Das Epizentrum des südostasiatischen Erdbebens lag in Myanmar. Tausend Kilometer entfernt stürzte in Bangkok ein Hochhaus-Rohbau ein – wie war das möglich?
Myanmar-Beben: Spannung baute sich womöglich 200 Jahre auf
Vor dem verheerenden Erdbeben in Südostasien hat sich über viele Jahrzehnte – möglicherweise sogar bis zu zwei Jahrhunderten – im Untergrund unbemerkt Spannung aufgebaut. Laut dem Münchner Geophysiker Martin Käser ist es entscheidend, dass das Beben, obwohl es sich gut tausend Kilometer vom Epizentrum in Myanmar entfernt ereignete, ein im Bau befindliches Hochhaus in Bangkok zum Einsturz bringen konnte, aufgrund des weichen Untergrunds der thailändischen Hauptstadt.
Eines der stärkste je in Myanmar gemessenen Beben
Das Beben habe sich entlang der prominentesten Störungslinie in Myanmar ereignet, der Sagaing-Verwerfung, sagte Käser, Leiter der Abteilung für geophysikalische Risiken des Rückversicherers Munich Re und Professor an der Münchner Ludwig Maximilians-Universität. «Diese verläuft in Nord-Süd-Ausrichtung durch das ganze Land. Die Magnitude war mit 7,7 eine der höchsten je in Myanmar gemessenen.» An dieser Plattengrenze stoßen demnach im Westen die indische Platte und im Osten die eurasische Platte aneinander. Diese bewegen sich nach Käsers Worten horizontal aneinander vorbei: der östliche Teil von Nord nach Süd, der westliche in der entgegen gesetzten Richtung.
«Spannung auf einen Schlag gelöst»
«Diese zwei Platten schieben sich bei konstantem Gleiten circa zwei Zentimeter pro Jahr aneinander vorbei», sagte Käser der Deutschen Presse-Agentur. «Durch das große Beben ist die Spannung, die sich zwischen diesen beiden Platten aufgebaut hatte, auf einen Schlag gelöst worden.» Der Versatz betrage circa fünf bis sechs Meter, «je nachdem, an welcher Stelle man das genau betrachtet», sagte der Wissenschaftler. «Möglicherweise hat sich schon an die 200 Jahre lang Spannung dort aufgebaut.»
Der Bruch begann in der Nähe der in der Mitte Myanmars gelegenen Stadt Mandalay. Dieser habe sich dann überwiegend nach Süden ausgebreitet und zu einem sogenannten Richtungseffekt geführt. «Das heißt, dass die Bodenbewegung in Richtung des Erdbebenbruches, also in diesem Fall im Süden, deutlich stärker ist als im Norden.»
Weicher Untergrund in Bangkok verstärkte die Schwingungen
Im Süden liegt auch Bangkok, gut tausend Kilometer von Mandalay entfernt. Wie konnte es dazu kommen, dass in so großer Entfernung noch ein Hochhaus-Rohbau einstürzen konnte? Abgesehen davon, dass die thailändische Hauptstadt in der Richtung des Erdbebenbruchs lag, spielte nach Analyse des Geophysikers ein zweiter Faktor eine Rolle: «Bangkok hat darüber hinaus den speziellen Nachteil, auf sehr lockerem Untergrund zu stehen.» Der Fluss Chao Praya habe dort über die Jahrtausende Sedimente abgelagert, mehrere hundert Meter dick. «Und wenn diese Masse in Schwingung gerät, schaukeln sich die Bodenbewegungsamplituden sogar noch auf. Und das hat vermutlich dazu geführt, dass Bangkok auch schwere Schäden zu verzeichnen hat.»
Über 70 Menschen in Bangkok noch vermisst
Niedrigfrequente Wellen mit einer Schwankungsperiode von ein bis zwei Sekunden breiteten sich in der Erde deutlich weiter aus als hochfrequente Schwingungen. «Wenn diese niedrigfrequenten Wellen in so lockeres Material laufen wie in Bangkok, kommt es sogar in Entfernungen von bis zu tausend Kilometern zu so starken Schwingungen.»
Bislang wurden in Bangkok mehr als 20 Todesopfer bestätigt, während über 70 Personen nach dem Einsturz des dreißigstöckigen Gebäudes noch vermisst werden. Außerdem wurden viele weitere Häuser durch das Beben beschädigt.