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Neues Abnehmmedikament «Wegovy» sorgt für Hype und Nebenwirkungen

Ein Jahr nach der Einführung in Deutschland: «Wegovy» hilft beim Abnehmen, aber mit Risiken und Nebenwirkungen.

„Wegovy“ - ein sehr beliebtes Mittel zu Abnehmen.
Foto: Jens Kalaene/dpa

Dass um ein Medikament ein regelrechter Hype entsteht, ist selten. Doch mit dem Mittel «Wegovy» ist es passiert: Menschen zeigen in sozialen Medien, wie sie damit abnehmen – und berichten von Nebenwirkungen. Was hat sich seit der Einführung vor einem Jahr getan? Ein Überblick: 

Was ist «Wegovy»?

«Wegovy» ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das beim Abnehmen und Halten von Gewicht helfen soll, indem es den Appetit zügelt und das Sättigungsgefühl steigert. Für diese Nutzung können Ärztinnen und Ärzte das Mittel des dänischen Unternehmens Novo Nordisk seit Mitte Juli 2023 in Deutschland verschreiben. Patienten spritzen es sich mit einem Fertigpen, der einem Stift ähnelt, einmal pro Woche unter die Haut. 

Der «Wegovy»-Wirkstoff Semaglutid wurde schon seit längerem zur Behandlung von Typ-2-Diabetes genutzt – unter dem Handelsnamen «Ozempic». «Wegovy» enthält den Wirkstoff in höherer Dosierung und wurde für Menschen mit Adipositas, also Fettleibigkeit, zugelassen, ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30. Die Therapie soll mit Diät und Bewegung kombiniert werden. 

Wie wirkt «Wegovy»?

Der «Wegovy»-Wirkstoff Semaglutid imitiert die Wirkung des Darmhormons GLP-1 (Glucagon-like peptide-1). Dieses werde nach dem Essen aus dem Dünndarm freigesetzt, erläutert Matthias Laudes, Vizepräsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG) und Direktor des Instituts für Diabetologie und klinische Stoffwechselforschung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. 

Das Hormon signalisiere der Bauchspeicheldrüse, Insulin zu produzieren. «Das ist die antidiabetische Wirkung», sagt Laudes. Der zweite Effekt sei, dass dem Gehirn mitgeteilt werde, dass etwas gegessen wurde und es ein Sättigungsempfinden entwickeln könne. «Das ist die gewichtsregulierende Wirkung.» 

Die dritte Wirkung besteht darin, dass dem Magen signalisiert wird, dass noch ausreichend Essen im Dünndarm vorhanden ist und daher die Magenentleerung verlangsamt wird. Patienten bemerken insbesondere diesen Effekt als Nebenwirkung – nämlich Übelkeit. Dies verschwindet jedoch in der Regel, wenn sich die Menschen daran gewöhnen, kleinere Portionen zu essen, sagt Laudes.

Welche weiteren Nebenwirkungen gibt es? 

Neben Übelkeit komme es zu Beginn der Therapie häufig zu weiteren Magen-Darm-Beschwerden wie Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, sagt Karsten Müssig von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie am Franziskus-Hospital Harderberg. Daher werde mit einer niedrigen Dosis begonnen, die nach und nach gesteigert werde. Seltene Nebenwirkungen seien eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse und Darmverschluss. «Deshalb sollte die Behandlung nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen», mahnt Müssig. 

Eine jüngst in der Fachzeitschrift «Jama Ophthalmology» veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass Semaglutid in sehr seltenen Fällen mit einer schweren Augenerkrankung einhergehen könnte – der sogenannten nicht-arteriitischen anterioren ischämischen Optikusneuropathie (NAION). Erwiesen sei dies zwar nicht, ernst nehmen müsse man es aber schon, sagt Horst Helbig von der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) und vom Universitätsklinikum Regensburg. Die Klärung dieser Frage bedürfe weiterer Untersuchungen und einer sorgfältigen Beobachtung von Patienten. 

Berichte deuten auf ein weiteres Phänomen hin, bekannt unter dem Begriff «Ozempic Face»: Generell kann bei einer schnellen Gewichtsabnahme das Gesicht eingefallen und stark gealtert wirken.

Muss «Wegovy» lebenslang genommen werden? 

