Die Jugendämter in Deutschland müssen sich um immer mehr hilfebedürftige junge Menschen kümmern, obwohl Fachkräfte fehlen. Dies kann dramatische Folgen haben, im schlimmsten Fall geht es um Leben und Tod.
Personalnot in der Jugendhilfe: Kinderschutz in Gefahr?

Kita-Gruppen müssen fusioniert werden, da es an Erzieherinnen und Erziehern mangelt. Es kommt immer wieder vor, dass aufgrund eines Mangels an Lehrkräften der Unterricht an Schulen ausfällt. Weniger bekannt ist, dass auch Jugendämter, soziale Dienste, Heime oder Wohngruppen für Minderjährige unter einem dramatischen Fachkräftemangel leiden. Dabei sollte das im Juni 2021 in Kraft getretene Kinder- und Jugendstärkungsgesetz eigentlich dazu dienen, Mädchen und Jungen aus belasteten Umfeldern besser zu unterstützen.
Die Realität sieht anders aus. «Wir können an manchen Stellen den Kinderschutz nicht mehr gewährleisten», sagt Kerstin Kubisch-Piesk. Die Berlinerin ist Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). Sie vertritt die Mitarbeitenden in den rund 560 Jugendämtern in Deutschland, die sich unter anderem um den Kinderschutz, Familienberatung und die Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge kümmern.
Laut Kubisch-Piesk, die seit etwa 30 Jahren im Jugendamt tätig ist, sind die Aufgaben und Fallzahlen beim ASD in den letzten Jahren gestiegen, während gleichzeitig ein Personalmangel besteht. Gemäß einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln gibt es unter den Berufen neben den Erziehern die größte Fachkräftelücke bei den Sozialarbeitern.
70 bis 80 Familien bei Berufsstart
Manche junge Kolleginnen müssten zum Berufsstart gleich 70 bis 80 Familien betreuen, berichtet Kubisch-Piesk. «Wir müssen priorisieren, und wir können oft auch nicht so viele Hausbesuche machen, wie notwendig wären.» Teilweise sei nicht mehr sicherzustellen, dass nach Meldungen eines Verdachts auf Kindeswohlgefährdung jeder Fall von zwei Personen begutachtet wird, wie es die Standards erfordern.
Im Jahr 2022 wurden insgesamt 66.300 Kinder und Jugendliche von den Jugendämtern vorübergehend in Obhut genommen, um sie zu schützen. Dies bedeutet einen Anstieg um 18.900 Fälle oder 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Statistische Bundesamt hat noch keine neueren Zahlen veröffentlicht. Aus der Praxis hört man jedoch, dass sich die Situation erneut verschlimmert hat – auch weil die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten weiter gestiegen ist. Für diese Jugendlichen sind die Jugendämter zuständig.
Jugendämter geraten normalerweise nur in die Schlagzeilen, wenn Fälle falsch eingeschätzt wurden. Fehler können tödliche Konsequenzen haben. Im Prozess gegen die Mutter und den Stiefvater, die wegen Mordes verurteilt wurden, wurde öffentlich bekannt, dass der Stiefvater, der inzwischen zusammen mit der Mutter verurteilt wurde, dem Jugendamt bekannt war.
Fall war Auslöser für Reformen im Kinderschutz
Die Staatsanwaltschaft Hannover hat ein Ermittlungsverfahren gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamts eingeleitet, da es Hinweise darauf gibt, dass der Mann seine frühere Ehefrau und deren Sohn misshandelt haben soll. Es besteht auch der Verdacht, dass es Misshandlungen gegenüber den Kindern der neuen Lebensgefährtin des Mannes gegeben haben könnte. Eine Sprecherin der Anklagebehörde erklärt, dass der Vorwurf der Körperverletzung im Amt durch Unterlassen im Raum steht.
Im Oktober 2006 sorgte der Tod des zweijährigen Kevin in Bremen für Entsetzen im ganzen Land. Die Polizei fand die Leiche des Kindes im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters. Kevin war bereits Monate zuvor gestorben und wies zahlreiche Spuren von Misshandlungen auf. Untersuchungen und Gerichtsprozesse enthüllten das Versagen der Behörden. Zum Zeitpunkt von Kevins Tod hatte das Jugendamt Bremen die Vormundschaft. Dieser Fall führte zu Reformen im Kinderschutz.
Inzwischen existieren zahlreiche rechtliche Bestimmungen, aber was nützen diese, wenn sie in der Praxis nicht eingehalten werden können? Wenn es notwendig ist, Kinder oder Jugendliche zum eigenen Schutz aus ihren Familien zu nehmen, gestaltet es sich oft schwierig, sie unterzubringen. Kubisch-Piesk erzählt, dass eine Kollegin 50 Einrichtungen angerufen hat, um einen Platz zu finden. Es wäre ideal, jüngere Kinder gemeinsam mit einer Bezugsperson unterzubringen, aber dies ist selten möglich.
Was macht der «Systemsprenger»-Verbund?
