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«Langsam, aber sicher»: Teile der US-Ostküste sinken ab

Der Meeresspiegel steigt – gleichzeitig sinken Bereiche der US-Ostküste ab. Das steigert das Risiko für Überschwemmungen und birgt Gefahren für die Infrastruktur. Wie sieht es in Deutschland aus?

Die Skyline von New York City: Jahr für Jahr steigt der Meeresspiegel und erhöht weltweit für Küstenregionen und ihre Bewohner die Gefährdung durch Überschwemmungen.
Foto: Frank Franklin II/AP/dpa

Jahr für Jahr nimmt der Meeresspiegel zu und erhöht weltweit das Risiko von Überschwemmungen für Küstenregionen und ihre Bewohner. Eine Studie zeigt nun, dass entlang der Ostküste der USA große Gebiete absinken – teilweise deutlich. Dies betrifft auch dicht besiedelte Städte wie New York, Baltimore und Norfolk. Die Bodenbewegung erhöht nicht nur die Gefahr von Überflutungen, sondern bedroht auch die teilweise marode Infrastruktur, darunter Gebäude, Rohrleitungen, Straßen, Gleisanlagen und sogar Start- und Landebahnen großer Flughäfen.

«Das Problem ist nicht allein, dass das Land absinkt», erläutert Erstautor Leonard Ohenhen von der Universität Virginia Tech in Blacksburg. «Das Problem ist, dass die Hotspots des absinkenden Lands sich direkt überschneiden mit Zentren von Bevölkerung und Infrastruktur.» Als Beispiele nennen der Geowissenschaftler und seine Kollegen im Fachblatt «PNAS Nexus» die großen New Yorker Flughäfen JFK und LaGuardia, wo die jährliche Absenkrate mehr als zwei Millimeter betrage.

Das Team hat entlang eines 100 Kilometer breiten Streifens entlang der gesamten US-Ostküste mithilfe von Satellitenradarmessungen die Bodenbewegungen für den Zeitraum von 2007 bis 2020 analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass große Teile des Gebiets um mehr als zwei Millimeter pro Jahr absinken, manche Gebiete – immerhin bis zu 3700 Quadratkilometer – sogar um mehr als 5 Millimeter, stellenweise sogar um mehr als 10 Millimeter. In Städten wie New York, Baltimore und Norfolk liegt die Absinkrate hauptsächlich bei ein bis zwei Millimetern pro Jahr. Die Hauptursachen dafür sind die Verdichtung des Untergrunds, die Entnahme von Grundwasser und Bergbau.

Überflutungen auch ohne Meeresspiegelanstieg

Die Gruppe schreibt, dass das Überflutungsrisiko für bestimmte Gebiete in wenigen Jahrzehnten verdreifacht werden könnte, wenn das Absinken in Kombination mit dem derzeitigen Anstieg des Meeresspiegels von rund 4 Millimetern pro Jahr erfolgt. Selbst ohne einen Anstieg des Meeresspiegels könnten anhaltende Bodenabsenkungen in einigen Küstenregionen zu irreversiblen Überflutungen und häufigeren Überschwemmungen führen.

Laut der Aussage sei die Absenkungsrate nicht entscheidend für die Schädigung der Infrastruktur. Es wird weiterhin betont, dass es problematisch ist, wenn benachbarte Gebiete unterschiedlich schnell absinken und dadurch Schieflagen entstehen. Zusätzlich erschwerend ist, dass sich in einigen Gebieten an der Ostküste die Oberfläche hebt, wie zum Beispiel an der Chesapeake Bay nahe Baltimore. Dies wird als Spätfolge der vor etwa 10.000 Jahren verschwundenen Gletscher angesehen.

Lage in Deutschland

Thomas Lege von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) erklärt, dass auch in deutschen Küstenregionen einige Gebiete deutlich absinken. Besonders betroffen sind die Marschland-Areale, also Gebiete mit angeschwemmten, meist sehr feuchten und unverfestigten Sedimentablagerungen, wie beispielsweise in den Mündungsgebieten von Elbe und Weser. Der Leiter des BGR-Fachbereichs Gefährdungsanalysen und Fernerkundung berichtet, dass es sogar noch größere Absenkungen von jährlich zehn Millimetern oder mehr über Gasfeldern gibt, beispielsweise westlich an der Emsmündung.

Mit der Absenkung steige zwar die Gefährdung durch Überschwemmungen, sagt Lege, insbesondere wenn man in längeren Zeiträumen über mehrere Jahrzehnte denke. «Doch der Zusammenhang zwischen Meeresspiegelanstieg und Absenkung der Böden wird beim Deichbau berücksichtigt», betont der Experte. Und auch beim Bau von Straßen oder Industriegebieten über Marschland werde häufig vorgeplant: Dort würden Areale mitunter schon Jahre vor dem eigentlichen Baubeginn meterdick mit Sand bedeckt – «um den unbefestigten Boden vorzubelasten, ihn wie einen unterirdischen Schwamm etwas auszupressen und künftige Absenkungen so vorwegzunehmen».

dpa