Adipositas sei ebenso wie Diabetes eine chronische Erkrankung, sagt Laudes, daher müsse das Medikament lebenslang genommen werden. «Bei einem Diabetesmedikament würde ja auch niemand sagen, das könne man nach sechs Monaten absetzen», sagt Laudes. «Jeder adipöse Mensch hat sein Leben lang das Problem, dass er immer wieder zunehmen kann.» Das sehe man etwa auch nach Magenverkleinerungen. 

Worauf müssen Patienten achten?

Eine Behandlung von Adipositas sollte immer auch eine Veränderung des Lebensstils beinhalten, zum Beispiel in Form einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger körperlicher Bewegung, so der Experte der DGE, Müssig. Die Ernährung sollte kalorienreduziert und ballaststoffreich sein und zudem weniger gesättigte und mehr ungesättigte Fettsäuren enthalten – ähnlich wie bei der mediterranen Ernährung.

Was kostet «Wegovy»? 

Laut Müssig kostet die Adipositas-Therapie etwa 300 Euro pro Monat. Die Patienten müssen die Kosten selbst tragen, da die gesetzlichen Krankenkassen das Medikament nicht übernehmen.

Beeinflusst «Wegovy» die Fruchtbarkeit von Frauen?

Unter der Behandlung mit Semaglutid – also «Wegovy» oder «Ozempic» – habe es bei Frauen, die längere Zeit einen unerfüllten Kinderwunsch hatten, Schwangerschaften gegeben, sagt Ulrich Knuth, Vorsitzender des Bundesverbands Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschland (BRZ). Valide Zahlen dazu gebe es allerdings nicht. Möglicherweise, so der Experte, spiele hier die Verringerung des Körpergewichts eine Rolle. Es sei bekannt, dass Adipositas die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft verringere. 

Es wird empfohlen, während der Schwangerschaft und Stillzeit das Präparat nicht einzunehmen. Wenn jemand plant, ein Kind zu bekommen, sollte Semaglutid mindestens zwei Monate im Voraus abgesetzt werden, so die europäische Arzneimittelbehörde EMA.

Welches Fazit kann nach einem Jahr gezogen werden? 

Das Diabetesmedikament «Ozempic» sei schon lange Zeit jenseits der eigentlichen Zulassung – also gegen Typ-2-Diabetes – zur Gewichtsreduktion eingesetzt worden, sagt Diabetologe Müssig. Die Einführung von «Wegovy» ging vor einem Jahr mit der Hoffnung einher, dass «Ozempic» nicht länger als Adipositas-Medikament eingesetzt wird und verstärkt den Diabetes-Patienten zur Verfügung steht. Zwar habe sich inzwischen die Verfügbarkeit von «Ozempic» gebessert, aber es gebe weiterhin Lieferengpässe. Adipositas-Experte Laudes sagt, auch bei «Wegovy» sei die Nachfrage größer als die Produktion. 

Die EMA warnt ausdrücklich davor, Präparate auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, da dies das Risiko von Produktfälschungen erhöht. Zudem sollten die Medikamente nur gemäß den jeweiligen Zulassungen für Typ-2-Diabetes und Adipositas verwendet werden. Wenn nicht adipöse Personen diese Medikamente lediglich zur Optimierung ihrer Figur einnehmen, verschärft dies die bereits bestehenden Engpässe.

Ist Novo Nordisc der einzige Anbieter einer Abnehmspritze?

Nein. Der US-Pharmakonzern Eli Lilly vertreibt inzwischen unter dem Namen «Mounjaro» ebenfalls eine Abnehmspritze – sie beinhaltet den Wirkstoff Tirzepatid, der ebenso wie Semaglutid ein GLP-1-Rezeptoragonist ist. Sie ist seit Ende vergangenen Jahres in der EU zugelassen.

Gerade ergab eine Studie, dass sich damit deutlich eher ein starker Gewichtsverlust erreichen lässt als mit Semaglutid. Die Nebenwirkungsrisiken beider Substanzen seien vergleichbar, berichtet das Forschungsteam im Fachjournal «JAMA Internal Medicine». Aussagen zu Langzeitfolgen sowie zum Erreichen wichtiger Ziele wie einem verringerten Risiko für Herzinfarkte ließen sich aus der Analyse nicht ableiten.

dpa