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Kita kann soziale Ungleichheit abfedern – Platzmangel bremst

Die ersten Lebensjahre gelten als prägend, doch die Ausgangslage ist für Kinder je nach Familie anders. Gerade die, die von einem Kita-Besuch am meisten profitieren würden, sind vom Platzmangel besonders betroffen.

Eine Untersuchung mit fast 1000 Kindern mit einem langen Beobachtungszeitraum von mehreren Jahren ergab, dass Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Haushalten deutliche größere Vorteile aus einem Kitabesuch ziehen als Kinder aus privilegierteren Familien.
Foto: Monika Skolimowska/dpa

Drei Mädchen, ein Junge, eine Pädagogin und ein kleines Erzähltheater: Alina, Ronja, Adisha und Milo – allesamt drei oder vier Jahre alt – sitzen in einer gemütlichen Ecke in einer Dortmunder Kita. Sprachförderkraft Petra Hahn schlägt einen Mini-Gong und öffnet die Türen des ausklappbaren Papiertheaters – und los geht’s. Vorn auf den Bildtafeln geht es um Karneval, die Jahreszeiten, den Frühling – hintergründig um Wortschatz, Begriffsbildung, Erzählfähigkeit. «Was kommt denn nach dem Winter?», fragt die Pädagogin. «Ostern», sagt Ronja. «Und was fliegt am Himmel?» Das weiß die indischstämmige Alina: «Ein Schmetterling und ein Vogel, die bauen Nester.» Die Kleinen sind ganz bei der Sache, suchen manchmal etwas länger nach den passenden Worten, auch mal mit Gestik, aber sie alle sind aktiv und mit Freude dabei – und machen sprachliche Fortschritte, wie Petra Hahn berichtet. 

In der städtischen «FABIDO-Kita Berliner Straße» werden 70 Kinder von null bis sechs Jahren in vier Gruppen betreut. 26 Nationalitäten sind vertreten. «Wir haben einen sehr hohen Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte, unsere Kinder kommen aus Familien mit unterschiedlichem Bildungsniveau und verschiedenen kulturellen Hintergründen», schildert Leiterin Rosaria Caravante. Sprachförderung wird großgeschrieben. Das Team besucht dazu auch Fortbildungen. Ein Sprachkoffer mit Spielen zur Wortschatzerweiterung wandert durch die vier Gruppen. Petra Hahn holt zur gezielten Sprachförderung auch einzelne Jungen und Mädchen mit besonderem Bedarf aus den Gruppen – etwa aus bildungsfernen Familien oder Kinder wie Anour (4), der noch kein Deutsch konnte, als er vor Monaten in die Kita kam. 

Das alles geht dank einer selten guten Personaldecke. Aber sehr, sehr viele Kinder müssen abgewiesen werden. «Ich habe 21 freie Plätze ab Sommer und 420 Namen auf der Warteliste», bedauert die Leiterin der Einrichtung, die auch Familienzentrum und Kultur-Kita ist. 

Besuch bringt besonders Plus für Kinder aus nicht privilegierten Familien    

Insbesondere Kinder aus sozial schwächeren Familien können laut einer Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) besonders stark von einem Kita-Besuch profitieren. Herkunftsbedingte Unterschiede in Bereichen wie Wortschatz oder erstem mathematischen Verständnis lassen sich dadurch verringern. Allerdings sind Kinder aus benachteiligten Familien mit geringeren ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen deutlich stärker von einem Mangel an Betreuungsplätzen betroffen als Kinder aus privilegierteren Familien.

Eine Studie mit fast 1000 Kindern über einen langen Zeitraum von mehreren Jahren hat ergeben, dass Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Familien größere Vorteile aus dem Besuch eines Kindergartens ziehen als Kinder aus privilegierten Familien. „Das gilt insbesondere für erste mathematische Vorläuferfähigkeiten wie Mengenangaben“, erklärt die Studienautorin Corinna Kleinert. Auch beim Wortschatz zeigten Kinder, die im Alter von zwei Jahren in den Kindergarten kamen, drei Jahre später sehr positive Auswirkungen. Ähnlich positiv war es bei der Fähigkeit, Dinge zuzuordnen und erste Schlussfolgerungen zu ziehen.

