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Lebensraum im Garten bedroht,Experten warnen vor Folgen für Pflanzen und Insekten.

Gepflegte Gärten schaden der Artenvielfalt und führen zum Insektensterben. Naturnahe Gestaltung ist dringend erforderlich.

Auf einer natürlichen Blumenwiese von der Fläche eines Basketballfelds können etwa 60.000 Insekten leben.
Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Ein akkurat gekürzter Rasen ist für viele Menschen nach wie vor das Schönheitsideal für ihren Garten. Erste Rasenmäher wurden bereits wieder aus dem Schuppen geholt. «Gras gehört im Frühjahr zu den ersten Pflanzen, die wieder loswachsen», sagt Margarita Hartlieb von der TU Darmstadt.

Was viele Menschen noch immer als Paradies empfinden – exotische Gewächse wie Kirschlorbeer umrahmen englischen Rasen – ist für die Natur genau das nicht. «Solche Flächen sind oft artenarm, fast tot», sagt Sophie Lokatis, Natur- und Artenschutzexpertin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Leider habe sich das Ideal des möglichst uniformen Zierrasens weltweit ausgebreitet.

Rasenmähen ist Rückschlag für die Artenvielfalt

In den meisten Gärten hierzulande lässt sich kaum noch erahnen, dass Wiesen in Mitteleuropa eigentlich zu den artenreichsten Lebensräumen zählen. Jede einzelne Mahd mit einem der überwiegend verwendeten Sichelmäher bedeutet für die Artenvielfalt einen Rückschlag – und viele Menschen kürzen während der Wachstumssaison allwöchentlich, wenn nicht sogar stetig mit einem Mähroboter ihren Rasen.

Das betrifft zum einen Pflanzen: «Gras wächst rasch von unten nach, wenn es gemäht wird», erklärt Lokatis. «Andere Pflanzen können da nicht mithalten.» Daher gebe es in regelmäßig kurzgeschorenem Rasen überwiegend nur zwei, drei dominierende Grasarten. Zur Blüte schafften es nur noch wenige andere Spezies wie Weißklee und Gänseblümchen, ergänzt Bettina de la Chevallerie, Geschäftsführerin der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 (DGG 1822).

Tod für Larven, Raupen, Grashüpfer

Betroffen sind auch Insekten: Jede Mahd bedeutet den direkten Tod für Insektenlarven, Raupen, Grashüpfer. «Nach einem Mähvorgang sind zum Beispiel etwa 80 Prozent der Heuschrecken tot», sagt Hartlieb, die am Projekt BioDivKultur für mehr Artenvielfalt auf Grünflächen beteiligt ist. «Insekten werden vom Sichelmäher zerschlagen», erklärt de la Chevallerie. Hinzu kämen unzählige kleine Lebewesen, die mit den Grashaufen entsorgt werden und darin gefangen verenden.

Auch andere Tiere darben: «Zahl und Vielfalt der Singvögel sind in den vergangenen Jahrzehnten parallel zum Insektenschwund gesunken», sagt Lokatis. Manche Arten seien stetig, zahlreiche andere vor allem bei der Aufzucht der Küken auf Insekten als Nahrung angewiesen.

Rund 17 Millionen Privatgärten in Deutschland

Laut Experten ist vielen Menschen gar nicht klar, welchen Beitrag Privatgärten zur Biodiversität und Klimaanpassung leisten. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) zufolge gibt es in Deutschland etwa 17 Millionen Privatgärten – eine große Anzahl von kleinen Lebensräumen mit einer enormen Gesamtfläche.

Ihre Bedeutung ist gerade deshalb groß, weil urbane Räume im Zuge intensivierter Landwirtschaft und abnehmender Strukturvielfalt im ländlichen Raum wichtige Rückzugsorte für etliche Arten geworden sind. «Bunte und blühende Wiesen sind aus der Kulturlandschaft fast verschwunden», sagt de la Chevallerie. «Und ein Drittel der urbanen Räume sind Gärten.»

Pflanzenwahl für den Garten: Oft Blütenfarbe statt Biodiversität

Laut der Expertin für Grünflächen, Hartlieb, können auf einer natürlichen Blumenwiese von der Größe eines Basketballfelds etwa 60.000 Insekten leben. Blüten bewundern, Insekten beobachten – «gerade auch für Kinder ist das doch total nett», sagt de la Chevallerie, Gesamtprojektkoordinatorin der Kampagne «Tausende Gärten – Tausende Arten» mit dem Ziel, eine naturnahe Gartenbewegung Trend werden zu lassen.

Die Biodiversität wird in Privatgärten in der Regel nicht als entscheidendes Kriterium für die Pflanzenauswahl angesehen, wie das IÖW in einer im Jahr 2021 vorgestellten Auswertung feststellte. Es sind eher Faktoren wie Bodendeckung oder eine bestimmte Blütenfarbe ausschlaggebend. Ein weiterer Faktor ist die Auswahl im Pflanzen- oder Baumarkt, wo das Angebot an heimischen Arten oft begrenzt ist, möglicherweise auch, weil einjährige und nicht vermehrbare Pflanzen profitabler sind.

«Jeder Quadratmeter zählt»

Das Projekt «Tausende Gärten – Tausende Arten» bietet inzwischen ein Netzwerk an Gartenmärkten, die heimische Wildstauden produzieren und speziell entwickelte Saatgutmischungen verkaufen. Langsam, aber sicher nehme das Interesse an Naturgärten zu, sagt Gartenexpertin de la Chevallerie. An Aktionen wie dem «Mähfreien Mai», initiiert von der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft und der Gartenakademie Rheinland-Pfalz, beteiligten sich immer mehr Kommunen und Privatleute: «Die Botschaft fängt an anzukommen.»

Laut dem IÖW kann die eigene Gestaltung des Gartens mit Blick auf die Biodiversität einen großen Einfluss darauf haben, Verwandte, Nachbarn und Freunde dazu zu inspirieren und zu ermutigen, ähnliche Aspekte in ihren Gärten stärker zu berücksichtigen. «Man kann dabei auch ganz klein beginnen, mit einer Blumeninsel», sagt de la Chevallerie. «Jeder Quadratmeter zählt.»

dpa