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Medizin sieht Cannabis-Freigabe kritisch

Rund 40 Jahre lang war Kiffen in Deutschland verboten. Ein geplantes Gesetz könnte es Erwachsenen mit Regeln bald erlauben. Aus der Medizin kommen weiter Zweifel.

Cannabis ist eine psychoaktive Substanz aus der Hanfpflanze.
Foto: Patrick Pleul/dpa

Wenn du einen Joint rauchst, wird der Tag dein Freund? Es wird erwartet, dass der Bundestag in der kommenden Woche über das Cannabis-Gesetz abstimmen wird. Nach den Plänen der Ampel-Koalition soll der Anbau und Konsum von Cannabis ab April für Erwachsene in bestimmten Grenzen erlaubt sein – und so könnte der Traum vieler Kiffer in Deutschland wahr werden.

Die Idee bleibt trotzdem umstritten. Es geht weniger um das Ziel, Dealern das Handwerk zu legen. Das wollen fast alle. Allerdings gibt es Bedenken aus der Medizin, ob jungen Menschen das Risiko von Cannabis ausreichend bewusst ist. Denn das Gehirn reift bis zum Alter von 25 Jahren. Wenn dieser Prozess durch starkes Kiffen gestört wird, können lebenslange Folgen entstehen – Stichwort Psychose.

«Ich befürchte, dass wir mit dem geplanten Gesetz den Teufel mit dem Beelzebub austreiben», sagt Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank. Die Neurologin und Psychiaterin ist die künftige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN). Das Alter sei der entscheidende Punkt bei dieser Diskussion. Das werde zu wenig gesehen.

Riskanter Konsum hat viele Faktoren

Cannabis ist eine psychoaktive Substanz aus der Hanfpflanze, die abhängig machen kann – ob nun als Joint, Haschkeks oder anders verpackt. «Riskanter Konsum lässt sich nicht pauschal festmachen», sagt Stephanie Eckhardt, Referatsleiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) des Referats für Suchtprävention. Es gebe Faktoren, die zusammenspielten: Wie oft wird Cannabis genutzt? Wie viel davon? Und wie hoch ist dabei der THC-Gehalt, also die Konzentration des Rauschmittels Tetrahydrocannabinol?

Laut Eckhardt ist der Konsum von Cannabis in Deutschland vor allem bei jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren gestiegen. „Knapp die Hälfte von ihnen hat bereits Cannabis konsumiert“, sagt sie unter Berufung auf Daten von 2021. Es gibt nur Vermutungen über den Anstieg: die Verfügbarkeit, das soziale Umfeld, gesellschaftliche Trends und auch der Preis auf dem Schwarzmarkt. Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit haben im Jahr 2022 etwa 4,5 Millionen Erwachsene in Deutschland mindestens einmal Cannabis verwendet – am häufigsten im Alter zwischen 18 und 24 Jahren.

Manipulation im Gehirn

Bis zur Volljährigkeit soll Cannabis nach dem geplanten Gesetz verboten bleiben. Dann gibt es ein Stufenmodell: 30 Gramm pro Monat würden für die 18- bis 21-Jährigen in Deutschland legal sein, 50 Gramm wären es für alle älteren Erwachsenen. «Das ist kein unproblematischer Freizeitkonsum mehr», urteilt Gouzoulis-Mayfrank, Chefärztin an der LVR-Klinik in Köln. 50 Gramm im Monat reichten für mehrere Joints am Tag. Auch 30 Gramm seien für junge Volljährige zu viel. «Die geplante Legalisierung ist ein Feldversuch in der Gesellschaft», sagt die Ärztin für die DGPPN. «Aus unserer Sicht sollten wir im Moment nicht ganz so waghalsig voranschreiten.»

Bei der Betrachtung des körpereigenen Systems für Cannabinoid-Moleküle denken Forscher an Folgendes: Im Gehirn gibt es natürliche Strukturen und Rezeptoren für diese Substanzen. Sie sind unter anderem für die Regulation von Appetit, Emotionen und Schmerzempfindung zuständig. Dieses komplexe System entwickelt sich beim Menschen langsam bis zum Alter von Mitte 20. Wenn Cannabis von außen zugeführt wird, kann dieser Prozess gestört werden. Mediziner nehmen an, dass regelmäßiges Kiffen bei Jugendlichen die Cannabinoid-Strukturen im Gehirn verschiebt und verändert – und diese Manipulation Auswirkungen auf das gesamte Leben haben kann.

Erhöhtes Risiko für Psychosen

Dafür gebe es Hinweise aus verschiedenen Forschungssträngen, erläutert Gouzoulis-Mayfrank. Wer früh und viel kiffe, habe ein deutlich erhöhtes Risiko für Psychosen – auch noch viele Jahre später. Eine weitere Folge davon könne eine größere Anfälligkeit für Abhängigkeitserkrankungen aller Art sein. Die Risiken sind auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bewusst. Cannabis schade besonders dem noch wachsenden Gehirn, sagt auch er. Niemand dürfe das Gesetz missverstehen, hatte er bereits im August betont. «Cannabiskonsum wird legalisiert. Gefährlich bleibt er trotzdem.» Doch ist diese Botschaft angekommen?

Expertin vermisst klares Signal an Volljährige

«In den vergangenen Jahren gibt es eine zunehmende Offenheit, über Cannabis zu sprechen, auch über die mit dem Konsum verbundenen Risiken», sagt Eckhardt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. «Es soll kein Tabuthema sein.» Doch auch sie macht Einschränkungen. «Es gibt Chancen und Risiken.» Die Botschaft der BZgA an junge Menschen laute deshalb: Lasst das Kiffen bleiben. Cannabis sei eine psychoaktive Substanz, die abhängig machen könne.

Psychiaterin Gouzoulis-Mayfrank rechnet in Deutschland mit Kollateralschäden, falls die Legalisierung so kommt wie geplant. «Ich befürchte, dass es nicht gelingen wird, die Gefahren von Cannabis glaubhaft rüberzubringen.» Darum spricht sich ihr Fachverband für eine Freigabe erst ab 21 Jahren aus. «Damit würde man auch ein klares Signal an junge Volljährige senden, dass Kiffen für sie problematisch ist.»

Die Auswirkungen der Legalisierung können von Land zu Land unterschiedlich sein, da es unterschiedliche Regeln und Kontrollen gibt. Es ist nicht immer möglich, Erfahrungen aus dem Ausland auf Deutschland zu übertragen. Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ist Cannabis weltweit das beliebteste Rauschmittel, neben Alkohol und Nikotin.

dpa