Besonders schwierig ist es, Plätze für Kinder und Jugendliche mit besonders herausforderndem Verhalten zu finden – sogenannte Systemsprenger. Seit über zehn Jahren gibt es in Südostniedersachsen einen «Systemsprenger»-Verbund, bei dem sechs Jugendhilfe-Träger kooperieren, um zu verhindern, dass Maßnahmen frühzeitig abgebrochen werden und junge Menschen von Einrichtung zu Einrichtung wechseln müssen.
Die AWO Braunschweig ist ein großer Träger in dem Verbund, insgesamt verfügt sie über 170 stationäre Jugendhilfe-Plätze. Davon können wegen des zusätzlichen personellen Aufwands allerdings nur wenige an sogenannte Systemsprenger vergeben werden. «Wenn wir Plätze frei haben, dann nur, weil wir nicht das Personal haben, um Kinder und Jugendliche aufzunehmen», berichtet Nils Borkowski, Leiter des Geschäftsbereichs Jugend- und Erziehungshilfen. «Wir könnten aktuell jeden Platz mehrfach belegen. Es vergeht kein Tag an dem bei uns nicht Anfragen aus ganz Deutschland eingehen, von Bayern bis Schleswig-Holstein.»
Auch die Träger klagen über einen «katastrophalen Fachkräftemangel», wie Borkowski sagt. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter hätten eine Vielzahl an Job-Möglichkeiten, immer häufiger entscheiden sie sich ihm zufolge gegen den Schichtdienst in einer Wohngruppe. Im Gegensatz zu einem Kindergarten könne eine Wohngruppe ihre Öffnungszeiten nicht reduzieren oder mal für einen Tag geschlossen werden. «Das ist das Zuhause der Kinder», betont Borkowski.
Wie leben Jugendliche in einer Wohngruppe?
Neun Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren wohnen in einer AWO-Wohngruppe im Nordwesten von Braunschweig zusammen. Drei Jungen, vier Mädchen, zwei sind transgender. In der Etage darüber sind Appartements für Jugendliche, die sich auf die Selbstständigkeit vorbereiten. Unter dem Dach gibt es eine Tagesgruppe für Sechs- bis Zwölfjährige. In ihrer Familie habe sie Traumatisches erlebt, erzählt eine 19-jährige Transperson, die seit 2021 in der Einrichtung lebt. «Hier konnte ich zur Ruhe kommen.» Gleichzeitig sei immer ein Erwachsener ansprechbar. Die 19-Jährige zeichnet und malt in ihrer Freizeit gern, eine andere spielt Gitarre. In der Gruppe wird auch mal gemeinsam gekocht oder an der Playstation gezockt.
«Wenn das Jugendhilfesystem versagt, hat das dramatische Folgen», gibt Borkowski zu bedenken: «Bei den Kleinen geht es um Leben und Tod, bei den Älteren um eine sehr ungesunde Lebensführung.»
Heike Wiemert ist Dekanin und Professorin mit Schwerpunkt Kinderschutz an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Nach ihrer Analyse hat sich die Situation in den Jugendämtern immer weiter verschärft. Erfahrene Mitarbeitende scheiden altersbedingt aus, für die Einarbeitung junger Fachkräfte fehle Personal. «Zugleich ist die Personal-Fluktuation auf dem Höchststand», berichtet die Wissenschaftlerin.
Wiemert sagt, dass ein Monitoring zum Fachkräftebedarf im ASD und bei den Hilfen zur Erziehung, der Ausbau staatlich finanzierter dualer Studienplätze für Soziale Arbeit sowie eine Qualifizierung von Quereinsteigenden notwendig seien. Sie bedauert, dass derzeit im Allgemeinen Sozialen Dienst Studierende zur Kompensation fehlender Fachkräfte als vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt werden.
Forscherin befürchtet weitere Einbußen beim Kinderschutz
Die Forscherin beklagt, dass Kinder- und Jugendpolitik zu häufig nach Kassenlage gemacht werde und Kinder keine so starke Lobby hätten wie etwa die Automobilindustrie. «In diesem Jahr werden Kommunen angesichts der Tarifsteigerungen weitere Einsparungen in der Kinder- und Jugendhilfe nicht vermeiden können, wenn vom Bund oder Land keine Entlastung geboten wird», befürchtet Wiemert. «Weitere Einbußen beim Kinderschutz sind zu befürchten.»
Schon vor einem Jahr hatten Beschäftigte aus Jugendämtern und Jugendhilfe einen Kinderschutzgipfel unter Federführung der Bundesregierung gefordert. Jetzt organisieren mehrere Verbände – darunter SOS-Kinderdorf – ein solches Treffen am 9. April 2024 selber und haben dazu Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) eingeladen. Laut einem Ministeriumssprecher hat der Schutz der Kinder für das Bundesfamilienministerium «höchste Priorität». Schon seit Jahren leiste das Ministerium Unterstützung bei der Fachkräftesicherung.








