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Extremwetter-Jahr: Von Wassermassen und Wirbelstürmen

Tödliche Wirbelstürme, riesige Waldbrände und Überschwemmungen: Der Klimawandel macht Extremwetterereignisse wahrscheinlicher – das hat die Welt im Jahr 2023 deutlich zu spüren bekommen.

Ein Mann trägt im Januar in Merced, Kalifornien, Habseligkeiten aus seinem überfluteten Haus.
Foto: Noah Berger/AP/dpa

Auf der Suche nach einem Wort für 2023 drängt sich «Extremwetter» geradezu auf. Am Jahresende scheinen die zurückliegenden Monate zu einer unheilvollen Mischung aus Überflutungen, Waldbränden und Stürmen zu verschwimmen – ein Extrem reihte sich an das nächste.

Laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) war 2023 das wärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881. Ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur bestätigte kurz vor Ende des Kalenderjahres, dass die Durchschnittstemperatur voraussichtlich bei 10,6 Grad liegen werde.

Auch global gesehen wird 2023 dem EU-Klimawandeldienst Copernicus zufolge das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts. Die EU-Umweltagentur EEA hatte schon im Frühjahr gewarnt: «Aufgrund unseres sich verändernden Klimas wird das Wetter in Europa extremer.» Auch über Europa hinaus war 2023 ein Wetter-Jahr der Extreme. Ein Rückblick in Auszügen:

Januar

Aufgrund von starken Winterstürmen sterben in den USA viele Menschen. An der Westküste gibt es überflutete Ortschaften und meterhohe Schneemassen. In Kalifornien werden Bäume umgeknickt und es kommt zu Sturzfluten. Die anhaltenden Niederschläge verwandeln kleine Bäche in reißende Flüsse. Gleichzeitig verursachen Tornados schwere Verwüstungen, vor allem im südöstlichen Bundesstaat Alabama.

Februar

Tropensturm «Gabrielle» wütet in Neuseeland mit orkanartigen Winden und Starkregen. Häuser, Straßen und Brücken werden zerstört, Strom- und Kommunikationsleitungen beschädigt. Die Regierung ruft den Nationalen Notstand aus – erst zum dritten Mal in der Landesgeschichte. Zeitweise steht das Wasser in einigen Gebieten so hoch, dass nur noch die Häuserdächer aus den Fluten ragen.

März

Temperaturrekorde und überfüllte Strände: Obwohl der Winter nach dem Kalender noch nicht vorbei ist, läuft in einigen Teilen Spaniens nachts bereits die Klimaanlage. An vielen Orten wird das Wasser knapp. Die Menschen leiden unter Temperaturen von teilweise über 30 Grad. Auf Mallorca wird die erste Tropennacht des Jahres verzeichnet, das Thermometer sinkt also nicht unter 20 Grad.

April

Anfang des Monats wüten gleich mehrere Tornados in Teilen der USA. Es gibt Tote und Verletzte. US-Medienberichten zufolge werden in sieben Bundesstaaten etwa 50 Wirbelstürme gezählt, die als Tornados eingestuft werden können. Die Rede ist von einem seltenen «Monster-Sturmsystem», das sich vom Süden der USA bis in die Region der Großen Seen im Norden erstreckt.

Mai

Dutzende Waldbrände treiben im Westen Kanadas Tausende Menschen in die Flucht. Die Provinz Alberta ruft den Notstand aus. Es handele sich um eine «beispiellose Krise», sagt die Premierministerin der Provinz, Danielle Smith. Angesichts der großen Trockenheit breiten sich die Flammen rasch aus. Im Zuge der globalen Erwärmung steigt in vielen Regionen die Waldbrandgefahr, wie etwa der Weltklimarat IPCC festgestellt hat.

In Teilen von Myanmar und Bangladesch richtet der Zyklon «Mocha» schwere Verwüstungen an. Der tropische Wirbelsturm trifft mit Windgeschwindigkeiten von teilweise mehr als 250 Stundenkilometern an der Westküste der beiden Nachbarstaaten auf Land. Es ist der heftigste Zyklon in der Region seit mehr als einem Jahrzehnt. Wegen Starkregens und Sturmfluten gibt es zudem heftige Überschwemmungen.

