Barbie trägt sie, Lionel Messi genauso, nun auch die DFB-Elf: die Farbe Rosa. Kaum eine Nuance ruft mehr Emotionen hervor. Denn es geht auch um Männlichkeit, Ideologie und Zeitgeist.
Kontroverse Farbe: Wie Pink Emotionen auslöst

Die Premiere des Rasens in Pink-Lila ist erfolgreich verlaufen. Was wäre wohl in den sozialen Medien passiert, wenn die deutschen Fußball-Herren am Dienstagabend nicht gegen die Niederlande gewonnen hätten? Denn in den Tagen zuvor wurde in den dunklen Ecken des Internets aufgrund des auffälligen Outfits der DFB-Elf teilweise das Ende der Männlichkeit prophezeit.
Denn offensichtlich ist: Pink ist nicht wie Ocker, Beige oder Azurblau auch ein Politikum. Die Farbe führt oft zu Auseinandersetzungen über Ideologie und Geschlecht. Seit Jahrzehnten hat sich die Dualität von Rosa für Mädchen und Hellblau für Jungen durchgesetzt. Gleichzeitig wurden auch vermeintliche Eigenschaften mit einer Farbe versehen: Sanftheit und Stärke.
Was ist eigentlich Pink? Was Rosa?
Rosa ist eine helle Farbe, die aus Rot und Weiß gemischt ist. Als Begriffe wie rosenrot oder rosig im späten 18. Jahrhundert nicht mehr den zartroten Farbton zu beschreiben scheinen, wird das Rosa ins Deutsche übernommen, entlehnt vom lateinischen Wort für die Rose.
Pink ist erst seit den 1980er-Jahren in deutschen Wörterbüchern verzeichnet. «Damals haben leuchtende, kräftige Farben aus der amerikanisierten Popkultur in der deutschen Sprache Niederschlag gefunden», sagt Niels Holger Wien. Er ist als Head of Colours am Deutschen Mode-Institut (DMI) verantwortlich dafür, Strömungen des gesellschaftlichen Farbempfindens zu analysieren.
Während Pink im Englischen (entstanden aus dem Wort für Nelke, englisch: «pink») für alle Farben im Rosa-Spektrum steht, beschreibt es im Deutschen «ein dunkles, gesättigtes, leuchtendes, blaustichiges Rosa, für das die Engländer kein eigenes Wort haben», schreibt der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch auf seinem Blog. Kurzum: Alles, was pink ist, ist auch rosa – aber nicht alles, was rosa ist, ist pink.
Pink-Debatte als Politikum
Jedoch, unabhängig von der genauen Definition eines Farbtons: Einige Menschen reagieren sowohl auf Pink als auch auf Rosa, lehnen in diesem Zusammenhang eine Anpassung an einen vermeintlichen Zeitgeist ab, der angeblich die Geschlechtergrenzen verwischen will. Manche lassen sogar ihrem Hass auf Stereotypen, die sie mit Rosa in Verbindung bringen, freien Lauf.
Für Farbforscher Axel Buether sind Männer, die Rosa tragen, «ein Stück weit einfach an einer offenen Gesellschaft» und «einer kommunikativen und freundlichen Einstellung» interessiert. DMI-Experte Wien erklärt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur über die Pink-Debatte: «Für mich hat die Aufregung eine politische Dimension und sehr viel mit Diskriminierung von Minderheiten zu tun.»
Seit Jahren wird auf der Pink-Welle gesurft
Dabei sind kräftiges Pink, sanftes Rosa und alles dazwischen schon länger auf Laufstegen und an trendbewussten Fashionistas zu sehen. Mit der um das Jahr 2016 auftauchenden, sehr hellen und sanft-warmen Nuance «Millennial Pink» wird Rosa nach Wiens Ansicht zu einer genderneutralen Farbe: Männer entdeckten sie gleichsam wie Frauen für sich. «Dieses Millennial Pink ist vielleicht auch der Grund für mehr Akzeptanz dieses ganzen Farbbereichs», sagt er. Es stelle eine toxisch-verstandene Männlichkeit infrage.
2023 entscheidet sich das Pantone-Institut, das jedes Jahr die Trendfarbe ausruft, für den intensiv-pulsierenden Ton «Viva Magenta». Als dann später im Jahr auch noch der «Barbie»-Film Furore macht, ist die Pink-Welle kaum zu stoppen.
Im Herrenfußball sind solche Jerseys jedenfalls überhaupt nichts Neues. Juventus Turin läuft 1898 erstmals in Pink auf, bevor das Design der Italiener in die legendären schwarz-weißen Streifen wechselt. Und der argentinische Superstar Lionel Messi trägt aktuell beim US-Club Inter Miami an Spieltagen den Rosa-Ton «Pantone 1895C». Die «New York Times» nennt das Trikot im Herbst 2023 «das heißeste Stück Sportartikel auf dem Planeten». Das neue DFB-Shirt liege «voll im Einklang mit dem Zeitgeist», sagt Wien.
Männlich, weiblich, universell
Pink und Rosa werden von vielen mit Weichheit oder Zartheit in Verbindung gebracht. Im Sport seien die Farben deshalb «lange Zeit ein No-Go gewesen», sagt Farbforscher Buether. Barbie-Puppen, Einhörner und Prinzessinnen sind stattdessen schon lange in solchen Tönen gehalten. Jungen, die sich dafür begeistern, werden nicht selten in der Schule gemobbt.
Früher war Rosa ausschließlich für den männlichen Nachwuchs bestimmt. Vor etwa 1880 mussten Farben mühsam und teuer aus natürlichen Pigmenten hergestellt werden, bevor es synthetisch möglich wurde. Aus diesem Grund trugen hauptsächlich Machthaber leuchtende Rottöne und ihre männlichen Nachkommen, also zukünftige Regenten, Rosa.
Es wird vermutet, dass die Verbindung zwischen Farbe und Homosexualität im 20. Jahrhundert auf die Verfolgung von Schwulen durch die Nazis zurückzuführen ist. Homosexuelle Häftlinge in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wurden gezwungen, einen rosa Winkel als Kennzeichnung auf ihrer Kleidung zu tragen. Viele von ihnen starben.
Die Listen über Männer, die im Deutschen Kaiserreich verdächtigt wurden, homosexuell zu sein, erhielten im Laufe der Zeit den volkstümlichen Namen „Rosa Listen“, der bereits zu dieser Zeit verwendet wurde.
Für den Farbexperten Wien ist das Rosa-Hellblau-Klischee für Mädchen und Jungen überholt in einer Gesellschaft, die offen für verschiedene Gruppen und Beziehungsgefüge sei. «Keine Farbe, egal welcher Schattierung, ist irgendeinem Geschlecht oder irgendeinem Menschen zugeschrieben», resümiert er. «Alle Farben sind universell.»








