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Maori und Cookinseln: Wale erhalten juristischen Status

Die Ureinwohner schützen Wale als Vorfahren und setzen sich für ihre Rechte ein, um sie weltweit besser zu schützen.

Indigene Völker im Südpazifik haben eine besondere Verbindung zu Walen.
Foto: Maxi Jonas/AP/dpa

Die Wale sind für die Ureinwohner Neuseelands mehr als nur Tiere. Die Maori sehen eine direkte Verbindung zwischen sich und den Meeressäugern und betrachten sie als ihre Vorfahren, als Verwandte. Laut Überlieferung wurden sie auf ihren Reisen über die Ozeane einst von Tohorā (dem Maori-Wort für Wale) beschützt. Heute betrachten sich die Maori selbst als Hüter der bedrohten Giganten. Auch bei anderen indigenen Inselbewohnern im Südpazifik, insbesondere in Polynesien, gelten Wale als heilig. Einige ihrer Anführer haben sich zusammengeschlossen, um den Tieren einen neuen Status als juristische Person zu verleihen.

Vor wenigen Tagen wurde auf Rarotonga, der größten der Cookinseln, eine entsprechende Vereinbarung mit dem Namen «He Whakaputanga Moana» – Deklaration für den Ozean – unterzeichnet. An der Zeremonie nahmen neben dem Maori-König Tuheitia Paki auch mehr als ein Dutzend hochrangige Vertreter der Ureinwohner der Cookinseln und von Tahiti teil. Ihre Hoffnung ist, dass sich andere Inseln der Region der Initiative anschließen und sich ein solcher Schritt am Ende auch international durchsetzen kann. Das Ziel: Eine Grundlage zu schaffen, um Wale weltweit besser schützen zu können.

Indigene gelten als Hüter der Erde

«Der Gesang des Liedes unserer Vorfahren ist schwächer geworden, und ihr Lebensraum ist bedroht, weshalb wir jetzt handeln müssen», sagte König Tuheitia Paki. «Wir können nicht länger die Augen verschließen. Wale spielen eine entscheidende Rolle für die Gesundheit unseres gesamten Meeresökosystems.» Der Rückgang ihrer Populationen störe das empfindliche Gleichgewicht, auf dem alles Leben im Pazifik basiere. «Wir müssen dringend handeln, um diese großartigen Kreaturen zu schützen, bevor es zu spät ist.»

Die indigenen Völker gelten als Hüter der Erde, weil sie in enger Verbindung zur Natur leben und das Leben insgesamt in einem großen kosmischen Zusammenhang sehen. In ihrem Glauben ist alles Lebendige miteinander verbunden. Indigene Völker seien die besten Verbündeten zum Schutz der Natur, heißt es in einem Bericht der Umweltstiftung WWF. «Über Generationen haben sie unschätzbares Wissen über die Natur und ihre nachhaltige Nutzung gesammelt.» Aber die globale Gier nach Ressourcen bedrohe diese Völker genauso wie die Ökoregionen, in denen sie leben.

Wale sind wichtige Klimaschützer

Die Meeressäuger sind nicht nur durch Klimawandel, Umweltverschmutzung, Lärm oder die Kollision mit Schiffen gefährdet, sondern auch durch den kommerziellen Walfang. Arten wie der Blauwal, der Grönlandwal oder der Westpazifische Grauwal gelten bereits als stark gefährdet und drohen, bald auszusterben.

Gleichzeitig sind Wale wichtige Klimaschützer: «Sie durchmischen Nährstoffe im Meer und fördern durch ihre Ausscheidungen das Wachstum von Phytoplankton, das mehr als die Hälfte des weltweiten Sauerstoffs produziert», heißt es auf der Webseite der Organisation Whale and Dolphin Conservation (WDC). Ihre Körper dienten als riesige Kohlenstoff-Speicher und seien nach ihrem Tod eine wertvolle Nahrungsquelle für das Leben in der Tiefsee.

«Überall im Pazifik lebten indigene Völker seit jeher im Einklang mit dem Ozean», schrieb die Maori-Umweltschützerin Mere Takoko zu der nun unterzeichneten Erklärung im Klima- und Kulturmagazin Atmos. Das Meer sei nicht nur eine Nahrungsquelle, «sondern ein lebendiger Vorfahre, ein Wissensspeicher, der über Generationen weitergegeben wird». Und Wale seien mehr als nur Ressourcen, die ausgebeutet werden müssen: «Sie sind auch fühlende Wesen und unsere Vorfahren.»

Bisher kein verbindlicher Vertrag

Aber was umfasst ein juristischer Status? Laut Takoko geht eine solche Maßnahme weit über traditionelle Schutzmaßnahmen hinaus, weil Wale so als Personen mit inhärenten Rechten anerkennt werden. «Dazu gehören das Recht auf Bewegungsfreiheit, auf eine gesunde Umwelt und darauf, Seite an Seite mit der Menschheit zu gedeihen.» Würde ein Schiff einen Wal verletzen oder gar töten, würde dies vermutlich mit hohen Geldstrafen verbunden sein. Versicherungen könnten dann etwa von den Eignern verlangen, spezielle Überwachungs- oder Antikollisions-Geräte zu installieren. 

Die Erklärung sei zwar bisher kein verbindlicher internationaler Vertrag, habe aber dennoch erhebliches Gewicht, ist Takoko überzeugt. So gebe es bereits eine weltweite Diskussion über den rechtlichen und ethischen Status von Walen. Und das Konzept sei auch nicht neu, sondern inspiriert vom «Te Urewera Act» von 2014 – der Neuseeland zu einem Vorreiter im Umweltschutz machte.

Damals wurde das Waldgebiet Te Urewera auf der Nordinsel vom Parlament zur juristischen Person erklärt und erhielt alle damit verbundenen grundlegenden Rechte. Im Jahr 2017 folgte der Whanganui River, der drittlängste Fluss des Landes. Dieser wird nun als unteilbares und lebendiges Ganzes anerkannt, das seinen gesamten Verlauf von den Bergen bis zum Meer sowie alle seine physischen und metaphysischen Elemente umfasst. Erst im letzten Jahr erhielt auch der Berg Taranaki Maunga den gleichen Status als Rechtssubjekt.

Menschen im Krieg mit der Erde

«Die Lieder der Wale sind mehr als nur betörende Melodien: Sie sind ein Barometer für die Gesundheit des Ozeans», brachte es Takoko auf den Punkt. «Ihr Diminuendo ist ein Weckruf.» Die Menschheit müsse wieder von einer Weltsicht der Ausbeutung zu einer Weltsicht des Zusammenlebens übergehen. 

Oder wie Oren R. Lyons, bekannter Umweltaktivist des indigenen Stammes der Onondaga, es bei einer viel beachteten Rede auf dem UN-Friedensgipfel im Jahr 2000 formulierte: «Es kann keinen Frieden geben, solange wir Krieg gegen unsere Mutter, die Erde, führen.» Verantwortungsvolle und mutige Maßnahmen müssten ergriffen werden, damit die Menschheit wieder mit den Naturgesetzen in Einklang lebe.

dpa