Obwohl es im Winter und Anfang Frühjahr in Italien sehr trocken war, erlebt das Land nun heftige Niederschläge. In den Regionen Emilia-Romagna und den Marken kommt es zu teilweise dramatischen Überschwemmungen. Die Adriaküste ist von schweren Unwettern betroffen. Die Feuerwehr rettet Menschen, die in ihren Häusern eingeschlossen sind oder gestrandete Autofahrer, die von den Wassermassen überrascht wurden. Es gibt Todesopfer.

Juni

Flammen brennen im Waldgebiet bei Jüterbog in Brandenburg, Rauch steigt auf. Die Situation auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz verschlimmert sich. Die Menge an Munition ist hoch und der starke Wind erschwert die Lage für die Einsatzkräfte. Auch auf zwei ehemaligen Truppenübungsplätzen in Mecklenburg-Vorpommern brechen kurz hintereinander Brände aus: in der Nähe von Lübtheen und in der Viezer Heide bei Hagenow. Beide Gebiete sind mit Munition belastet.

Juli

Hauptstädte wie Rom und Athen sind heiß, und in Kroatien gibt es den ersten großen Wald- und Buschbrand des Jahres: Der Süden und der Südosten Europas erwärmen sich. An vielen Orten zeigen die Thermometer mehr als 40 Grad. In Griechenland haben weite Teile der Wirtschaft ihre Aktivitäten eingeschränkt.

Der Urlaub wird für Tausende Touristen auf Rhodos aufgrund von Waldbränden zu einem Albtraum. Die Flammen sind zunächst unter Kontrolle, aber dann ändert sich der starke Wind und treibt das Feuer direkt auf Touristenhochburgen und Dörfer im Süden und Südosten der Insel zu. Menschen werden evakuiert. Videos zeigen Touristen, die zu Fuß ihre Urlaubsorte verlassen.

Mehrere Menschen verlieren ihr Leben bei Bränden auf Sizilien. Insbesondere im Norden der italienischen Mittelmeerinsel ist die Situation besorgniserregend. Einsatzkräfte sind damit beschäftigt, gegen Wald- und Flächenbrände anzukämpfen.

Obwohl ein wärmeres Klima dazu führen kann, dass mehr Niederschlag fällt, oft in Form von Starkregen, behaupten Klimaexperten, dass die Phasen ohne Niederschlag teilweise länger werden. Insbesondere in bereits trockenen Gebieten steigt das Risiko von Dürreperioden. Waldbrände können sich in extrem trockener Vegetation schneller ausbreiten.

August

Ein Tiefdruckgebiet, das sich über Italien befindet, verursacht starken Regen in Österreich und dem angrenzenden Slowenien. Orte werden überschwemmt, Verkehrswege werden unterbrochen, und Überschwemmungen und Erdrutsche verursachen erhebliche Schäden. Die intensiven Niederschläge führen im südlichen Österreich zu Murenabgängen und Hochwasser. In Teilen der Steiermark und Kärntens wird der Zivilschutzalarm ausgelöst.

Flammeninferno im Urlauberparadies Hawaii: Dichter Rauch hängt über den Hawaii-Inseln im Pazifik, ein Küstenstreifen von Maui steht in Flammen, Teile der gewöhnlich üppig-grünen Insel sind wegen verheerender Busch- und Waldbrände schwarz verkohlt. Es gibt mehr als 100 Tote. Hawaiis Gouverneur Josh Green spricht von einer «schrecklichen Katastrophe».

Der Pazifik-Tropensturm «Hilary» bringt sintflutartigen Regen in den Südwesten der USA. Besonders heftig trifft es den US-Bundesstaat Kalifornien mit seinen Metropolen San Diego und Los Angeles. Das für die Region seltene Unwetter setzt Straßen unter Wasser und lässt Bäume und Stromleitungen umstürzen.

In Kanada bewegen sich heftige Waldbrände unerbittlich auf zwei Städte zu. In der Umgebung von West Kelowna zerstören die Flammen Gebäude, die Stadt Yellowknife am nördlichen Polarkreis wird fast komplett evakuiert. Die Regierung von British Columbia an der Pazifikküste ruft für die gesamte Provinz den Notstand aus. «In diesem Jahr erleben wir in British Columbia die schlimmste Waldbrandsaison aller Zeiten», heißt es.

