm Kokain im Wert von etwa 600 Millionen.
Auch in Deutschland wurde eine erhebliche Menge an Kokain von Ermittlern entdeckt: Im Jahr 2023 wurden von der Polizei und den Zollfahndern Rekordmengen abgefangen. Laut einer vorläufigen Prognose des Bundeskriminalamts (BKA) belaufen sich die gefundenen Drogen auf insgesamt 35 Tonnen, wie ein Sprecher des BKA vor dem Jahreswechsel mitteilte. Im Jahr 2022 waren es demnach etwa 20 Tonnen.
Digitale Kommunikationskanäle der Banden geknackt
Nach Erkenntnissen von Europol sind die beschlagnahmten Ladungen vermutlich nur ein Bruchteil des geschmuggelten Kokains. «Aber es fängt an, den Banden weh zu tun», sagte De Bolle. Immer häufiger versuchten sie, das beschlagnahmte Kokain zurückzubekommen. Inzwischen würden sie Ladungen sogar mit Trackern ausrüsten, um sie genau verfolgen zu können.
Die Erfolge der Ermittler waren möglich geworden, nachdem sie digitale Kommunikationskanäle der Banden geknackt hatten. «Dadurch saßen wir mit den Kriminellen am Tisch, und die fühlten sich total sicher», sagte De Bolle.
Laut der Europol-Chefin kommunizieren die kriminellen Netzwerke nun viel vorsichtiger, insbesondere über zahlreiche kleine Kanäle. Zudem suchen sie nach neuen Transportwegen und richten Labore in Europa ein, in denen sie selbst Kokain aus den Grundstoffen herstellen.
Im Zusammenhang mit dem Drogenhandel nahm Europol zufolge 2023 auch die Gewalt zu. «Es gibt so viel zu verdienen, und die Konkurrenz ist groß», sagte die aus Belgien stammende De Bolle. Sie nannte als Beispiele Sprengstoffanschläge in den Niederlanden und Belgien sowie Gewalttaten in Schweden und Frankreich. «Das Ausmaß haben wir vor zehn Jahren nicht so gesehen.»
Geldströme im Fokus
Europol richtet sich beim Kampf gegen die Drogenmafia zunehmend auch auf die Geldströme. «Wir hatten das lange zu wenig im Blick. Das wird nun intensiviert.» Schätzungsweise nur zwei Prozent der Gewinne werden tatsächlich entdeckt und beschlagnahmt. Allein in Europa schätzt Europol den Umfang des Kokainhandels auf mehr als 5,7 Milliarden Euro im Jahr.
«Die Banden haben ein ungeheures Vermögen angehäuft», sagte die Europol-Chefin. Das investierten sie auch in die legale Wirtschaft, sie spekulierten an den Börsen, kauften Immobilien oder Kryptowährungen. Durch Korruption und Infiltration nehme auch die Destabilisierung der Gesellschaft zu.
Europol mahnt die EU-Kommission, den Zugang zu digitalen Kanälen zu erleichtern. Wegen des strengen Datenschutzes in Europa seien den Ermittlern oft die Hände gebunden, sagte De Bolle. «Fahndungserfolge sind nun auch von Zufällen abhängig. Können wir Zugangsdaten entschlüsseln oder nicht?»








