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Kainismus: Wiedehopf verfüttert Küken an Geschwister

Nach inniger Geschwisterliebe sucht man bei so mancher Tierart vergebens. Auf die Spitze treiben das junge Wiedehopfe: Ältere Küken fressen die unliebsame jüngere Konkurrenz einfach auf.

Ein Wiedehopf wird von einem Vogelberinger in Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide in der Hand gehalten, um die Küken im Nest beringen und wiegen zu können.
Foto: Jens Kalaene/dpa

Bei Wiedehopfen ist es äußerst riskant, zu den kleineren Geschwistern zu zählen: Die auch hierzulande vorkommenden Vögel verfüttern jüngere Küken häufig an ältere, um deren Überleben zu sichern, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal «The American Naturalist». Die Kleinsten dienen demnach als eine Art lebende Speisekammer für ihre kannibalistischen Geschwister.

Der Wiedehopf (Upupa epops) ist mit seinem auffälligen, orangefarbenen Federkamm auf dem Kopf und dem langen, gebogenen Schnabel ein sehr markanter Vogel. Im 19. Jahrhundert war er noch an einigen Orten häufig anzutreffen, aber heute zählt er zu den bedrohten Arten in Deutschland.

Ab Anfang März machen sich Wiedehopfe aus den Winterquartieren an der westlichen Mittelmeerküste und südlich der Sahara auf den Weg zu uns, um Höhlen für die Brut zu finden. Während der Eiablage und zu Beginn der Kükenaufzucht übernimmt das Männchen allein die Versorgung, während das Weibchen das Nest nur selten und kurz verlässt.

Geschwistermord – gar nicht so selten

Von vielen Vogelarten ist bekannt, dass sich Geschwister gegenseitig umbringen, darunter bestimmte Adler, Pelikane und Blaufußtölpel. Kainismus wird diese Tötung eines jüngeren Geschwisters durch ein älteres genannt. Die unliebsame Konkurrenz im Nest wird dabei aber meist nur getötet, nicht gefressen. Das Zweitgeborene ist in solchen Fällen quasi eine biologische Sicherheitsreserve: Schwächelt oder stirbt der Erstling, kommt das jüngere Küken zum Zug; in sehr nahrungsreichen Jahren schaffen es mitunter auch beide Jungvögel, flügge zu werden.

Das Forschungsteam erklärt, dass Geschwister-Kannibalismus bei Vögeln selten vorkommt. Wenn es jedoch passiert, werden in der Regel nur aus anderen Gründen gestorbene Nestlinge gefressen. Im Gegensatz dazu füttern Wiedehopf-Mütter oft gezielt lebhafte junge Küken an ihre älteren Geschwister.

Die Forscher um María Dolores Barón von der Versuchsstation für Trockenzonen EEZA in Almería haben das Verhalten von Wiedehopfen in Südspanien untersucht. Nistkästen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: In der einen erhielt die Mutter während der Eiablage zusätzliche Nahrung in Form von 25 toten Grillen, in der anderen nicht.

Wiedehopf-Weibchen, die zusätzlich gefüttert wurden, legten im Durchschnitt ein Ei mehr. In ihren Nestern gab es auch eine höhere Anzahl von gefressenen Geschwistern. Es wurde auch festgestellt, dass die verbleibenden Küken in Nestern mit viel Geschwister-Kannibalismus erfolgreicher flügge wurden.

Die Forscher deuten darauf hin, dass Wiedehopfe bewusst mehr Eier legen, wenn es während der Eiablagezeit ausreichend Futter gibt, um Nahrungsreserven für den Nachwuchs anzulegen. Jüngere Küken dienen als Vorratskammer für ihre älteren Geschwister und erhöhen deren Überlebenschancen.

Mordende Mütter

Wiedehopfe fressen hauptsächlich Insekten, ihre langen, gebogenen Schnäbel sind zum Töten und Fressen von Küken nicht gut geeignet. Das sei womöglich der Grund dafür, dass Wiedehopf-Mütter oft gezielt ein jüngeres Küken in den Schnabel eines älteren stopfen, das das Geschwisterchen dann im Ganzen schluckt, erklärte Mitautor Juan José Soler in einem Beitrag in «Science».

dpa