Aufgrund gewaltiger Waldbrände sind weite Teile Griechenlands von beißenden Rauchwolken bedeckt. Die Feuer wüten auch in der Nähe der Hauptstadt Athen. Die Luftqualität verschlechtert sich aufgrund der Brände massiv in großen Teilen des Landes.

September

Wo es kürzlich noch brannte, verwandeln sich nun Bäche in reißende Flüsse: Die Wassermassen, die das Sturmtief «Daniel» über Mittelgriechenland ausschüttet, übertreffen alle Vorhersagen. Autos werden von den Fluten weggetragen, Menschen müssen mit Schlauchbooten aus ihren Häusern gerettet werden, etwa in der Hafenstadt Volos, wo das Wasser zum Teil hüfthoch vorbeifließt.

Bei Rekordniederschlägen und Überschwemmungen in Hongkong gibt es Tote und Verletzte. Die Regierung der chinesischen Sonderverwaltungsregion spricht von «extremen Bedingungen». Straßen werden zu Flüssen, U-Bahnhöfe laufen voll Wasser. Hongkong kommt nach den heftigsten Regenfällen seit 1884 praktisch zum Erliegen.

Im Bürgerkriegsland Libyen richtet ein schweres Unwetter starke Verwüstungen an. Es gibt Tausende Tote. Der Sturm «Daniel», der schon in Griechenland wütete, erfasst auch das nordafrikanische Land. Besonders schwer betroffen ist die Hafenstadt Darna. Augenzeugenberichten zufolge lassen die starken Winde Strommasten umstürzen. Mitten in der Nacht bricht mit einem lauten Knall ein Staudamm. Auch ein zweiter Damm gibt den Wassermassen nach.

Aufgrund von außergewöhnlich starkem Regen wird die US-Ostküstenmetropole New York teilweise lahmgelegt. Autobahnen und Straßen verwandeln sich in seenartige Landschaften, und sogar ein Flughafenterminal wird überflutet und geschlossen. Gouverneurin Kathy Hochul ruft den Notstand aus.

Oktober

Der Pazifiksturm «Otis» trifft mit voller Wucht als Hurrikan der höchsten Stufe 5 nahe dem berühmten Badeort Acapulco auf Mexikos Südwestküste. Innerhalb von nur etwa zwölf Stunden entwickelt sich der Tropensturm zu einem extrem gefährlichen Hurrikan. Es gibt zahlreiche Tote. «Den Aufzeichnungen zufolge entwickelt sich selten ein Hurrikan so schnell und mit solcher Kraft», sagt Präsident Andrés Manuel López Obrador. Experten zufolge ist die schnelle Intensivierung der Wirbelstürme auf den Klimawandel zurückzuführen.

November

Schon vor dem Sommerbeginn auf der Südhalbkugel leiden große Teile Brasiliens unter einer starken Hitzewelle. In der Millionenstadt Rio de Janeiro steigt die gefühlte Temperatur an einem Tag auf 59,7 Grad. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit fühlen sich die Temperaturen in Brasilien viel unangenehmer an als in Deutschland. Tatsächlich zeigte das Thermometer über 40 Grad an.

Dezember

Anfang des Monats versinken Teile Deutschlands im Schnee, vor allem Bayern ist betroffen. Landesverkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) sagt: «Was wir am Wochenende in München erlebt haben, war kein normaler Wintereinbruch, sondern die größte Schneemenge in München seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Das war eine extreme Sondersituation in kürzester Zeit.»

https://x.com/rahmstorf/status/1738832121840468398?s=20

Um Weihnachten herum ist es wieder wärmer – aber angesichts anhaltender Regenfälle und gesättigter Böden gibt es in zahlreichen Regionen Deutschlands eine angespannte Hochwasserlage mit anschwellenden Wasserläufen und übervollen Talsperren. Hunderte Menschen müssen an den Weihnachtsfeiertagen ihr Heim verlassen, so im niedersächsischen Rinteln und im thüringischen Windehausen. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf schreibt Heiligabend auf X: «Extremniederschläge nehmen durch die #Erderwärmung weltweit und auch bei uns zu. Davor warnen Klimaforscher seit über 30 Jahren; längst bestätigen das die Daten von Wetterstationen.»

dpa