Ein Kita-Besuch könne also ein soziales Gefälle in den kognitiven Kompetenzen von Kindern vermindern, sagt Kleinert. Umso bedauerlicher: «Je niedriger der Status bei Bildung und Einkommen in der Familie ist oder wenn der Faktor Migrationshintergrund hinzukommt, desto tendenziell später besuchen die Kinder eine Kita.» Nur etwa 35 Prozent der Jungen und Mädchen aus schlechter gestellten Familien besuchten im Alter von zwei Jahren eine Einrichtung. 

Die Soziologin betont: «Eine gezielte Förderung in sehr jungem Alter ist nachhaltig, eine langfristig lohnende staatliche Investition. Ein späterer Aufholprozess ist immer viel mühsamer und teurer.» Und: «Es ist nicht so, dass diese Eltern ihre Kinder nicht in eine Kindertagesstätte schicken wollen, sondern sie haben beim Ringen um die knappen Plätze oft das Nachsehen. Das liegt an Informationsdefiziten und auch an den Auswahlverfahren.»

Soziale Selektivität?   

Eine kürzlich von der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführte Analyse hat gezeigt, dass es eine deutliche Ungleichheit in der Nutzung von Kindertagesstätten nach familiären Merkmalen gibt. Kinder aus Familien, die von Armut bedroht sind, deren Eltern keinen akademischen Hintergrund haben und in denen hauptsächlich nicht Deutsch gesprochen wird, besuchen seltener eine Kita als andere Kinder. Die Kluft für Jungen und Mädchen aus benachteiligten Familien ist besonders groß im zweiten und dritten Lebensjahr.

Kleinert betont, dass Gebühren in diesem Kontext praktisch keine Rolle spielen. Familien, die Sozialleistungen beziehen, sind seit August 2019 bundesweit von Kita-Gebühren befreit. In vielen Bundesländern ist die Kita grundsätzlich, teilweise oder für bestimmte Jahre gebührenfrei. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2023 3,93 Millionen Kinder in Tageseinrichtungen betreut. Die Betreuungsquote für unter Dreijährige lag am Stichtag 1. März 2023 bei etwa 36 Prozent, für Drei- bis Sechsjährige bei über 90 Prozent. Die Bertelsmann Stiftung schätzt, dass etwa 430.000 Kitaplätze fehlen.

Ein Kita-Besuch per se bringt noch keinen Nutzen 

Auch Bildungsexpertin Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung moniert, dass Kinder aus sozialökonomisch benachteiligten Familien bei der Platzvergabe häufig das Nachsehen hätten. Zugleich stellt sie klar: «Profitieren können Kinder nur dann von einem Kita-Besuch, wenn dort die Qualität stimmt.» Ob frühkindliche Bildungsarbeit und kompensatorische Leistungen in einer Kindertagesstätte möglich seien, hänge maßgeblich von der Personalausstattung ab. Und da hapere es sehr häufig, es brauche viel mehr und gut qualifizierte Erzieherinnen. 

In der Dortmunder Kita erzählt Kadisha (3) derweil von ihrem ersten Karneval: «Ich war das da», zeigt sie auf ein Prinzessinnen-Bild im Mini-Theater. Dem dreijährigen Milo haben es die Blumen auf den Bildtafeln des Papiertheaters angetan, ein neues Wort hat er gelernt: «Schneeglöckchen». Eines dürfen die Kinder später im Vorgarten einbuddeln. Kita-Leiterin Caravante sagt: «Wir erleben eine große Dankbarkeit der Eltern, dass ihre Kinder hier so viel mitnehmen können.»

dpa